Internet Usability kommt für Oliver Reichenstein bei Tamedia-Websites vor deren Design.
Bis kommenden Mai will Tamedia die grösste Schweizer Nachrichtenplattform realisieren. Wie sie aussehen wird, darüber weiss man noch wenig. In welche Richtung der Auftritt tendiert, kann man jedoch bereits erahnen. Das Verlagshaus investierte in diesem Jahr kräftig ins Internet und überholte einerseits den Online-Auftritt des Magazins und launchte andererseits das Community-Portal Facts 2.0 (WW 32/07).Der Mann hinter diesen Internetaktionen heisst Oliver Reichenstein. Der in Japan lebende Informationsdesigner untersucht für das Zürcher Verlagshaus seit Jahresbeginn das Verhalten der Internet-User: Wie sie lesen, wie sie kommentieren, wie sie auf Werbung reagieren … Die Erkenntnisse fliessen in den Aufbau des News-Netzwerkes, zu dem unter anderem die gleichnamige Pendlerzeitung News gehört. Gesetzt ist er vorerst im Vermarktungsteam von Cyrill Treptow. Einen Vertrag für den Aufbau des neuen Netzwerkes hat er zwar noch nicht, doch seine Designskizzen liegen auf dem Schreibtisch der Tamedia-Führung.
Reichensteins unverkennbare Schlichtheit prägt Facts 2.0 und die Website des Magazins: «Die Lesbarkeit der Texte muss im Zentrum stehen.» Die klare Aufmachung der Texte komme bei den Usern sehr gut an, sagt er. Der in Tokio lebende Informationsdesigner stuft Statistiken und Usability-Tests höher ein als den eigenen Geschmack: «Der entscheidet nicht über das Design.»
Die beiden Sites dienen auch als Experimentierküche für neue Werbeformen. Die im Internet gängige und oft kleinformatige Online-Werbung ist Reichenstein ein Dorn im Auge: «Zu klein, zu grausig, so etwas geht allen Lesern auf den Nerv.» Das liege vor allem in der schlechten Umsetzung vieler Werbebanner. Im Print sei das anders, da werde für die Gestaltung von Anzeigen viel Geld und Mühe aufgewendet, damit diese attraktiv erscheine. Deshalb machte Reichenstein auf der Website des Magazins grosszügig Platz für Anzeigen, wie man sie sich aus den Zeitungen gewohnt ist. Offensichtlich funktioniert das Experiment und der Leser stört sich nicht am Grossformat. Die Beispiele wurden jedenfalls ebenso oft angeklickt wie die fürs Internet konzipierten Banner. Reichenstein: «Der Ansatz ist richtig, Imagewerbung zu platzieren.» Doch unerwartete Schwierigkeiten tauchten auf. So zeigte das Verkaufsteam des Magazins Berührungsängste mit Online-Werbung. Doch seit sich das webaffine Online-Team von Tagesanzeiger.ch um den Verkauf kümmert, läuft das Geschäft. Gemäss Treptow zu erfahren ist, werden Reichensteins Werbeansätze in den Aufbau des neuen Newsportals einfliessen.
Neben Design und neuen Werbeformen will Reichenstein für Tamedia auch mehr über Communitys in Erfahrung bringen. Das Zürcher Verlagshaus sucht mit dem künftigen News-Netzwerk den Dialog zum Publikum. Ein Knackpunkt. «Viele Kommentare im Netz sind oft bloss oberflächliches Trompetengetöse von Wichtigtuern, die eigentlich nichts zu sagen haben», meint Reichenstein. Er sieht die Anonymität der User als Grundproblem. Während Facts 2.0 das anonyme Kommentieren erlaubt, verfolgt die Website des Magazins ein so genanntes Citizendium-Modell, wonach Nutzer ihre Identität nachweisen müssen. Das Ergebnis: Facts 2.0 verzeichnet ein rasantes Wachstum an Usern, die viel kommentieren. Die Community des Magazins wächst dagegen nur langsam und linear. Dafür ist das Niveau der Diskussionen hoch.
Wie das Portal den Dialog mit den Usern suchen wird, ist offen. Interessant ist jedoch Reichensteins Erkenntnis, wie Printjournalisten den Dialog mit den Usern suchen – nämlich gar nicht. «Journalisten interessieren sich weder für Technologie noch für den Dialog», so Reichenstein. Bei vielen Journalisten sei beispielsweise verbreitet, die private Meinung zurückzuhalten. Er vermutet, es sei eine Generationenfrage, bis Journalisten sich dem Online-Publikum öffnen würden. Bis dahin könne einem Journalistenkollektiv die Betreuung einer Website nicht anvertraut werden. Dem tragen die Verantwortlichen bei Tamedia Rechnung. Projektleiter Res Strehle will die Online-Redaktion mit Leuten der «Internet-Eingeborerenen- Generation» bestücken, um damit nicht zuletzt Webkompetenz zu demonstrieren.
Christian Lüscher
Oliver ReichensteinVor vier Jahren ist Oliver Reichenstein
nach Japan ausgewandert und hat in Tokio die Firma Information Architects AG gegründet. Reichenstein ist 36 Jahre alt und hat in Paris und Basel Philosophie, Deutsche Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitete nach dem Studium für die weltweit aktive Agentur Interbrand Zintzmeyer & Lux, wo er vor allem Internetmarken wie T-Online betreut hat. Der gebürtige Basler ist Urheber der Web Trend Map, eine Karte, welche die 300 erfolgreichsten Internetunternehmen nach Kategorie, Nähe und Erfolg mit Hilfe der Metrokarte von Tokio ordnet. Reichenstein schreibt zudem ein Buch über Marken und Benutzerschnittstellen, das im Mai 2008 erscheinen wird. (cl)