Ringier hat am Donnerstag eine Reorganisation im Bereich Zeitungen bekannt gegeben. Ringier Konzernsprecher Marco Castellaneta sprach mit der Werbewoche über den Sinn der neuen Position eines Redaktionsdirektors, die weiteren Pläne für die Blick-Gruppe und die Zusammenarbeit des designierten Blick-Chefs Bernhard Weissberg und des Redaktionsdirektors Marc Walder. WW: Welches Ziel verfolgt Ringier mit der neuen Position des Redaktionsdirektors? Castellaneta: Ganz klar die Stärkung des Verlags. Man kann die publizistische Entwicklung in der heutigen Zeit nicht nur isoliert auf einen Titel beschränkt betrachten. Marc Walder wird nun über den jeweiligen Tellerrand hinausschauen und in seiner neuen Funktion als Redaktionsdirektor die publizistisch-strategische Weiterentwicklung von Blick, Sonntagsblick, Blick Online, Heute und Sport Magazin verantworten. Wird damit die Autonomie der Chefredaktoren beschnitten? Nein, überhaupt nicht. Die Chefredaktoren werden das operative Tagesgeschäft leiten, während der Redaktionsdirektor für die übergeordnete Strategie zuständig ist. Walders Position soll bildhaft gesprochen verhindern, dass nur einzelne Gärtchen gepflegt werden und darüber die ganze restliche Allmend vergessen geht.
Gleichzeitig kümmert sich aber auch Bernhard Weissberg, der designierte Chefredaktor, um die Blick-Weiterentwicklung. Wer macht denn nun was? Bernhard Weissberg ist seit einem halben Jahr mit dem Blick-Erneuerungsprojekt 2010 beauftragt. Bis zum 1. November soll das Projektteam entscheidungsreife Vorschläge vorlegen. Danach wird Weissberg als Chefredaktor starten und sich um das Tagesgeschäft kümmern. Marc Walder wird im Gegensatz dazu für die ständige publizistische Weiterentwicklung und für die strategischen Fragen des gesamten Zeitungsbereichs verantwortlich sein.
Und wer entscheidet dann, welche Blick-Variante tatsächlich umgesetzt wird? Der publizistische Ausschuss unter der Leitung des Verlegers Michael Ringier wird über die geplanten Veränderungen beim Blick entscheiden.
In welche Richtung geht das Projekt Blick 2010 inhaltlich? Dazu kann ich noch nicht viel sagen. Es wird sehr viel geschriebene über den Blick: Manche finden ihn zu links, andere zu rechts, einige zu seriös, andere zu boulevard-mässig. Es geht im Blick-Erneuerungsprojekt auch darum, sämtliche Positionen die mit dem Brand Blick besetzt werden zu überprüfen; und zwar nach ethischen, moralischen und gesellschaftlichen Kriterien. Oberstes Ziel bleibt es, dass der Blick die Nummer 1, also die meistverkaufte Tageszeitung der Schweiz bleibt.
Dann geht es bei Blick 2010 doch schwergewichtig um die Tageszeitung und nicht um die anderen Produkte? Nein, auch die Ausrichtung von Blick Online wird überprüft.
Denkt man auch über eine weitere Vergrösserung der Blick-Produktegruppe nach oder über einen massiven Ausbau im Bereich Online? Auch mit diesen Fragen beschäftigt sich das Projekt Blick 2010. Heute spielen im Mediengeschäft so viele Faktoren eine Rolle. Man kann die Leser über mobile Geräte erreichen, im Internet oder mit einer Gratiszeitung, die bald bereits in den Briefkasten flattert. Im Online-Bereich sind einige Fragen offen, und kaum einer weiss wirklich, wohin die Entwicklung geht. Wir geben das immerhin zu, während andere immer ganz genau wissen, wohin es gehen wird…
Wann soll Blick 2010 umgesetzt werden? Der Relaunch des Blick soll in den ersten Monaten des nächsten Jahres stattfinden.
Die Blick-Auflage ist in den letzten Jahren ständig gesunken. Wie sieht es dieses Jahr aus? Die Zahlen werden bald veröffentlich, vorher darf man bekanntlich noch nichts sagen oder deuten.
In der letzten Zeit ist bei Ringier ständig reorganisiert worden. Ist das ein Zeichen einer Krise? Ringier hat sich in seiner bald 175-jährigen Geschichte immer wieder erfolgreich neu positioniert. Die jetzigen Veränderungen sind Nachschritte des Internationalisierungsprozess und der Organisationsanpassung in diesem Jahr. CEO Martin Werfeli hat ja Anfang Jahr die Organisationseinheit Ringier Verlag Schweiz quasi aus dem Nichts geschaffen. Danach haben sich Anpassungen als nötig erwiesen, das bestreitet niemand. Gleichzeitig gab es einige Wechsel im Schweizer Zeitungsbereich. Die offenen Stellen wurden nun neu besetzt. Man darf die Bewegungen ruhig auch positiv werten. Es zeigt auch, dass dieser Verlag mit seinen über 6’000 Mitarbeitenden in Bewegung ist und lebt.
Wird nun Ruhe einkehren? Ja, davon ist auszugehen.
Interview: Carole Scheidegger