Tagespresse Le Matin muss sich gegen den eigenen Gratis-Klon Le Matin Bleu abgrenzen, um beim Publikum nicht weiter einzubrechen.
«Der Matin muss magaziniger werden und sich inhaltlich und grafisch eindeutig von Gratis- und Regionalzeitungen abheben», sagt Peter Rothenbühler, Chefredaktor der Tageszeitung Le Matin. Mehr Hintergrund heisst das neue Zauberwort. «Das Format steht nicht zur Diskussion», betont er, denn sein geliebtes Tabloid-Format ist nicht daran schuld, dass das Blatt 20’000 von weit über 300’000 Leserinnen und Lesern verloren hat und nun sechs Journalisten entlässt, um zu sparen. Le Matin sei mit dem neuen Format auf Erfolgskurs gewesen – «seit 2002 ein kometenhafter Aufstieg, rund 20’000 neue Leser pro Jahr» – bis die Gratiszeitungen gekommen seien. Nun gelte es, den Matin orange so zu positionieren, dass der Leser bereit sei, zwei Franken für den journalistischen Mehrwert der Bezahlzeitung auf den Tisch zu legen.
Zauberformel hat versagtDas Eingeständnis ist von Bedeutung. Bisher hat Edipresse lautstark versichert, der Verlag habe die Zauberformel gefunden: Eine bezahlte und eine Gratiszeitung, Le Matin und Le Matin Bleu, unter dem Dach der gleichen Marke werde die Werbekunden davon abhalten, zur Konkurrenz, zum Tamedia-Gratisblatt 20 minutes, abzuwandern. Aus diesem Grund lancierte Edipresse den Matin Bleu, selbst auf die Gefahr hin, die Boulevardzeitung Le Matin und gleich auch noch die hauseigenen Regionalzeitungen zu kannibalisieren.
24 heures in Lausanne und die Tribune de Genève haben ihre Sparprogramme bereits hinter sich, jetzt ist die Reihe an Le Matin, die Zeche für die Konkurrenz der Gratiszeitungen zu bezahlen. Die Redaktion wird von 87 auf 81 Journalisten zurückgestutzt, einer der stellvertretenden Chefredaktoren muss gehen und wird durch zwei neue aus der Redaktion der Sonntagsausgabe ersetzt. Gespart wird querbeet, selbst ausgewiesenen und erfahrenen Journalisten wurde gekündigt – ein echter Aderlass, heisst es in der schockierten Redaktion. Sie nimmt die Ende August angekündigten Massnahmen allerdings mit einer Spur Erleichterung auf: Das eigentliche Katastrophenszenario, so ein Insider, wäre die Fusion zwischen Le Matin und Le Matin Bleu gewesen.
Der Verdacht, dass die Zusammenlegung der beiden Zeitungen geplant sein könnte, hatte sich mit dem kürzlich modernisierten Layout des Matin erhärtet: Mit kürzeren Texten, simplerem Umbruch und der Abkehr vom verspielten Umgang mit Fotos glich der orange Matin in den letzten Monaten seinem blauen Bruder fast wie ein Ei dem andern – laut Rothenbühler stammt das Layout-Konzept von der gleichen Grafikerin. Die Vermutung, es könnte in Richtung Fusion gehen, war nicht aus der Luft gegriffen. Unterdessen gibt sogar Théo Bouchat, Chef von Edipresse Schweiz, zu: «Wir haben alle Szenarien durchgespielt.» Die Fusion zwischen der Gratis- und der Bezahlzeitung sei «eine von mehreren Arbeitshypothesen» gewesen. Sie sei allerdings nicht weiter verfolgt worden. Dass man mit dem neuen Layout auf eine Fusion gezielt habe, sei ein falscher Eindruck. Dass aber trotzdem viele diesen falschen Eindruck gehabt hätten, «mag auch auf Kommunikationsfehler unsererseits zurückzuführen sein».
Zwischen Pest und CholeraKommunikations- oder Konzeptfehler hin oder her: Auch Bouchat ist und bleibt überzeugt, dass die Lancierung einer Gratiszeitung unter dem Dach der Marke Le Matin der richtige Entscheid gewesen sei, «auch wenn wir uns zwischen Pest und Cholera entscheiden mussten». Die Marke stehe heute mit den zwei Titeln besser im Markt, als wenn Edipresse nichts gegen die Konkurrenz von 20 minutes unternommen hätte. Auch in geschäftlicher Hinsicht sei die Sache ein Erfolg: «Die Resultate der Gratiszeitung lassen uns vermuten, dass wir auf dem Markt bestehen werden.» Und in editorialer Hinsicht befriedige das Duo heute Bedürfnisse, die vorher niemand abgedeckt hätte.
Chefredaktor noch tragbar?Ein Sturm im Wasserglas also? Nicht ganz. Der Schock der Entlassungen sitzt tief. In diesen Tagen führen die Angestellten eine interne Abstimmung durch, ob der Chefredaktor noch ihr Vertrauen besitzt. Auch wenn nicht Rothenbühler die Umstellung auf das Tabloid-Format und die Boulevardisierung des Titels eingeleitet hat, sondern unter anderen sein Vorgänger Théo Bouchat, so ist Rothenbühler in den Augen vieler der Mann aus Zürich, der dennoch für den neuen Matin verantwortlich zeichnet. Er habe «den Röstigraben zwischen Blick und Matin zugeschaufelt», kann man in der Redaktion hören. Vor Rothenbühler hatte sich die als volkstümliches Familienblatt konzipierte Zeitung immer mit Stolz vom Boulevardstil ennet der Saane abgehoben.
Wie immer das Resultat der Vertrauensabstimmung in der Redaktion ausfällt: Auswirkungen auf die Position Peter Rothenbühlers sind nicht zu erwarten. Bouchat unterstreicht: «Der Chefredaktor geniesst weiterhin unser ganzes Vertrauen.»
Der Edipresse-Direktor führt die Abstimmung «auf das Konto von Emotionen» zurück: Die auf die Gratiszeitungen zurückzuführende Trendwende nach den grossen Erfolgen des Tabloid-Matin sei emotional belastend, von da her sei die Reaktion des Personals verständlich. Dennoch befindet sich Rothenbühler in keiner einfachen Situation. Mit weniger Leuten und Mitteln als bisher muss er das Kunststück vollbringen, eine Boulevardzeitung «magazinig» zu machen. Beim Blick gibt man sich für ähnliche Überlegungen bis Anfang nächstes Jahr Zeit, beim Matin sollen die ersten Änderungen schon in zwei bis drei Wochen spürbar werden. Auf Ende Jahr stellt Rothenbühler zudem grafische Änderungen in Aussicht.
Le Matin dereinst ein GratisblattDie Frage bleibt weiterhin offen, ob die Leser irgendwann einmal bereit sein werden, zwei Franken für den Matin zu bezahlen, der als nicht abonnierte Zeitung an denselben Orten zu haben ist wie die Gratiszeitungen. Genauso wie die Frage, ob der Markt nicht einfach zu klein für zwei Gratisblätter plus Le Matin ist. Für Bruno Clément von der Gewerkschaft Comedia ist die Antwort klar Ja. Er meint im Sinne eines Gedankenspiels: «Vielleicht wird eines Tages Le Matin zur Gratiszeitung, und bezahlt wird nur noch der grosse Sonntagstitel Le Matin Dimanche mit seinen Beilagen.»
Helen Brügger
Themen- und Trendsetter «Wir haben im Juli eine qualitative Studie mit Lesern durchgeführt. Sie haben eine klare Idee, was sie von uns erwarten: Sport, Promis, faits divers», sagt Rothenbühler. Er will «auswählen und überraschen», das heisst in jeder Nummer neben den Kleinstoffen fünf grosse, umfassend recherchierte Stoffe haben.
Weiter sollen alle
grösseren politischen Vorgänge «über die entscheidenden Personen ins Blatt kommen», sprich personalisiert werden. Zum dritten soll sein Blatt zum Themen- und Trendsetter
auch im politischen Bereich werden und sich mit Editorials und persönlichen Kommentaren profilieren. «Das sind Dinge, die ich eigentlich schon lange machen wollte, nur hatte ich nicht die richtigen Leute dafür.» Jetzt hat er mit Ariane Dayer und Michel Jeanneret
zwei Redaktoren vom Matin Dimanche abgezogen und zu seinen Stellvertretern ernannt, die sich in der Tat einen Namen mit profiliertem Journalismus gemacht haben. Die 43-jährige Ariane Dayer war Chefredaktorin der Ringier-Wochenzeitung L’Hebdo, bevor sie ihre eigene satirische Zeitung Saturne gründete, ein unzeitgemässes Kleinod in der Westschweizer Medienszene, dem kein langes Leben beschieden war. (hb)Umsteigeeffekt bleibt im DunkelnDie junge Leserschaft der Gratispresse als potentielle Klientel der grossen Bezahlzeitungen: Davon träumen die Verleger. Auch das jüngste Projekt von Tamedia, zusammen mit der Espace Media Groupe sowie den Basler Medien eine gemeinsame Gratis-Zeitung zu launchen, zielt auf diesen sogenannten Umsteigeeffekt. Le Matin ist schweizweit der einzige Bezahltitel mit Gratisextension unter demselben Brand. Dort müsste man den
Effekt beobachten können. Doch Théo Bouchat, Chef von Edipresse Schweiz, winkt ab: «Wir verfügen über keine Erkenntnisse über diesen Effekt, weil wir noch zuwenig Erfahrungen haben. Die Gratispresse ist noch zu jung.» (rw)