Energy Zürich gibt den vielen Deutschen in der Limmatstadt eine Stimme: Ab sofort moderiert die Deutsche Katrin Wilde die Morgenshow des Senders gemeinsam mit den Moderatoren Roman Kilchsperger und Reto Peritz. Wie 20 Minuten schreibt, wird sie beispielsweise das Wetter verlesen und bei tagesaktuellen Themen mitmoderieren. Zudem berichtet sie über ihre Erfahrungen als neu in die Schweiz gezogene Deutsche. Energy-Zürich-Geschäftsführer Dani Büchi taxiert es zwar als ein Wagnis, dass Energy als erstes Zürcher Privatradio eine hochdeutsch sprechende Moderatorin anstellt. Er ist aber zuversichtlich, dass Wilde auf Gegenliebe stossen wird. «Bei über 22’000 Deutschen in der Stadt Zürich verträgt es auch eine sympathische deutsche Stimme im Radio», sagte Büchi. Für die Macher vieler Privatsender sind hochdeutsch sprechende Moderatoren aber kein Thema, wie eine Umfrage der Werbewoche ergab. Sie gewichten die lokale Verankerung des Moderationsteams höher und finden, dass Moderationsleute aus Deutschland die Hörer wohl eher verärgern würden.
Für Markus Mager, Programmleiter und Chefredaktor bei Radio 24, kommen hochdeutsch sprechende Moderatoren nicht in Frage: «Wir sind ein Zürcher Radio, das Mundart spricht». Das Argument, deutsche Moderatoren würden etwas für die Integration tun, zieht bei ihm nicht: «Dann benötigte man ja auch einen italienischen, serbischen oder spanischen Moderator». Sinnvoller wäre es in seinen Augen, wenn Energy Zürich die Nachrichten ebenfalls auf Hochdeutsch verläse, so wie das Radio 24 tut. Den Schritt der Stadtzürcher Konkurrentin taxiert er als «guten Coup, um mal wieder ins Gespräch zu kommen». Ob Energy damit erfolgreich sei, werde man sehen. Mit Moderatoren, die andere Schweizer Dialekte sprechen, hat Mager hingegen gute Erfahrungen gemacht: «Der einzige Dialekt, der in Zürich nicht gut ankommen würde, ist Baseldeutsch». Eine Moderatorin oder einen Moderator aus der Stadt am Rheinknie werde man deshalb vorläufig nicht verpflichten – «es sei denn, es handelte sich dabei um ein wahnsinniges Moderationstalent», so Mager weiter.
Tony Immer, Chefredaktor von Radio Zürisee, wird in absehbarer Zeit ebenfalls keine deutschen Moderatoren einstellen: «Das würde von den Hörern nicht geschätzt. Wir legen Wert darauf, dass unsere Moderationsleute aus dem Sendegebiet stammen.» Die lokale Verankerung sei für seinen Sender sehr wichtig, so Immer weiter. Bei Moderatoren mit anderen Schweizer Dialekten achte man darauf, dass sie von der Radio-Zürisee-Hörerschaft als angenehm wahrgenommen werden, wie beispielsweise der Berner Dialekt. Weniger goutiert werden Baseldeutsch und starke Ostschweizer Dialekte. «Ausserdem kanns auch mal zu praktischen Problemen kommen: Wenn ein Berner eine Meldung auf Mundart schreibt, versteht es der Zürcher kaum», erklärte Immer.
Keine Chance für deutsche Moderationsleute gibt’s auch bei Radio Top: «Wir unterscheiden uns von den deutschen Sendern ja vor allem durch unsere regionale Berichterstattung und unseren Dialekt», erklärte Geschäftsführer Günter Heuberger der Werbewoche. Im Sendegebiet von Radio Top, das die Kantone Zürich, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen und Appenzell umfasst, gebe es ja bereits schon fünf verschiedene Dialekte. Deshalb sieht Heuberger keine Notwendigkeit, eine deutschsprechende Moderation anzustellen. Schliesslich möchte man die regionale Verankerung auch über den Dialekt erzielen.
Auch beim Basler Sender Radio Basilisk ist eine hochdeutsch sprechende Moderatorin nicht denkbar. «Seit Gründung des Basler Privatradios arbeiten hier nur Moderatorinnen und Moderatoren sowie Redaktorinnen und Redaktoren, die perfektes Baseldeutsch sprechen. Sie werden auch dementsprechend ausgewählt », erklärte Programmleiter Raphael Suter. Basel sei in dieser Hinsicht sehr speziell, wie sich im Alltag immer wieder zeige. Seitdem Radio Basilisk zur Tamedia gehöre, achte die Hörerschaft noch mehr darauf, ob der Sender wirklich baslerisch töne. «Andere Dialekte fallen im Programm auf. Sie werden aber dann goutiert, wenn es sich um Korrespondenten, beispielweise aus Bern, oder Spezialsendungen wie die CH-Szene handelt», so Suter weiter. Ganze nicht-baslerische Moderationen würden wohl aber nicht gut bei der Hörerschaft ankommen. «Wir haben vor zwei Jahren während der Basler Fasnacht mit Andi Meier von Radio 24 einen Zürcher die Morgenshow moderieren lassen: Manche fanden es sehr lustig, viele aber auch völlig daneben, weil eben nicht baslerisch». Für Gesprächsstoff habe dieser Gag gesorgt, als Institution wäre er laut Suter jedoch nicht haltbar.
Ebenso winkt Frederik Stucki, Programmleiter des Berner Regionalsenders Capital FM, bei der Frage nach deutschen Moderatoren ab: «Ein Moderator muss Nähe zum Hörer schaffen und hat nicht zuletzt die Aufgabe, eine Community herzustellen». Verschiedene Schweizer Dialekte sind hingegen auf Capital FM die Regel: «Schliesslich sind wir das Hauptstadtradio, und hier leben eben viele Leute aus der ganzen Schweiz». Das komme bei den Hörern auch gut an. Das Interesse von Deutschen an einem Moderationsjob in Schweizer Radiostationen hat auch Stucki schon erfahren; er hat bereits Bewerbungen von versierten deutschen Radioleuten erhalten.
Dominique Hofer, Programmleiter von BE1, hingegen schliesst es nicht generell aus, dass eine hochdeutsche Stimme die Co-Moderationen auf seinem Sender machen würde: «Das müsste man im Einzelfall anschauen». Eine deutsche Moderatorin wäre aber nicht erste Wahl. Das entspreche bei den meisten Hörern in der Region Bern nicht einem Bedürfnis, auch wenn die Deutschen in der Schweiz zunehmen: «Ich will ja die Berner nicht verärgern, nur weil ich den Deutschen einen Dienst erweise». Für Moderatoren, die andere Schweizer Dialekte sprechen, sei man grundsätzlich offen. «Auch hier gilt, dass ich von Fall zu Fall entscheide. Es gibt Studien, die Auskunft geben darüber, welche Dialekte die Berner gerne mögen. Diese Studien würde ich konsultieren, wenn sich jemand aus einer anderen Region bewirbt», erklärte Hofer.