Den Filmern fehlen die Worte
Fernsehen In den USA zwingt der Autorenstreik die etablierten TV-Sender in die Defensive. Bereits fordern Werbekunden tiefere Preise.
Fernsehen In den USA zwingt der Autorenstreik die etablierten TV-Sender in die Defensive.
Amerikas Film- und Fernsehautoren streiken. Sie fordern von den Medienunternehmen einen Anteil von 2,5 Prozent an den Einnahmen, die durch den Vertrieb von TV-Serien und Spielfilmen über das Internet und andere digitale Plattformen generiert werden. Seit dem 1. November stehen Streikposten vor den Gebäuden der grossen Medienhäuser in New York und Los Angeles – und ein Ende ist nicht in Sicht. «Es geht um die Zukunft des Vertriebes von Inhalten», sagt Max Frye, Mitglied der Writers Guild of America (WGA), der schon für alle grossen Hollywoodstudios gearbeitet hat. «In zehn Jahren gibt sich kein Mensch mehr mit DVDs ab.»Rund 50 TV-Serien und immer mehr Filmproduktionen, darunter «24» und «Desperate Housewives», sind vom Streik betroffen. Die Protestaktion begann wenige Wochen, nachdem im amerikanischen Fernsehen die TV-Herbstsaison mit ihren neuen Serien begonnen hatte. Die meisten neu produzierten TV-Folgen sind inzwischen gesendet, und die Renaissance billiger Reality-Serien von «Big Brother» bis hin zu Donald Trumps «Celebrity Apprentice» hat auf praktisch allen Kanälen begonnen.
Viele Werbekunden fordern mittlerweile eine Senkung der Werbepreise – in den USA oft die einflussreichste Kraft auf die TV-Manager. Doch angesichts der Knappheit qualitativ hochwertiger Ware bleibt ihnen nichts anderes übrig, als für diese Sendungen noch mehr zu bezahlen als zuvor. «Die Marketer kaufen TV-Werbung», sagt Fred Dubin, Direktor für Branded Entertainment bei der Media-Agentur Mediaedge. «Wenn keine Serien zur Verfügung stehen, dann kaufen sie eben ewas anderes. Es herrscht Business as usual.» Der Trend kommt vor allem der Hitshow «American Idol» auf Fox zu Gute, die ein Massenpublikum von rund 30 Millionen Zuschauern verbucht und es Fox derzeit ermöglicht, Spitzenpreise von bis zu einer Million Dollar pro 30-Sekunden Spot zu verlangen. Ein Spot in einem Drama wie «Grey’s Anatomy» verbucht durchschnittlich 250000 bis 450000 Dollar.
Doch die TV-Netzwerke kommen allmählich in Bedrängnis. NBC verbuchte allein durch den Ausfall der Golden-Globes-Feier Verluste von 10 bis 15 Millionen Dollar, und ob ABC wiederum 80 Millionen Dollar für die Oscars scheffeln wird wie im letzten Jahr, ist mehr als fraglich. Schon im Dezember lagen die durchschnittlichen Primetime-Einschaltquoten der Networks elf Prozent niedriger als im Vorjahr.
Branchenbeobachter halten es für wahrscheinlich, dass die so genannten Upfronts in diesem Jahr gar nicht stattfinden werden. Bei den Upfronts stellen die TV-Sender jedes Jahr im Mai ihre neuen Serien vor, um die Marketer zu bewegen, so viel Werbezeit wie möglich im Voraus zu buchen. «Den Werbekunden gefällt die Idee, dass das übliche Rennen um die besten Werbemöglichkeiten ausfällt», sagt Dom Serafini, Chefredaktor der Zeitschrift Videoage International. «Das bedeutet weniger horrende Preise pro Werbespot.» Die Sender nahmen bei den Upfronts 2007 insgesamt 9,2 Milliarden Dollar ein.
Was der WGA Kopfschmerzen bereitet: Durch den Streik müssen Tausende von anderen Produktionsangestellten wie etwa Friseure, Beleuchter oder Setdesigner Arbeitsausfälle hinnehmen, ohne dafür entschädigt zu werden. In Los Angeles, wo ein Grossteil der TV-Serien produziert wird, sind dies allein 15’000 Beschäftigte. Nach Angaben der Los Angeles Economic Development Corporation hat der Streik die Filmstadt bisher 1,4 Milliarden Dollar an Verdienstausfällen gekostet. Damit beginnt der diesjährige Streik weitaus grössere Dimensionen anzunehmen als die letzte Arbeitsniederlegung der Autoren im Jahr 1988. Damals streikte die Gewerkschaft fünf Monate lang, was der Filmindustrie Verluste von 500 Millionen Dollar einbrachte.
Neue Hoffnung auf ein Ende des Autorenstreiks kam kürzlich durch die Directors Guild of America (DGA): Die gewerkschaftlich organisierten Regisseure, die mit einem ähnlichen Streik wegen der gleichen Fragen drohten, kamen zu einer vorläufigen Einigung mit den Filmstudios. Die WGA will prüfen, ob die Vereinbarung auch für sie gelten könnte, allerdings gilt die DGA als weitaus kompromissfreudiger als die WGA. Sollten beide Gewerkschaften zu einer Einigung mit den Studios kommen, dürfte auch ein Streik der Schauspieler, der für diesen Sommer angekündigt ist, obsolet werden. Wenn nicht, so stellen sich viele der Beteiligten auf eine lange Eiszeit ein.
Gerti Schön, New York
