Stefan H. Böni will als Anzeigenleiter national für die neue .ch auch als Brückenbauer zwischen Kunden, Verlag und Redaktion wirken.
Er ist mitten in den 68er-Unruhen in Basel in einem Taxi zur Welt gekommen. «Meiner Mutter hat es nicht mehr ins Spital gereicht.» Trotzdem ist alles gut gekommen. Stefan Böni zeigt sich deshalb aufgekratzt, aber gelassen, dass er jetzt mitten in den Zeitungsunruhen des Jahres 2007 noch einmal bei einer ähnlich schnellen Geburt dabei sein darf. Diesmal allerdings nicht mehr im Taxi, sondern in einem Grossraumbüro von 1100 Quadratmetern. Hier soll in der Nacht zum 19. September der erste Schrei des jüngsten Kindes der Schweizer Zeitungswelt in das Freudengeschrei von 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überleiten. Stolzer Vater von .ch ist Sacha Wigdorovits. Als Hebamme oder Verlagsleiterin sorgt Caroline Thoma an der Thurgauerstrasse 60 in Zürich seit Anfang Sommer für alles Nötige. «Lässig finde ich, dass wir hier in einem völlig leeren Grossraum etwas Neues anfangen dürfen», freut sich Böni. Der Raum wirkt bei unserem Interview noch wenig eingerichtet – aber voll von gespannter Erwartung. Die ersten Mitarbeitenden wie Vertriebsleiter Peter Kümmerli hetzen mit dem Handy durch die Reihen, als ob schon morgen die erste Zeitung an die 430000 Haushaltungen von St. Gallen über Zürich, Bern und Basel bis Luzern ausgeliefert werden müsste. Auch für Kümmerli sind die Geburtswehen hier nichts Neues. Er hat vor 30 Jahren schon das Aufstellen der Zeitungsautomaten für den ersten SonntagsBlick organisiert.
Kümmerli arbeitet wie Böni, die demnächst eintreffenden 40 Mitglieder der Redaktion und die zum Teil schon aktiven 20 vom Verlag, alle an gleichen Holztischen, die von einem Schreiner genau nach Bedarf geliefert wurden. «Die Einrichtung hier ist schlicht, aber sinnvoll. Die völlige Offenheit zwischen allen Arbeitsplätzen ermöglicht auch extrem kurze Kommunikationswege», erklärt Böni. Die Verantwortung bei jedem Einzelnen sei bei einem solchen Start von 0 auf 100 gross, dass jeder «sein Gärtchen nicht nur zum Laufen bringt, sondern auch die Adaption an die weiteren Gärten schafft».
Böni als Anzeigenleiter ist seit Anfang August dabei, alle möglichen Kunden und grossen Agenturen zu kontaktieren. In seinen Präsentationen zeigt er, dass mit dem neuen Verlagsobjekt auch viele neue Ideen möglich sind. Aus anfänglich drei Terminen pro Woche sind inzwischen mindestens fünfzehn geworden. Neun von zehn seien dabei positiv. «Wir haben Reservationen, Buchungen und Gespräche für Kooperationen über längere Zeit.»
Böni glaubt, dass die Werbewirtschaft «extrem interessiert ist, neue Alternativen zu bekommen». Als grosse Chance für seine Arbeit sieht der Verkaufsleiter auch, dass er .ch vom ersten Tag an nicht nur als Zeitung, sondern auch als Online-Medium anbieten kann. Zudem betrachtet Böni auch die 100 Kolporteure, die .ch über mehrere Wochen verteilen, sowie die Zeitungsständer als neue «Medien», die man kreativ einsetzen kann. «Wir können hier den Kunden auf verschiedenen und ganz speziellen Ebenen abholen. Wir können Neues kreieren und für die Werber eine Plattform auch für ungewohnte Ideen schaffen.»
Böni verkaufte vorher die Anzeigen für das NZZ Folio. «Ein Traumjob. Ich arbeitete rund um die schönste Perle der Schweizer Werbewirtschaft.» Aber irgendwie habe er sich nur wie ein Heizer auf der «Queen Mary» gefühlt. Böni musste schauen, dass es vorwärts ging. «Den Kurs mitbestimmen konnte ich aber nicht.»Bereits am Tag nach dem ersten konkreten Bericht in der NZZ am Sonntag über das neue Projekt von Sacha Wigdorovits hat Böni deshalb seine Bewerbung abgeschickt. «Mich lockte wieder das Abenteuer.»
Als Referenz konnte Böni neben dem NZZ Folio und dem Diplom als Marketingplaner auch zwei erfolgreiche Jahre im Kader bei Publimedia vorweisen. Dort hat er im oberen Accounting von Beginn weg ein Budget von jährlich 40 Millionen Franken betreut. In dieser «super Zeit» hat er auch «viel Wesentliches» für sein Handwerk lernen können. «Ich habe die Präsentationen von fast allen Print-Titeln der Schweiz gesehen. Da lernte ich nicht nur, wie man es machen kann – sondern auch, wie man es nicht machen soll.» Böni sieht in einem Zeitungstitel «etwas sehr Lebendiges, wo viel Liebe und Engagement vom Layouter bis zum Reporter drin stecken». Und das sollte ein Anzeigenverkäufer seinen Kunden auch vermitteln können. «Verkauf ist meine Passion. Ich begeistere gerne andere Leute für ein Produkt.»
Aber nicht nur im Verlagswesen, auch beim allgemeinen Aufbau verschiedener neuer Firmen kann Böni bereits vielfältige Erfahrungen vorweisen. 1998 war er bei der Gründung von Jobpilot in der Schweiz mit dabei und erlebte, wie sich das Schweizer Start-up mit einem Umsatz von 350000 Franken pro Jahr auf 6 Millionen steigerte und schliesslich über Adecco international an Monster verkauft werden konnte. Bei Monster hat Böni gefallen, wie er auch «amerikanischen Unternehmergeist mit viel Begeisterung, Freiheiten und Kreativität» in einem Schweizer Unternehmen erleben durfte.
Eingestiegen in die Berufswelt ist Böni mit einer Lehre als Galvaniker bei der Swissair. Auf diesem Beruf hat er aber nie gearbeitet. Vielleicht war es für seinen Lebenswandel nachhaltig prägend, dass er die ersten vier Jahre seiner Kindheit auf einem Rheinschiff zwischen Basel und Rotterdam und den Rest der Jugend auf einem Bauernhof im Berner Oberland erleben durfte. Auf jeden Fall wechselte der Galvaniker schnell einmal in die mehr abwechslungsreiche Gastronomie- und Tourismusbranche mit Gastspielen in der Türkei, Frankreich, Spanien und den Philippinen. Mit 21 wollte Böni «unbedingt etwas Kreatives machen» und hat seine erste Firma für Events gegründet. Er organisierte Partys, hat die legendäre Band Steppenwolf für ein letztes Konzert in der Schweiz auf die Bärenmatte nach Suhr geholt und auch das erste grosse Konzert von DJ Bobo mit MTV in der Halle 36 in Baden organisiert. Für die Gastronomie des Flughafens Zürich hat Böni über Nacht die Logistik für die Betreuung aller Betroffenen rund um Halifax geleitet. Im Süden der Türkei lockte ihn der Aufbau der Animation mit viel Action und Modeschauen für ein grosses Hotel. In den Philippinen hat Böni eine eigene Tauchschule gegründet und dort ein Jahr lang auch selber unterrichtet.
Als er vom täglichen Gang über den weissen Sandstrand und der immer gleich scheinenden Sonne langsam genug hatte, sah er mit 27 wieder die Zeit für einen neuen Lebensabschnitt gekommen. In der Schweiz holte Böni das KV nach, machte den Marketingplaner und unterrichtete dann statt unter Wasser an einer Computerschule, bis sein Weg zu Jobpilot führte.
Bei .ch gefällt dem leidenschaftlichen Koch und Tangotänzer jetzt vor allem, dass die neue Zeitung einen Lifestyle ähnlich hochstehend wie die NZZ am Sonntag ausstrahlen will. Böni freut sich auch, dass die Redaktion eigene Geschichten recherchieren und nicht einfach die überall gleichen SDA-Meldungen abdrucken will. «Als Leser merkt man schliesslich, ob die Zeitung mir etwas bieten will oder einfach nur Inserate verkaufen», meint der Anzeigenleiter, der bei .ch auch ein Brückenbauer zwischen Kunden, Verlag und Redaktion sein will.
Andreas Panzeri