Nullrunde? – Ach wo!
Anzeigentarife Viele Printtitel nutzen das neue Tarifsystem für versteckte Erhöhungen ihrer Inseratenpreise. Die Übersicht schafft Klärung.
Anzeigentarife Viele Printtitel nutzen das neue Tarifsystem für versteckte Erhöhungen ihrer Inseratenpreise.Das neue Tarifsystem für Zeitungen, vor drei Jahren aufgegleist, erhält per 2008 anhaltend Zuspruch. Mindestens elf weitere Titel haben sich entschieden, ebenfalls auf Fixformate (meist mit Nachlass) und teilweise auch auf den integrierten Farbmillimeter-Tarif umzustellen. Dort, wo noch auf den integrierten Farbmillimeter verzichtet wird, sind drucktechnische Gründe ausschlaggebend, weil keine durchgehende Vierfarbigkeit vorhanden ist. Mit einer Ausnahme: Die Wochenzeitung (WOZ) könnte umstellen, will aber nicht. «Wir spüren noch keinen Druck und keine genügend grosse Nachfrage von Kundenseite und glauben, mit unserer grossen Menge an kleinformatigen Anzeigen würde ein integrierter Farbmillimetertarif die Tarifstruktur eher komplizieren», teilt das WOZ-Kollektiv mit. Auch die Basler Zeitung (BaZ) zeigte sich bisher zögernd. Ob sie diesmal den Systemwechsel vollzieht, ist aber unklar, weil sie ihre Tarife 2008 noch nicht festgelegt hat.
Aus Sicht des neuen Tarifsystems gibt es zudem erstmals einen kleinen Rückschritt: Die Südostschweiz (inklusive Sonntagsausgabe), die vor zwei Jahren auf das neue System umgestellt und für dieses Jahr sogar als erste Zeitung einen Einheitstarif für schwarzweisse und vierfarbige Anzeigen installiert hatte, macht einen doppelten Rückzieher: Sie führt den SW-Tarif wieder ein. Zudem verzichtet sie bei SW-Anzeigen auf Fixformate mit Nachlass.
Begründet wird dies in Chur mit dem angeblich grossen Wunsch der Kunden nach separaten SW-Tarifen. Konkret: Wer SW-Inserate schaltet, fährt bei der Südostschweiz bald 7,4 Prozent günstiger als dieses Jahr, doch rund 800 Franken teurer als noch 2006. Bei der Sonntagsausgabe ist der neue SW-Tarif um 240 Franken höher als jener von 2006.
Le Temps geht diesbezüglich behutsamer vor: Auch dort hat man erklärtermassen das Ziel, die SW- und Farbtarife einander anzugleichen. Man tut dies aber nicht auf einmal, sondern indem man den SW-Millimetertarif schrittweise anhebt – diesmal um 2 Prozent – und gleichzeitig den integrierten Farbmillimeter ähnlich stark reduziert. Ausnahme: Bei den Stellenanzeigen hat le Temps die Angleichung bereits vollzogen – der Millimeter (sw und vf) kostet neu 2.60 Franken.
Bei den Zeitschriften ist der Trend hin zum Einheitstarif dagegen ungebrochen: Die Mehrheit kennt ihn bereits und Stocks, NZZ Folio, PME Magazine und Radiomagazin ziehen nun nach. Da sie aber jeweils den SW-Tarif auf VF-Niveau anheben, kommt dies einer Tariferhöhung gleich: In den konkreten Fällen zahlen die Kunden künftig für ein sw-Inserat zwischen 14 und 44 Prozent mehr. Am fairsten verhält sich das Radiomagazin: Es reduziert gleichzeitig seinen VF-Tarif um 4 Prozent.
Damit sind wir bei den offensichtlichen und versteckten Preiserhöhungen, die es auch diesmal gibt. Die stärksten absoluten Aufschläge sind in der Westschweiz bei 20 minutes und Le Matin Bleu auszumachen – sie verlangen nach der Einführungsphase um 18,2 beziehungsweise 33,3 Prozent mehr. 20 minutes beweist damit ein grosses Selbstbewusstsein, ist doch beim Tamedia-Blatt der Tausendleserpreis (TLP) nach wie vor deutlich höher als beim Konkurrenten Matin Bleu.
Ebenfalls einen deutlichen Preisanstieg von 9,5 Prozent ist bei 20 Minuten Deutschschweiz zu vermerken, allerdings lässt sich dieser mit der um 8,8 Prozent gestiegenen Reichweite begründen.
Der SonntagsBlick schlägt um 5,5 Prozent auf, obwohl seine Reichweite nur gerade stabil blieb.
Der Edipresse-Titel Terre et nature büsste gemäss Mach Basic 2007-2 signifikante 14 Prozent seiner Leserschaft ein, seine Tarife lässt er dennoch unverändert.
Dasselbe gilt für Lausanne Cités und die Automobil Revue, die ebenfalls im zweistelligen Prozentbereich Reichweite verloren. Signifikante Verluste verzeichneten auch Schweizer Illustrierte, SonntagsZeitung, 24 Heures, Gesundheit Sprechstunde, Gesundheits-Tipp, Glückspost und TVtäglich, doch kein Titel gibt tariflich nach. Femina erhöht gar seinen Preis um 0,9 Prozent – trotz deutlichen Leserverlusten. Von einer Nullrunde kann somit keine Rede sein, denn alle diese Titel erhöhen ihren TLP. Das tut auch TV Star. Das Blatt senkt jedoch den Tarif bloss um ein Prozent trotz markantem Leserrückgang von 8,8 Prozent.
Vorbildlicher verhält sich Sélection: Nach der letztjährigen Preissenkung um 20 Prozent reduziert es seinen Tarif erneut um 10 Prozent, obwohl der Reichweitenrückgang diesmal im Vertrauensbereich blieb. Positiv ist auch das Beispiel von GHI, das 9,4 Prozent mehr Leser ausweist und sich dennoch mit einer tariflichen Nullrunde begnügt.
Eher notwendig als vorbildlich scheinen dagegen die happigen Tarifsenkungen bei TV2 und TV Digital Schweiz zu sein. Axel Springer Schweiz liefert keine Begründung, doch die Titel sind ganz offensichtlich weit von ihrem Ziel entfernt. Klar ist dagegen das Verhalten der Handelszeitung aus demselben Verlagshaus: Trotz (leichtem) Leserrückgang verlangt sie künftig ganze 8 Prozent mehr pro Anzeigenseite, weil man bei Axel Springer Schweiz davon ausgeht, dass auch die rund 43 000 ehemaligen Cash-Abonnentinnen und Abonnenten sich weiterhin für Produkte der Handelszeitung interessieren werden.
Die HZ hatte nach dem Aus von Cash den Abostamm von Ringier eingekauft und damit 34 000 neue Leserinnen und Leser gewonnen. Der Verlag nennt konkrete Zahlen: Bei der verkauften HZ-Auflage rechnet man mit einem Zuwachs um 33 Prozent auf 40 000 Exemplare, bei der Reichweite mit einer Steigerung der Leserschaft um 42 000 auf 168 000 Personen.
Dass dagegen Ringiers Cash Daily seinen bisherigen Tarif beibehält, deutet darauf hin, dass man an der Dufourstrasse noch nicht sicher ist, ob das Gratisblatt von den Inserenten als vollwertiger Ersatz für den eingestellten Wochentitel Cash akzeptiert wird – trotz angeblich guter Leserwerte. Anders verhält es sich beim Abendblatt Heute, das ebenfalls tariflich stabil bleibt: Logisch, denn mit den erstmals ausgewiesenen 230 000 Leserinnen und Lesern ist der Titel gut, aber nicht sensationell gestartet. Der Titel muss also im immer härter umkämpften Gratiszeitungsmarkt preislich konkurrenzfähig bleiben.
Versteckte Tariferhöhungen sind bei der NZZ, der NZZaS, bei der Neuen Luzerner Zeitung, bei der SonntagsZeitung, bei La Liberté sowie bei einigen kleineren Titeln zu beobachten: Zwar belassen diese den Preis für Fixformate auf bisherigem Niveau, erhöhen aber den integrierten Farbmillimetertarif. Die Folge: Die Verlage können den Grosskunden einen höheren Nachlass auf Fixformate kommunizieren, Kunden hingegen, die kleine Inserate oder Zwischenformate schalten, zahlen künftig mehr.
Markus Knöpfli
Einige Grosse fehlenNoch haben nicht alle Verlage
ihre Tarife publiziert. Als einzige grosse Tageszeitung ist die BaZ weiter am Rechnen – und mit ihr der Metropool. Auch die Solothurner Zeitung scheint noch nicht so weit zu sein. Verzögerungen haben ferner die Gratisblätter Baslerstab und Biel/Bienne, ebenso Tamedias Finanz & Wirtschaft. (mk)
