Kommunikation
Einmal im Jahr gibts eine Tagung, die acht Stunden Adrenalin verschafft. Praktischerweise liefert die «Battle of Big Thinking» auch gleich den schonungslosen Update über unsere gesamte Branche. London im Herbst 2007. 7 Disziplinen, je 3 Redner, je 15 Minuten Referat: Anschliessend stimmen die Zuschauer im Saal live ab, wer gewinnt. Von allen zurzeit spannenden Agenturen sitzen Akteure im Publikum. BBDO, Wieden, Naked, BBH, Fallon, JWT, Saatchi, DDB, Mother. Aber auch immer mehr Zuhörer von Firmen wie Google, Shell oder O2 sind an der zum zweiten Mal stattfindenden Debatte. Mit und ohne Powerpoint-Gewitter – die Generalkritik der Strategen, Marktforscher, Marketing-Leute und Werber hinter dem Rednerpult zieht sich wie ein roter Faden durch den dichten Tag. Die Werbung ist tot. Die Werbeagentur ist tot. Die Idee ist tot. Es lebe die Marke. Aber wie denn?
Nicht unbedingt Schluss mit der Idee, aber um Gottes Willen Schluss mit dem sektiererischen Kult um die Idee forderte David Golding von RKCR/Young&Rubicam. Sind wir alle zu devot und besessen vom Zwang, eine gute Idee zu haben? Erstens ist die Idee nur eine von vielen Möglichkeiten, eine starke Markenkommunikation aufzubauen. Und zweitens ists dem Konsumenten schlicht egal. Auch ohne Idee erfreuen bunte iPod-Plakate, faszinieren trommelnde Gorilla-Spots für Cadbury, locken Food-Porno-Filme wieder Käuferinnen in den Marks & Spencer.
Radikaler deutet der Planner von adliterate.com, Richard Huntington, die klassiche Rolle der Werbung um: Werbung sei das neue Below-the-line. Rein taktisch eingesetzt, begrenzt sinnvoll. Ansonsten für die Markenführung grandios überschätzt, denn ein umfassendes Markenerlebnis kann heute sowieso viel besser und kompletter online inszeniert werden. Audio. Video. Content. Entertainment. Ohne alles gehts nicht. Heutige Marken-Stories sind schlicht zu gross für Werbung.
Aus der Marketing-Ecke kam der rustikale Vorschlag, Marken müssten in Zukunft mit dem Gandhi-Approach statt mit dem Stalin-Approach geführt werden. Flu Hazlitts kraftvolle Ansage erwies sich auf gut Deutsch als ein altbekanntes Kundenlamento: Man solle aufhören mit Negativwerbung. Die Managing Direktorin von GCap Media, Vermarkterin des grössten Radiopools in England, monierte, Negativwerbung funktioniere nur wie Katastrophen-Headlines in den Medien, die kurzfristig Absatzzahlen und Einschaltquoten erzielen. Positive Schlagzeilen hingegen verleihen einer Marke Hoffnung, Inspiration und Begehrlichkeit.
Die Allmachtsfantasie punkto Markenführung zeigte sich besonders krass beim ehemaligen Wahlkampf-Profi Joel Levy, der schon für Clinton und Blair gekämpft hat. Der Haudegen erklärte imposant, wie die kommerzielle Kommunikation nur vom politischen Campaigning die richtigen Lehren zu ziehen brauche. Totale Ausrichtung auf einen einzigen Gegner. Stärken, Schwächen und Botschaften definieren auf einem einzigen Blatt Papier. Alle Entscheidungsträger um einen Tisch einsperren im War Room. Und jetzt voll Rohr losschiessen auf die so genannten «Swings», die Wechselwähler, pardon, Wechselkäufer, denn die Treuen könne man eh vergessen. Das Ganze als Schachspiel mit Szenarien verstanden. Was ist mein nächster Schritt, was wird die Konkurrenz tun, was sind darauf wiederum meine Antwort, Optionen? Interessant, wie dabei der klassische Research neu zum Pre-Search mutiert. Für Labortests ist keine Zeit, und Verlass wäre darauf eh nicht, nur Realtime gilt. Die Strategie habe sich in Form einer rollenden Planung dauernd anzupassen.
Weniger martialisch, dafür eindringlich und eindrücklich war der Speech von Designerin Vicky Bullen. Sie hielt ein Plädoyer zur unterschätzten Bedeutung von «Schönheit». «Schönheit» sei ein derart verpönter Begriff geworden, es gehe ihm richtig dreckig. Dabei böte Schönheit viel Power für eine Marke. Das funktioniere eben ähnlich wie bei Menschen. Bereits unsere Kleinen reagieren darauf. Befragte Kids vermuten auf Grund von gezeigten Fotos, dass die schön aussehende Nanny wohl weniger schlage. Schönheit ist wahlentscheidend bei Konsumgütern im Alltag. Darüber hinaus denken lohne sich. Schönheit sei wesentlich mehr als Oberflächlichkeit und Ästhetik. Schönheit habe auch eine ethische und moralische Dimension. Grünes Denken oder Fair Trade gehörten dazu. So kann echte Schönheit eine Marke in ihrer Kategorie entscheidend profilieren (vgl. Dylon-Waschmittel in England).
Bedingungsloses ServicemodellFetch.com war eine andere klare Vision. Eine Art Butler-Service als Markenvorbild. Fetch.com gibts zwar nicht, würde aber alles organisieren – genau dann und genau dort, wo ich es wirklich brauche. Jim Hytner vom Retail Banking Marketing von Barclay‘s stellte das bedingungslose Servicemodell vor als Alternative zu all den Marken, die uns fortwährend Zeit stehlen. Indem sie uns «Instant Response» und sofortige Interaktion verweigern. «Instant Gratification» sei in einem immer schneller werdenden Zeitalter das einzige Markenkonzept mit Zukunft. Aus TV-Sendungen sofort Produkte bestellen. Auf Facebook sofort Freunde machen. Auf dem Blackberry sofort Mails beantworten. Marken, die davon nichts lernen, sind von gestern.
Aber eben. Schwarzweissmalen reichte nicht. Schönreden nicht. Klagen ebensowenig. Fast schon logisch stellte erst die Disziplin New Media den Tagessieger. Simon Waterfall von Poke überzeugte mit Charme und Schalk. Statt einer Antwort wollte er 15 Fragen aufwerfen. Ironischerweise wurde der vom Saal gekürte «Biggest Thinker of them all» selber das Opfer seiner Analyse der grassierenden Rasanz. Er schaffte es in 15 Minuten nur bis Frage 10. Was tun, in einer Zeit, wo die Digitalisierung so schnell fortschreitet wie Hundejahre – mindestens siebenmal schneller als die menschliche Realität? Was tun, wenn MySpace mit seinen 400 Millionen Usern bereits so gross ist wie das Land Brasilien? Eine neue Seite auf MySpace zu eröffnen, bedeute etwa dasselbe wie eine Postkarte mit nur einem Vornamen versehen nach Brasilien zu schicken. Was tun, wenn alles immer perfekter wird: noonebelongsheremorethanyou.com? Was tun, wenn man für sich selber und für alle seine diversen Online-Rollen gleichzeitig Tagebuch führen möchte? Was tun?
Schliesslich blieben drei kleine Begriffe hängen, die man sich merken kann: 1. Visceral. 2. Point of View. 3. Facebook.
1. Viszeral ist das neue Hype-Wort für herausragende Kampagnen und Markenerlebnisse. Visceral meint übersetzt «die Eingeweide betreffend». Also nicht streng rationalisierbar, sondern grundlos gut. Die Orgie von Orangina oder die durchgeknallten Zwillinge von 118 118 (bei uns 1818) oder die blaue Wunderwelt von O2 – man findets irgendwie brillant viszeral.
2. Point of View, das ist das, was eine Marke unabdingbar braucht, um wirkliches Engagement bei den Konsumenten auszulösen. Um Huntington zu zitieren: «Niemand ist interessiert an deiner Positionierung, alle nur an deiner Position.» Gilt für Menschen wie Marken. Interagieren will man nur mit jemandem, den man spürt, der eine klare Haltung an den Tag legt. Einen solchen Point of View hat: Omo zu Flecken (Dreck ist gut), Mastercard zum Geld (Es gibt Wertvolleres), Dove zum Körper (Jede Frau ist schön).
3. Facebook ist inzwischen ein Must. Wer nicht drin ist, ist draussen. Zwar wirds belächelt als primitiver McDonald‘s unter den Social Networks. Aber Facebook ist eben gerade deshalb so populär, weils so simpel ist. Dort findet sich selbst der CEO von British Rail oder sogar der Financial Officer der Nagra am Feierabend noch zurecht.
Die ganz grossen Ideen, wie eine Marken-Story heute erfolgreich sein kann, vermisste man ein klein wenig. Das hat womöglich damit zu tun, dass eine entscheidende Kategorie fehlte. «Big Brand Thinking». Bis zum nächsten Jahr?
Pascal Schaub, Präsident der Account Planning Group Switzerland