Gestern Trend, heute Unwort
Podcast User generated oder doch User ignored Content? Goldbach Media ging der Frage am Podcast-Tag nach.
Podcast User generated oder doch User ignored Content? Goldbach Media ging der Frage am Podcast-Tag nach.
Will Steger hatte in diesem Jahr Spannendes zu berichten. Direkt aus der Arktis meldete sich der Klimaforscher im Wochenrhythmus. Trotz eisiger Kälte und Schneestürmen versorgte Steger mit Hilfe seines Satellitentelefons und seines Laptops seine Hörer mit Informationen über seine Expedition. Das war zwischen Februar und Mai dieses Jahres.
«Global Warming 101 Expedition», so der Name von Stegers Sendung, ist ein Podcast, eine Radiosendung aus dem Internet. Steger ist nicht allein. Tausende solcher Amateursendungen sind im Netz zu finden. Im deutschsprachigen Raum sind es laut Podcast-Portal Podcast.de rund 5000 Angebote, die jeder kostenlos abonnieren und mit der richtigen Software automatisch auf seinen MP3 Player übertragen lassen kann.
Das von vielen sendungsbewussten Menschen in Freizeitarbeit produzierte Format wurde vor drei Jahren als das neue Medium schlechthin gefeiert. Ein Trend sei im Gang, der die Radioindustrie auf den Kopf stellen werde, schrieb beispielsweise die Businessweek. Ohne Lizenzen und ohne Frequenzen könnten ganz normale Menschen ihre eigene Radiosendung machen. Doch der «heisseste Trend im Radio», wie Steve Jobs von Computerhersteller Apple einst sagte, hat die Branche nicht auf den Kopf gestellt. Im Gegenteil. Podcasts haben nicht mehr die Medienpräsenz, die sie einmal hatten. Der digitale Ohrenschmaus ist ein Nischenphänomen geblieben, das Medienplaner und Werber heute eher verunsichert statt ihnen zu helfen.
Trotz der Entwicklung hat man sich bei Goldbach Media entschieden, ein Jahr nach dem Debüt einen zweiten Podcast-Tag zu organisieren. Denn das Thema ist laut Jürg Bachmann, Verantwortlicher für Digital Projects und Trendscouting bei Goldbach Media, immer noch hoch spannend, was vor allem die Szene in den USA zeige.
Der Begriff «Podcast» ist passéIm amerikanischen Ontario fand dieses Jahr die «Podcast und New Media Expo» statt. Dort mit dabei war Gastreferent Alex Wunschel, der in seiner Freizeit zwei Marketing-Podcasts betreibt. Wie Wunschel in Küsnacht erzählte, sei die US-Szene stark im Umbruch. Von Podcasts als Wortschöpfung hätte man sich dort gelöst, sie wurde gar offiziell zu Grabe getragen. So wird die Ausstellung 2008 nur noch «New Media Expo» heissen. Dies, weil sich die US-Content-Produzenten nicht mehr als Podcaster sehen, sondern als digitale Unternehmer. Vom Radioformat, das sich als RSS-Feed abonnieren lässt, sei die Szene in Übersee nicht mehr überzeugt. Zum einen funktioniere das Konzept nur mässig, zweitens liesse sich in dieser Form kaum Geld verdienen.
Die Amerikaner wollen neue Wege gehen. Alex Wunschel illustrierte die Podcast-Entwicklung am Beispiel des Weinhändlers Gery Vaynerchuck (tv.winelibrary.com). Der Trend geht Richtung Multimedia. Neben Audio- oder Videodateien betreiben die Amateurproduzenten heute eigene Shops. Zudem verkaufen sie CD und DVD ihrer Shows und lassen ihre Episoden sogar von Profis produzieren. Alex Wunschel: «In den USA ist nur erfolgreich, wer Inhalte professionell anbietet.»
Neben der Inhalts- und Tonqualität wird auch die Vermarktung vorangetrieben. Allerdings noch mit bescheidenem Erfolg. Gross abkassieren sei nicht drin. Grund ist das grosse Podcast-Angebot. Durch die Fragmentierung kämen viele Produzenten nicht auf die nötige Reichweite, die für Unternehmen attraktiv sei, so Wunschel. Deshalb würden sich immer mehr Amateuerproduzenten in Inhaltsnetzwerken zusammenschliessen. Wie Alex Wunschel sagte, zeige die Entwicklung in den USA, wohin die Podcast-Bewegung in Europa hinsteuert. Eines sei mit Sicherheit klar: Man müsse von Podcasts als Massenphänomen Abschied nehmen.
Das sieht auch Achim Jenner von Jung von Matt/Limmat so. Der Leiter Digital Media Unit der Zürcher Agentur äusserte sich im Rahmen des Anlasses eher kritisch über Radio on Demand. Grund: Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research veröffentlichte im Jahr 2006 verschiedene Studien, die ergaben, dass nur ein Prozent aller User in den USA und zwei Prozent der europäischen Internetnutzer Podcasts beziehen. Nach Jenner sind diese Zahlen als ernüchternd zu interpretieren, setzt man sie in ein Verhältnis zu den 2005 prognostizierten Werten. Kommt hinzu, dass im Jahr 2007 weltweit bis zu 60 Prozent Absatzzuwachs von MP3-Player erwartet wird. Trotz dieser Erfolgszahlen bedeutet dies jedoch einen Rückgang des Absatzwachstums gegenüber 2005 (118 Prozent).
Für Werbeagenturen seien Podcasts noch wenig attraktiv, weil das Verständnis zur Nutzung erst am Wachsen sei, so Jenner. «Als Erfolgs-verantwortliche suchen wir Werber in erster Linie nach Performance, finden jedoch oft nur Potenziale.» Dennoch ist für den Werber klar, dass Podcasts ihre Berechtigung haben, wenn sie im Bildungsbereich angeboten werden. Denn Inhalte können wiederholt und damit gut verarbeitet werden.
Christian Lüscher
Das ist Podcasting Podcasting bezeichnet die zeitversetzte Verteilung
von Audiodateien über das Internet. Als Erfinder des Podcastings gelten Tristan Louis, der das Konzept im Jahr 2000 erstmals vorschlug, und Dave Winer, der es leicht modifiziert als Erster umsetzte. Das Prinzip ist einfach: Der Hörer kann beliebige Podcast-Kanäle über RSS in seine Empfangs-Software, zum Beispiel iTunes, eingeben. Per Klick können die Kanäle abgefragt und aktualisiert werden. Das Kunstwort Podcasting setzt sich zusammen aus dem populären Audioplayer iPod und dem englischen Broadcasting. Den Begriff erfand Ben Hammersley 2004.
Neues Angebot auf Radio DRSSeit 5. November
ist DRS 4 News auf Sendung, das neue Nachrichtenprogramm von Schweizer Radio DRS. DRS 4 News ist ein Wortprogramm ohne Musik. Die Redaktion produziert zudem morgens, mittags und abends für Internetuser Podcasts über das tagesaktuelle Geschehen. (cl)
