Forschung Weshalb More, die Plakatforschungsmethode von Clear Channel, sich verspätet hat, wurde nie kommuniziert. Die Werbewoche hakte nach bei Urs Zeier, Research Consultant von CCO Schweiz.
Vor zwei Jahren ist Clear Channel Outdoor Plakanda (CCO Schweiz) aus der gemeinsamen Plakatforschung SPR mit der APG ausgestiegen. Vor 13 Monaten, im Mai 2006, präsentierte das Unternehmen die eigene Plakatforschungsmethodik namens More (Mobility and Outdoor Research). Gemäss CCO Schweiz sollte More auf Grund einer breiteren Datengrundlage Leistungswerte für Plakatnetze und für einzelne Plakatstellen liefern sowie eine Aufschlüsselung in soziodemografische Kriterien, in Mobilitätsarten und Mobilitätsmotive ermöglichen. Gleichzeitig betonte CCO Schweiz die Wichtigkeit eines empirisch belegten Sichtbarkeitskonzeptes und kündigte an, eines der international vorhandenen Modelle für More anwenden zu wollen.
Zeitlich stand CCO Schweiz allerdings unter Druck: Werbeauftraggeber und Media-Agenturen pochten auf einen gemeinsamen Ansatz und auf nur ein Planungstool. Zudem wollten sie nicht länger warten. Um konkurrenzfähig bleiben zu können, musste CCO Schweiz möglichst schnell möglichst viel von More sichtbar machen. Wohl deshalb liess sich der Aussenwerber am 3. Mai 2006 zu einer ambitionierten Ankündigung hinreissen: Man werde More im Frühjahr 2007 im Markt lancieren, das Planungstool folge bis spätestens Mitte 2007. Im Herbst 2006 wurde dieser Termin nochmals bestätigt: «More liegt im Fahrplan – wir gehen davon aus, dass dies trotz der hohen Komplexität des Projektes so bleibt», schrieb Urs Zeier, Research Consultant von CCO Schweiz, am 30. Oktober 2006 per E-Mail.
Doch auf eine Markteinführung wartete die Werbebranche vergeblich. Und CCO Schweiz zog es vor, nicht zu kommunizieren. Heute weiss denn auch kaum jemand in der Branche, wo das Projekt genau steht. Immerhin gaben nun CCO-CEO Beat Roeschlin und Urs Zeier der Werbewoche erstmals konkreter Auskunft. Und so sieht ihre Standortbestimmung aus.
Google kauft EndoxonWas letztes Jahr im CCO-Fahrplan unter «Abschluss Frequenzatlas, Phase 1» für Mai 2006 vorgesehen war, ist erfüllt: Der Frequenzatlas oder Mobilitätsatlas, zumindest jener für den Kanton Zürich, liegt gemäss Zeier vor. Er basiert auf einer Mobilitätsstudie der ETH Zürich und bildet die Grundlage von More. Für den Mobilitätsatlas modellierte die ETH Verkehrszählungsdaten aus Bund, Kanton und Gemeinden, Mobilitätsdaten aus der Volkszählung sowie aus der Microzensus-Befragung und anderen Datenquellen (Immissions- und Verkehrskataster, Daten zum öffentlichen Verkehr u. a.) so, dass für jeden beliebigen Strassenabschnitt die täglichen Durchschnittsfrequenzen ersichtlich werden.
Zeier glaubt, dass er den Mobilitätsatlas für den Grossraum Zürich in der zweiten Hälfte Oktober 2007 vorstellen kann. Somit wird man also auf dem Fahrplan schon bald auch den Punkt «Abschluss Frequenzatlas, Phase 2» abhaken können.
Was als «Abschluss Modelling» bezeichnet und auf Sommer 2006 terminiert war, steht dagegen noch nicht. Es geht hier darum, den Mobilitätsatlas mit den Plakatstandorten sowie den GPS-Messdaten (= Mobilität im Tagesverlauf) zu koppeln und auf dieser Basis Reichweitenwerte zu ermitteln. Dieses Reichweitenmodell wird zur Zeit von der niederländischen Firma Pointlogic erstellt. Der Hauptgrund für den Rückstand: More hatte auch die Luzerner Firma Endoxon mit Koordinationsaufgaben zwischen den verschiedenen Modellbestandteilen und Datenquellen betraut. Diese Firma wurde im Herbst 2006 an Google verkauft. Es war denn auch hauptsächlich dieser Übergang, der zu den Verzögerungen der More-Arbeiten führte.
Noch nicht greifbar ist auch das Planungstool, das auf Herbst 2006 terminiert war. Gemäss Zeier wurden zwar dem More Advisory Board erste Ansätze präsentiert, doch mache die Weiterentwicklung erst Sinn, wenn auch das Reichweitenmodell steht, sagt er.
Und schliesslich ist auch noch kein Sichtbarkeitsmodell in Sichtweite. CCO Schweiz hatte vor einem Jahr diverse Modelle geprüft und einen Entscheid auf Anfang 2007 angekündigt. Doch gemäss Zeier «vermochte keines der bestehenden Sichtbarkeitsmodelle wirklich zu überzeugen». Deshalb wird demnächst im Rahmen der internationalen Forschungszusammenarbeit von Clear Channel mit andern Aussenwerbern wie JCDecaux und Ströer ein Pilotprojekt zum Thema Sichtbarkeit in Auftrag gegeben, in das die modernsten Forschungsergebnisse – unter anderem auch aus der Hirnforschung – einfliessen sollen. CCO Schweiz vertritt Clear Channel International in diesem Forschungsprojekt. Der Entscheid ist zwar mutig, in diesem Punkt mit andern Aussenwerbern zusammen zu spannen, wirft More aber zeitlich zurück. Offen ist zudem, ob je ein Konsens gefunden wird.
So oder so, ist klar: Die versprochenen Reichweiten, die auf tatsächlichen Kontakten beruhen sollen, kann CCO Schweiz erst ausweisen, wenn bei More auch ein Sichtbarkeitsmodell integriert wird. Und wie lange wird dies noch dauern? Weder Zeier noch Roeschlin wollen sich auf einen konkreten Termin festlegen.
Fazit: Es werden wohl noch mindestens zwei Jahre ins Land gehen, bis More als Ganzes fertig gestellt sein wird. Und ein Handicap wird More in jeden Fall anhaften: Es wird nur die Plakatstandorte von CCO Schweiz enthalten.
Markus Knöpfli
Siehe Interview mit dem CEO von Clear Channel Schweiz, Beat Roeschlin