In Winterthur schwappt die Gratiszeitungs-Euphorie aufs Wochenende über: Das Stadtblatt erscheint bald sonntags, gratis und mit elfmal höherer Auflage. Es ist dafür nicht mehr amtliches Publikationsorgan der Stadt Winterthur.Ab 6. Januar erscheint das Stadtblatt Winterthur nicht mehr donnerstags, sondern sonntags. Der bisherige Abopreis von 150 Franken entfällt, die Zeitung wird neu gratis in jeden Haushalt verteilt. Entsprechend steigt die Auflage von bisher 4’377 auf 460’00 Exemplare. Das Winterthurer Stadtblatt wird somit die erste Gratis-Sonntagszeitung der Deutschschweiz – noch dazu mit Hauszustellung. Ob damit im Sonntagsmarkt ein neues Zeitalter eingeläutet wird, muss sich erst weisen. Es war nicht finanzielle Not, die den Stadtblatt-Mehrheitsaktionär Guido Blumer zu diesem Wechsel veranlasste. «Der Auslöser war mein Alter», sagt er. Mit 55 habe er eine Standortbestimmung vorgenommen. Und weil es ihn schon immer gereizt habe, ein Sonntagsblatt zu machen, entwickelte er ein Konzept und setzt es nun um.
Dabei hat er zwei Ziele im Auge: Seine Zeitung soll dereinst auch ohne ihn weiter bestehen können. Zudem sollte sie anders als bis anhin für den nationalen Werbemarkt wenn nicht unentbehrlich, so doch interessant sein. Blumer rechnet neu mit rund 70’000 Lesern. Den Anzeigenpreis erhöht er von derzeit 2328 auf 3136 Franken pro 1/1-Seite vierfarbig. Einen Tribut muss Blumer allerdings zahlen: Sein Stadtblatt ist künftig nicht mehr Publikationsorgan der Stadt Winterthur und der Gemeinde Seuzach. Das neue Konzept mit einer Gratis-Sonntagszeitung entspreche den stadträtlichen Kriterien nicht, heisst es in einer Mitteilung der Winterthurer Regierung vom Mittwoch. In ihren Augen soll ein amtliches Publikationsorgan eine abonnierte Zeitung sein.
Ganz auf Abo-Einnahmen verzichten will Blumer allerdings nicht. Darum richtet er freiwillige Partnerschaftsabos zu 100 Franken ein, die wiederum zu vergünstigten Einkäufen in 28 Winterthurer Geschäften berechtigen.
Mehr Umfang angestrebtSonst aber ändert sich wenig am Sonntags-Stadtblatt. Das Tabloid-Format wird beibehalten, auch kommt der redaktionelle Teil weiterhin ohne Farben aus. Einzig das Logo wandelt sich leicht: Statt von unten nach oben ist es nun von oben nach unten zu lesen. Und es ist nur noch halb sichtbar. Inhaltlich bleibt Blumers Blatt «eine reflektierende Wochenzeitung», die an Umfang etwas zulegen dürfte (auf 48 Seiten), sich und ihrem linksliberalen Kurs aber treu bleibt. Den Auftakt auf der Front machen weiterhin Kommentar und Karrikatur, es gibt einen Wochenschwerpunkt, Argumente, Meinungen und eine Agenda. Neu ist eine besinnliche Kolumne, die abwechselnd von einem Pfarrer, einem Rabbiner oder einer muslimischen Frau verfasst wird. Getreu der Absicht des Verlegers und des fünfköpfigen Redaktionsteams, primär zu Diskussionen anzuregen und Brücken zu bauen – auch über Parteigrenzen hinweg.
Dass das Stadtblatt existiert, ist ein kleines Wunder, muss es doch mit der Tageszeitung Landbote und den Wochengratistiteln Stadtanzeiger Winterthur (mehrheitlich Ziegler Druck) und Winterthurer Zeitung (Zehnder) zusammenleben. Doch Blumer betrachtet diese nicht als Konkurrenten. «Denn wir sind weder auf Aktualitäten und News noch auf People und Lifestyle aus», sagt er. Das Stadtblatt entstand seinerzeit aus der Winterthurer AZ, die dreimal wöchentlich erschien. 1997 vollzog Blumer die Ablösung von der SP und machte den Titel zum Wochenblatt. Blumer ist zu 60 Prozent beteiligt, zwei weitere Personen zu je 20 Prozent.
Markus Knöpfli