Die Weltwoche macht die aktuelle Ausgabe mit der Geschichte «Panik bei den Ölscheichs» auf, die alternative Treibstoffe thematisiert. Das Titelbild zeigt händeringende Scheichs, die ihr Leid beklagen. Wer umblättert, findet auf Seite 2 und 3 ein Panorama-Inserat von Volvo – und erkennt die Grafikelemente sofort wieder. Die Ölscheichs auf dem Cover stammen nämlich aus der aktuellen Anzeige des Automobilherstellers, entwickelt von der Agentur Spillmann/Felser/Leo Burnett. Das Sujet wirbt mit umweltfreundlichen Motoren. Zwar sind die arabischen Männer auf dem Weltwoche-Cover anders gruppiert, die Bildsprache ist aber unverkennbar die gleiche.
«Das ist eine neckische, kreative Zusammenarbeit», sagt Weltwoche-Chefredaktor und -Verleger Roger Köppel über die Entstehung dieses Heftauftakts gegenüber der Werbewoche. Sie habe sich zufällig ergeben; Köppel spricht von einem «Lucky Punch» und einem Scherz, den man sich da erlaube.
Der «exakte Tathergang» sei so abgelaufen: Köppel habe sich mit dem Volvo-Marketingchef und früheren ORF-Journalisten Georg Redlhammer über die österreichische Medienlandschaft unterhalten. Im Laufe des Gesprächs erkundigte sich Köppel nach den Werbeplänen von Volvo, «worauf Redlhammer eine Mappe hervorzog und mir die Scheichs zeigte». Die Weltwoche-Redaktion habe damals bereits eine Geschichte über alternative Energien angedacht und Köppel erkundigte sich deshalb, ob er das Bild als Illustration verwenden dürfe. «So eine Titelillustration ist nämlich teuer! Redlhammer war einverstanden und fand, dass Volvo dann gleich auch ein Inserat schalten werde», so Köppel. Die Weltwoche-Crew hat in der Folge das Grafikmaterial von SFLB erhalten und daraus die Illustration gestaltet.
Bezahlt hat der Autokonzern das Panorama-Inserat auf Seite 2 und 3, für die Titelseite floss kein Geld. «Es ist ja kein Titel- oder Mantelinserat, sondern eine Illustration», betonte der Weltwoche-Chef. Für Volvo sei die daraus entstehende Aufmerksamkeit aber natürlich «erfreulich». Und er selbst freue sich über das schöne Cover, so Köppel weiter. «Schade ist einzig, dass unser Titel nicht der erste ist, in dem die Anzeige erscheint. Das wäre eine tolle Premiere gewesen».
Anlass für Befürchtungen, dass damit die Trennung von redaktionellem und werblichem Inhalt verletzt sei, sieht er keinen. «Jede Zeitung muss attraktiv sein auf dem Werbemarkt, aber stets auch glaubwürdig bleiben», sagt Köppel. Beeinflussung durch Volvo habe es keinerlei gegeben. «Ich hätte diese Illustration wohl auch nicht gebracht, wenn der Artikel sich um die Autoindustrie oder gar um Volvo gedreht hätte. Und den alternativen Treibstoff Bioethanol, den Volvo im Inserat erwähnt, haben wir im Heft erst kürzlich kritisiert.» Dass er anders gehandelt hätte, wenn er neben seiner Rolle als Chefredaktor nicht auch Verleger wäre, glaubt er nicht. Ob die Kombination von Titelillustration und Anzeige auf der Folgeseite bei der Weltwoche wieder einmal zum Einsatz komme, werde sich zeigen: «Dass alles so gut zusammenpasst, ist wohl eher die Ausnahme», meint Köppel. Für «attraktive Werbelösungen» sei er aber immer offen.
Auch Volvo-Marketingchef Redlhammer erklärt, dass die Geschichte eher zufällig zustande gekommen sei. Könnte Volvos Image unter dem allfälligen Vorwurf leiden, dass der Konzern mit dieser Aktion die Grenze zwischen Redaktion und Werbung überschreite? Das glaubt der Ex-Journalist nicht. «Mir ist diese Grenze auch heilig. Die Redaktion darf keinesfalls beinflusst werden. Der aktuelle Weltwoche-Artikel zu alternativen Energien wäre ausserdem sowieso erschienen.» Redlhammer freut sich über die Titelillustration und sagt, die Zusammenarbeit sei genau so abgelaufen, wie er sich das als Werbekunde wünsche: «Wir sind eher Partner als Kunde
bei der Weltwoche». Er sei weiterhin auf der Suche nach innovativen Platzierungen und Ideen, mit denen er Volvo ins Gespräch bringen könne: «Hier sind die Verlage gefordert, den Kunden spannende Angebote zu machen». Carole Scheidegger