Presse Die New York Times hat die totale Integration von Print- und Online-Nachrichten auch räumlich vollzogen.
Noch vor wenigen Jahren beäugten sich die Belegschaften der Print- und der Online-Ausgaben vieler amerikanischer Zeitungen in der Regel mit Misstrauen. Eifersüchtig versuchte man, seine Pfründe zu sichern und der potenziellen Bedeutungslosigkeit zu entgehen. Doch allein in den letzten zwei Jahren kündigten Branchenkolosse wie das Wall Street Journal, USA Today und die New York Times an, die Redaktionen beider Ausgaben zusammenzulegen, oder zumindest zu koordinieren – ein Schritt, der als unabdingbar für die Überlebensfähigkeit der Zeitungsverlage angesehen wird.Eine der Zeitungen, wo die Integration mit am weitesten fortentwickelt wurde, ist die New York Times. Sie begann damit 2000 und vollendete die Zusammenlegung von Print und Online in diesem Jahr zumindest räumlich mit dem Umzug in den neu gebauten New York Times Tower.
«Endlich haben wir genug Platz, so dass unsere Web-Producer mitten unter den anderen Redaktionen sitzen können», meint Richard Meislin, Managing Editor der Internet-Ausgabe. «Wir versuchen damit die Leute anzuhalten, über Begriffe wie Zeitungs- oder Internet-Redaktor hinaus zu denken. Sie sind Redaktoren ihrer Sektion, egal ob von der Print- oder der Online-Ausgabe». Vor allem Korrespondenten im In- und im Ausland haben sich als Erstes an die Integration gewöhnt. «Sie haben schnell gemerkt, dass die Leute, über die sie berichten, davon auch in der Online-Ausgabe erfahren», so Meislin.
Der Kern der Zeitungsredaktion sitzt im Times Tower in den unteren drei Etagen. Sie sind durch Innenraumtreppen miteinander verbunden. Rund 40 Web Producer sitzen über diese drei Etagen verstreut direkt neben den Redaktoren von Nachrichten-, Inland-, Ausland- und Stadtredaktion und bekommen auf diese Weise jede Konferenz und jedes Gespräch mit, das zwischen den würfelartig zugeschnittenen Schreibtisch-«Cubicles» stattfindet. 20 weitere Online-Redaktoren sitzen im neunten Stock, wo die Webdesigner angesiedelt sind. Offenheit und Transparenz sollen diejenigen Büros ausstrahlen, die von einer Glaswand umschlossen sind: Viele davon haben keine festen Platzhalter, sondern jeder, der ein privates oder vertrauliches Telefongespräch führt oder eine spontane Konferenz einberufen will, kann vorübergehend darauf zurückgreifen.
Weniger systematisch als die räumliche Integration sieht der Einbezug von Multimedia-Elementen bei der Content-Gestaltung aus. «Wir versuchen, die Schranken des üblichen Wer-macht-was aufzubrechen, und wollen die Journalisten der Web- und der Printausgaben dazu bringen, sich gemeinsam an der Gestaltung einer Geschichte zu beteiligen», sagt Fiona Spruill, Chefin der Online-Nachrichtenredaktion. So steuern etwa Fotografen genauso Videomaterial zur Berichterstattung bei wie Reporter, und Web-Producer schneiden den Content ebenso wie die Autoren. Manchmal filmen sich Reporter selbst, etwa wenn sie ein neues Technospielzeug ausprobieren oder eine besonders teuere Immobilie begehen, dann hört man sie auch die Geschichte dazu erzählen. Was nicht unbedingt heisst, dass sie in der Lage sind, den Content selber zu schneiden. «Multimedia gehört mit zum Recherchieren dazu», sagt Meislin. «Das heisst nicht unbedingt, dass wir massenweise Reporter haben, die ihre eigenen Videos machen.»
Wer sich bei der Times als Web-Producer bewerben will, muss neben einer journalistischen Ausbildung auch fundierte technische Kenntnisse im Bereich Internet-Publishing mitbringen. Eine immer wichtigere Rolle spielen dabei die Blogs. «Wir haben das Glück, eine extrem informierte, leidenschaftliche und meinungsstarke Leserschaft zu haben», sagt Spruill. «Indem wir ihnen die Möglichkeit geben, ihre Kommentare neben den Blogs zu posten, demonstrieren wir, wie klug unserere Leser sind.» Einige Redaktionen, so etwa die Film- und die Reiseseite, fordern die Leser auf, ihre eigene Filmbesprechung beziehungsweise einen Reisetipp abzugeben. Sogar Fotos von Lesern, wie etwa von den jüngsten Entwicklungen in Pakistan, wurden im Internet veröffentlicht, was die Leserbindung an das Blatt weiter verstärkt.
Den gleichen Effekt dürfte die Aufhebung der Bezahlschranken für die New-York-Times-Kolumnisten im Rahmen von «Times Select» gehabt haben. Laut dem Medienforschungsinstitut Nielsen NetRatings zählte die Times online im Oktober 17,5 Millionen Unique Visitors, 19 Prozent mehr als im Vormonat. Im internationalen Zeitungsvergleich lag die Times damit dennoch nicht an der Spitze. Die Top-Position sicherte sich im Oktober der englische Guardian, der im gleichen Monat seine US-Online-Ausgabe Guardian America launchte. Die Zeitung erreichte mit dieser Erweiterung 18,4 Millionen Besucher weltweit.
Gerti Schön, New York
New York Times TowerIm April dieses Jahres
zog die Redaktion der New York Times aus ihrem historischen Hauptquartier am nach dem Blatt benannten Times Square in Manhattan aus. Die Crew bezog im November nur einige Blocks südlich davon einen neuen Büroturm. Der schlanke 52-stöckige Glaspalast wurde vom Genueser Architekten Renzo Piano entworfen. Die Zeitung belegt die unteren 28 Stockwerke des New York Times Tower, die obere Hälfte befindet sich im Besitz eines Immobilienunternehmens. (gs)