Das auf Frühjahr geplante News Netzwerk von Tages-Anzeiger, BaZ und BZ zeigt erste Konturen. Projektleiter Res Strehle sagt, wie er sich das schweizweit grösste Medienportal vorstellt und wo das Projekt derzeit steht. WW: Welches sind bei dem auf das kommende Frühjahr geplante Onlineportal die Herausforderungen? Res Strehle: Wir haben es als News-Netzwerk ja bereits angekündigt und inzwischen weiter ausgestaltet. Im Kern versteht sich das Portal als Zusammenarbeit der beteiligten Verlage im überregionalen Bereich mit einem gemeinsamen Mantelteil, der von Zürich aus gemacht wird. Gleichzeitig ist es auch regionalisiert. Man macht also in Zürich Online-Regionaljournalismus für die Webseiten von Tages-Anzeiger, Radio 24 und Tele Züri. Dasselbe machen die Basler und auch die Berner für ihre Titel. Die Mantelredaktion hat aber keinen direkten Durchgriff auf die Printredaktionen. Diese haben eigene Page-Macher, die der jeweiligen Redaktion unterstellt und über gemeinsame Newsrooms mit ihr verbunden sind. Sie können aber auch in die Mantelbeiträge eingreifen und die Hierarchie nach ihren regionalspezifischen Bedürfnissen verändern.
Wie sind die einzelnen Titel in die Plattform integriert? Das Ganze ist so aufgebaut, dass man keine neue Marke zu schaffen braucht, so wie zum Beispiel «Der Westen» der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Nutzer gelangen über die jeweilige Marke, zum Beispiel der Basler Zeitung, auf das Portal. Aber wir haben eine gemeinsame Struktur, eine gemeinsame Technologie, das gemeinsame Mantelmodul und letztlich eine gemeinsame Philosophie, was die Interaktivität betrifft. Das ist die Grundidee.
Nebst Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und Berner Zeitung sind auch der Landbote und die Thurgauer Zeitung mit dabei. Gibt es weitere Titel? Ob auch der Landbote und die Thurgauer Zeitung mit dabei sind, wissen wir noch nicht definitiv. Logischerweise haben wir beide Zeitungen eingeladen. Auch die Sonntags Zeitung haben wir angefragt. Wir würden uns über eine Beteiligung dieser Titel freuen.
Dann ist das Netzwerk ein potentielles Sammelbecken für die Titel der beteiligten Verlage? Absolut. Die Plattform ist für alle Medien offen, die ein ähnliches Qualitätsverständnis haben und auf News mit Eigenleistungen vor allem im Schweiz-Teil und im Regionalen fokussiert sind.
Wie sind die Titel formal mit der Plattform verknüpft? Zu den optischen Konsequenzen gibt es verschiedene Vorschläge. Informationsdesigner Oliver Reichenstein schlägt zum Beispiel vor, mit der Site ganz nahe an die optische Erscheinung einer Zeitung heran zu gehen, damit quasi visuell eine einzige Welt entsteht. Das überzeugt mich einerseits, andererseits, soll die Website eine einheitliche Struktur haben, so wird es schwierig, dass diese geleichzeitig wie BaZ, Tagi, Berner Zeitung oder Radio 24 ausschaut. Diese Fragen wollen wir bei der Weiterentwicklung angehen.
Wann ist es soweit? Spätestens vor der Euro 08. Das ist natürlich ein Moment, wo viel passiert. Da lässt sich vieles ausprobieren, mit Webcams zum Beispiel. Es hat auch damit zu tun, dass der designierte Chefredaktor Peter Wälty nicht eher von 20 Minuten weg kann. Er kann erst ab Januar für das News-Netzwerk arbeiten und ist dann ab März voll angestellt. Sicher müssen wir Entscheide, zum Beispiel was die Technologie betrifft, schon früher treffen.
Hat der Newsroom des Axel Springer Verlages in Berlin Vorbildcharakter? Ich war selber nicht in Berlin, aber wir haben viele ausländische Modelle angeschaut, auch das in Berlin. Wir haben uns aus zwei Gründen gegen einen solchen Newsroom entschieden. Für uns bewegt sich Axel Springers Modell von unseren Konzeptvorstellungen weg und ist wohl mehr ein Marketingkonzept. Im Gegensatz dazu wollen wir für News die Stärken beider Kulturen haben, Print und Online. Wir wollen keine Zwischenkultur, die dann bloss die Schwächen beider Kulturen vereint. Wir sind davon überzeugt, dass die Onlineredaktion einen eigenen Raum, eine eigene Chefredaktion haben muss und nicht Print unterstellt ist. Sie soll ihren eigenen Geist haben, jung, dynamisch, frech, schräg. Daneben gibt es die Printkultur, die wiederum ihre eigenen Stärken hat. Es braucht beide Kulturen nebeneinander, die sich logischerweise gegenseitig eng austauschen.
Was ist der zweite Grund? Nun, wir verfügen nicht über die baulichen Möglichkeiten und wollen zuerst Erfahrungen sammeln, wie die beiden Kulturen miteinander klar kommen – dies auch im Hinblick auf einen möglichen Tamedia-Neubau Ecke Werdstrasse/Stauffacherquai in Zürich. Als Projekt könnte dort ein grosser Newsroom entstehen, weil in diesen Neubau auch Radio und Fernsehen integriert werden sollen. Im heutigen Print-Newsroom, im so genannten Tagi-Schiff, könnten wir nicht die ganze Onlineredaktion nach unseren Grössenvorstellungen bauen. Wir überlegen derzeit, ob wir im Tagi-Schiff über ein Newsdesk die Schnittstelle für Koordination und Zusammenarbeit realisieren sollen. Da geht es dann zum Beispiel darum, wie eine im Print gestartete Geschichte online weiter erzählt wird, beziehungsweise wie diese wieder zurückkommt und so fort.
Das Redaktionskonzept steht also noch nicht endgültig? Ob dieses Modell langfristig richtig ist, oder ob es sich mehr Richtung News Room entwickelt, hängt von unseren praktischen Erfahrungen ab. Die Berner Zeitung wird mit ihrer lokalen Onlineredaktion diesen Newsroom ab Frühling realisieren. Auch die Basler Zeitung tendiert in diese Richtung.
Der Name News ist Programm und bedeutet knappe Inhalte, vor allem für das gleichnamige Pendlerblatt. Lassen sich auch qualitativ aufwändige journalistische Inhalte realisieren? Es wäre gut, wenn das online auch umsetzbar wäre, das hängt aber von den verfügbaren Kräften ab. Beim Tages-Anzeiger mit einer Onlineredaktion von derzeit 8,5 Stellen ist das im Moment nicht möglich. Deshalb ist man bei Tagesanzeiger.ch in Bezug auf Eigenleistungen sehr beschränkt. Ende 2008 werden wir aber 35 Stellen haben. Da wird dann sicher mehr möglich. Das ist aber immer noch knapp, wenn man weiss, wie wichtig die Aktualität ist und wie schnell man sein muss. Man arbeitet zwei Schichten am Tag sieben Tage die Woche. Vertiefte Recherchen sind nur möglich, indem ein paar Leute freigestellt werden. Als Gefäss für gut recherchierte Geschichten ist online jedoch sehr attraktiv. Spiegel online zum Beispiel hat starke Eigenleistungen. Wenn wir erfolgreich sind, dann werden wir mit Recherchen und Eigenleistungen auch stärker werden. Das wird dann eine echte Herausforderung für Print.
So gesehen fällt das inhaltlich dürftige Pendlerblatt News zwischen Stuhl und Bank. Hinter News steht die Frage, was man an Inhalten gratis abgeben kann. Das sind in erster Linie die News. Sie sind sozusagen der Grundteppich, für den die Leute nicht mehr bezahlen wollen. Der Name von News ist deshalb Programm. Das ist ein klarer Fokus und entspricht einem Bedürfnis. Eigenleistungen sind relativ rasch sehr teuer. Sie sind mit Arbeit, mit Recherche, mit Widerstand verbunden. Normalerweise kann man das nicht im Print gratis abgeben. Aber online ist das mehrheitlich möglich. Im Internet hat man eine andere Nutzerschaft, Druck- und Verteilkosten fallen weg.
Was wurde aus dem Konzept Tagi Kompakt? Das war bereits viel früher ein Thema, doch das kam nicht durch aus dem einfachen Grund, weil wir die aufwändig und relativ teuer hergestellte Zeitung nicht einfach als Best of-Version gratis abgeben können.
Schaut man sich Ringiers Cash daily Plattform an, so ist dort Online first nicht mehr die Fragestellung, sondern sie lautet, über welchen Kanal soll eine Information verbreitet werden. Wie steht es mit elektronischen Medien bei News? Diese muss man nutzen, das ist auch attraktiv und das werden wir angehen. Sich zu fragen, über welche Kanäle man Inhalte verbreitet ist sinnvoll. Bei uns stellt sich die Frage jedoch etwas komplexer als bei Cash, weil wir noch einen bezahlten Printtitel in der Familie haben.
Wie geht es beim Tages-Anzeiger weiter? Tagesanzeiger.ch ist der Nukleus und Teil des Netzwerkes. Bis zum Start des News-Netzwerks wollen wir den Webauftritt in der jetzigen Form weiterführen. Die wird dann im neuen Portal aufgehen.
Interview: René Worni