Gratiszeitungen Mit der Zahl der Gratistitel wächst auch die Vorsicht der Mediaplaner. Nach der missratenen Distribution von .ch erst recht. Auch die neuste Pendlerzeitung, News, muss deshalb mit Vorbehalten starten.
Zu den Fotos (von links): Josi Bauer, Peter Hofstetter, Monica Jäggi, Andy Lehmann, Frauke Potent, Sandro Prezzi und Dominique Schilling.Am 5. Dezember ist News, die fünfte überregionale Deutschschweizer Pendlerzeitung, gestartet. Wie eine nicht repräsentative Strassenumfrage der Werbewoche in Zürich, Bern und Basel vermuten lässt (WW 43/07), wird es für den Neuankömmling nicht einfach sein, die Vorlieben und Gewohnheiten der Konsumenten zu verändern. Das neue Gratisblatt von Tamedia und Basler Zeitung Medien wird aber auch bei den Mediaagenturen keinen leichten Stand haben. Jedenfalls gab nur eine von sieben angefragten Mediaplanern und -planerinnen an, schon Inserate bei News gebucht zu haben. «Wir werden News sicher buchen, nur schon weil in der Anfangsphase die Aufmerksamkeit gegenüber dem Newcomer am stärksten ist», sagt Andy Lehmann, Geschäftsführer der Aegis Media Group Schweiz. Mit Spannung erwarte er übrigens die News-Ausgabe Mittelland, erst recht, seit die AZ Medien dagegen Sturm laufe. «Die beste Werbeverstärkung ist AZ-Verleger Peter Wanner selber», lacht Lehmann. Abgesehen von der derzeitigen Publizität von News, hebt Lehmann eine weitere Stärke des neuen Titels hervor: Das Blatt lasse sich derart vielfältig und «clever» mit anderen Titeln kombinieren, dass es bei Kunden auch deshalb auf Interesse stosse, sagt er.
Anders sieht dies Dominique Schilling, Mediaplanerin bei Generation Media, sie kritisiert die Kombi-Politik von Tamedia. Denn News Zürich kann nur mit dem Tages-Anzeiger gebucht werden, während in Basel, Bern und im Mittelland auch Solobuchungen möglich sind. «Ich lasse mich nicht von einem Verlag bevormunden.»
Bei anderen hat die News-Abs-tinenz hingegen eher praktische Gründe. «Dass wir bisher News nicht belegten, hat vor allem mit dem ungünstig gewählten Launchtermin zu tun», erklärt Sandro Prezzi, Managing Director von Mediaedge:cia Switzerland. «Wir haben zurzeit ganz einfach keine entsprechenden Kampagnen.» Ähnlich äussert sich Frauke Potent, Leiterin Printeinkauf bei Initiative Media Western. «Unsere diesjährigen Budgets sind bereits abgeschlossen und es gab keinen Grund, wegen News kurzfristig umzudisponieren», sagt sie.
Bewusster Umgang mit GeldDas künftige Buchungsverhalten ist das eine – wie aber wurde in den vergangenen zwei Monaten bei den Gratistiteln disponiert? Zwei Mediaplanerinnen gaben an, in dieser Zeit .ch nie belegt zu haben. «Die Werbebudgets nehmen zwar wieder zu, aber die Kunden sind doch bewusster im Umgang mit dem Geld», sagt etwa Josi Bauer von Starcom Adplus mit Blick auf die unklare Distribution von .ch. Alle anderen haben den Titel zwar ausprobiert, doch niemand kann seine Leistung so richtig einschätzen. «Die Distribution ist für mich die eigentliche Blackbox bei .ch. Das Versprechen, frühmorgens als Erste beim Leser zu sein, wurde nicht eingehalten», kritisiert Andy Lehmann. Dominique Schilling doppelt nach: «Seit die Ständer eingesammelt wurden, hat .ch seinen USP verloren», konstatiert sie kurz und bündig. Positiver äussert sich Sandro Prezzi. Zwar habe er bisher keinerlei Kundenfeedbacks zu .ch erhalten. «Aber gemäss einer Omnibusstudie scheinen Personen mit besserer Ausbildung zwischen 30 und 49 eine besondere Affinität zu .ch zu haben. «Ein interessantes Zielpublikum», sagt er. Zudem hält er das Zeitungsprojekt für innovativ. Es werde derzeit jedoch unter seinem Wert gehandelt.
Peter Hofstetter, Inhaber von Mediaxis-MPG, sieht das anders. Seiner Meinung nach klaffen Anspruch und Wirklichkeit völlig auseinander, sowohl bei .ch als auch bei News. .ch ging von Anfang an von 1,5 Lesern pro verteiltem Exemplar aus, News rechnet gar mit zwei Lesern. «Diese Annahmen sind so überrissen, dass man stark verhandeln muss. Eine Seite in .ch oder News darf doch nicht mit einer Seite in 20 Minuten gleichgesetzt werden», sagt Hofstetter.
Apropos 20 Minuten: Auf diesen Titel hat niemand von den befragten Mediaplanerinnen und -planern in den letzten zwei Monaten verzichtet, trotz der neuen Konkurrenz. «Wenn ich eine breite Zielgruppe erreichen muss, mache ich mit 20 Minuten jeweils gute Erfahrungen», sagt Frauke Potent. Auch Andy Lehmann hat damit schon starken Respons erzielt. Sandro Prezzi wiederum hat beobachtet, dass das Tamedia-Blatt von Kunden und Agenturen als «Trendmedium» angesehen wird. «Manche betrachten es offenbar als Penicillin für kranke Mediapläne», sagt er lachend.
Doch das scheint den 20-Minuten-Machern in den Kopf gestiegen zu sein. Josi Bauer jedenfalls meint, dass punkto Promotionen in letzter Zeit über die Stränge gehauen worden sei, was dem Blatt auf die Dauer schaden könnte. Über Heute und Cash Daily gehen die Meinungen noch stärker auseinander. Einige setzen Cash Daily speziell beim wirtschaftsaffinen Publikum ein, dann aber crossmedial mit Online. Andere haben den Titel schon länger als zwei Monate nicht mehr gebucht. Ähnlich ist es bei Heute: Die einen halten den Titel mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis für etabliert, andere bezeichnen ihn als kaum greifbar, dritte machten vor allem in Kombination mit dem Blick gute Erfahrungen.
Zurückhaltung beim BuchenWie dem auch sei: Von fünf Titeln sind drei noch so neu, dass sie über keine verlässlichen Zahlen verfügen. Macht das einen vorsichtiger gegenüber Gratistiteln? Die meisten bejahen dies. «Ich bin generell eher zurückhaltend beim Buchen neuer Titel», sagt etwa Monica Jäggi, Mitinhaberin von Konnex. Denn es dauere eine gewisse Zeit, bis ein neuer Titel bezüglich Distribution und redaktionellem Inhalt da sei, wo er gemäss seinem Konzept hinwolle. «Das zeigt sich aktuell bei .ch, konnte früher aber auch bei 20 Minuten oder Heute beobachtet werden», sagt sie. Vorsichtiger geworden ist auch Frauke Potent. Sie tastet sich primär mit etwas «Bauchgefühl» an den Gratiszeitungsmarkt heran. Ferner geht sie davon aus, dass sich die Gratiszeitungsleser mit den zwei neuen Titeln nicht vermehren, sondern aufsplitten. «Diesen Vorgang will ich erst abwarten, denn hier spielt sich ein Verdrängungswettbewerb ab», sagt sie. Aus ihrer Sicht muss sich ein Titel jedenfalls erst mal etablieren.
Josi Bauer pflichtet bei. Mit wachsender Titelanzahl in diesem Markt sei auch sie zurückhaltender geworden. «Die Überschneidungen sind gross und eine Differenzierung nach Zielgruppen ist noch kaum möglich», sagt sie.
Keineswegs vorsichtiger verhält sich Andy Lehmann. «Der Gratiszeitungsmarkt boomt und ist noch lange nicht ausgeschöpft. Jetzt einfach zu warten, bis sich der Nebel lichtet, wäre falsch. Vielmehr müssen wir die sich bietenden Chancen optimal nutzen», sagt er.
Markus Knöpfli