Verlage Der integrierte Newsroom, Herzstück der Fusion von Print und Online bei Axel Springer in Berlin, ist ein Jahr alt.
Die Bilanz nach einem Jahr lässt sich sehen: Im November erreichte Welt.de eine Reichweite von über 90 Millionen Page-Impressions und überrundete damit Faz.net, die Website der Frankfurter Allgemeinen. Ein Jahr zuvor, am 17. November 2006, wurde der integrierte Newsroom im 15. Stock des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin Mitte eröffnet, laut Konzernangaben der grösste seiner Art im deutschen Sprachraum. Da standen die Reichweiten (PIs) noch ungefähr auf Augenhöhe mit Zeit.de. Und es soll weiter aufwärts gehen. Axel Springer will im Netz Deutschlands führender Online-Anbieter werden. Dort liegt derzeit nicht etwa die Tagespresse im Web vorne, sondern mit Spiegel online ein Magazin. Online firstDer integrierte Newsroom ist die (strategische) Spitze des Eisberges einer rund 400-köpfigen fusionierten Redaktion, entstanden aus den Titeln Welt, Welt am Sonntag, Welt kompakt und Berliner Morgenpost. An langen Tischen – man spricht hier von «Balken» – sitzen die Chefredaktoren, Blattmacher, Ressortleiter und Produzenten und «steuern» den Content. Die Balken sind titelübergreifend nach den Ressorts Politik, Wirtschaft, Berlin, Vermischtes sowie Produktion gegliedert. Das verkürzt die Kommunikationswege enorm. Christoph Keese, Chefredaktor der Welt am Sonntag und Welt.de sowie Sprecher der Chefredaktoren, spricht von einer Zurufkultur, die zeitraubendes Herumtelefonieren erspare (siehe:
Wocheninterview mit Christoph Keese
). Keese ist zusammen mit den Chefredaktoren Thomas Schmid (Welt, Welt kompakt) und Carsten Erdmann (Berliner Morgenpost und Morgenpost.de) für die Inhalte sowie für ihre adäquate Platzierung im geeigneten Medium verantwortlich.Praktisch alle Texte werden, sobald sie fertig sind, online aufgeschaltet beziehungsweise über weitere Medien wie Mobile-Dienste als Videos über IPTV oder als Podcasts verbreitet. Für Keese lebt die Printkultur trotz des Prinzips online first weiter. «Unsere Zeitungen bestehen aus Inhalten, die originär nicht für Internet, sondern für Print geschrieben worden sind», was man zunächst gar nicht denken würde, sich aber aus der Praxis selbst einer voll fusionierten Zeitung ergebe. Voll fusioniert meint hier, die Journalisten schreiben für alle Titel. Ihre Arbeit hat sich dadurch teilweise stark verändert. Gewisse Journalisten schreiben heute von einer Story mehrere Versionen. Nach der Publikation online erscheint die aufdatierte Finalfassung, die sich allenfalls in Welt und Berliner Morgenpost bloss durch Headline, Bild und Schluss unterscheidet. Die Kurzversion findet sich dann in Welt kompakt. Die Chefredaktoren suchen sich für die Themen die möglichst besten Journalisten des nachgefragten Themas, welche die Inhalte dann kanalgerecht massschneidern. «Wir fördern so die Spezialisierung», erklärt Keese.
Ruhe statt BörsenatmosphäreWer zum ersten Mal den 400 Quadratmeter grossen Raum betritt, mag leicht enttäuscht sein: Es ist keine Halle mit Börsenatmosphäre. Ausgeklügelte Schalldämmung und die auf 80 Zentimeter begrenzte Höhe allen Mobiliars schluckt jedes Wort. Nicht eine Zimmerpflanze steht herum, dafür liefern Bildschirme über den Köpfen der Arbeitenden laufend News aus aller Welt. Stirnseitig lassen sich auf einer Multimediawand jederzeit die aktuellen Layouts der Titel aufrufen und diskutieren. Daneben befindet sich ein kleines Sprecherpult mit Teleprompter, wo dreimal täglich dreiminütige Nachrichten für Internet TV gelesen werden – derzeit die einzige moderierte Web-Nachrichtensendung in Deutschland. Mit dem kargen Büroraum, wo die Arbeitenden ihre Utensilien in kleinen Rollcontainern verstauen und jeden Morgen einen unbenutzten Arbeitsplatz antreten, kontrastiert eine fantastische Aussicht über die Stadt. Der Newsroom ist von morgens um sechs bis abends nach 24 Uhr belegt. Damit wird Welt kompakt – weiterer kleiner Superlativ – zur aktuellsten Zeitung Deutschlands.
Von Integration noch weit wegMit der Online first- beziehungsweise Multichannel-Strategie, von welcher Verlagsgeschäftsführer Peter Würtenberger schwärmt, dadurch werde erstmals «nahezu eine Echtzeitinformationsstrategie für unsere Titel möglich», erhöht sich auch der Druck auf die Journalisten. Kritiker meinten anlässlich der Eröffnung des Newsrooms, dass die Bedienung mehrer Kanäle mit ein und demselben Thema für Journalisten enorm schwierig sei. Wer vorab einen Text für online schreibt und diesen laufend aufdatieren muss, kann nur unter erschwerten Bedingungen auch noch Hintergründe für einen fundierten Printartikel schreiben.
Doch solche Realität scheint hier auch nach einem Jahr nicht angekommen. Auf der Redaktion geht zwar die Rede vom «industriellen Blattmachen». Doch so einschneidend wie befürchtet beziehungsweise erhofft sind die Veränderungen offenbar nicht. Auch von einem Wettbewerb unter den Journalisten selber, möglichst prominent ins Blatt beziehungsweise ins Netz zu kommen, sei nichts spürbar. Man sei im Vergleich mit Skandinavien oder den USA in Sachen Integration von Print und online noch weit entfernt, ist aus der Redaktion zu vernehmen (siehe
Ein Medien-Turm ragt in die Zukunft
).René Worni