Ruzicka-Prozess Aleksander Ruzickas Firmen sind über die Barterfirma Emerson FF von Aegis Meida beauftragt gewesen.
Joachim Lüdeke, der Geschäftsführer Emerson FF, sagte am Montag 28. Januar im Prozess gegen Aleksander Ruzicka und Aegis Media in Wiesbaden aus. Lüdeke gilt als Schlüsselzeuge: Es sollen gemäss Anklage Freispots im Wert von 40 Millionen Euro über das vom ihm geführte Barterunternehmen in die Taschen der Angeklagten geflossen sein.Lüdeke schilderte das Bartergeschäft (Tauschgeschäft) als festen Bestandteil verschiedener Wirtschaftszweige. Für seine Emerson FF gehören dazu auch nicht gebuchte Plätze in TV-Werbeblöcken. 80 Prozent der Bezahlung erfolge durch Medialeistung wie Inserate oder TV-Spots.
Im Jahr 2003 habe er nach ersten Gesprächen mit Aleksander Ruzicka, dem damaligen CEO von Aegis Media, die Firma Emerson FF gegründet. Wegen Aegis Media, aber nicht mit Ruzicka, so Lüdeke. Wie viele andere Media-Agenturen sei auch Aegis Media damals wegen rückläufiger Etats auf der Suche nach neuen Einnahmequellen gewesen. Nach einer Präsentation des Emerson-FF-Barter-Modells beim damaligen Aegis-Media-Worldwide-CEO Doug Flynn in London habe Ruzicka den Auftrag erhalten, ein europaweites Barternetzwerk aufzubauen. Emerson FF habe dafür von Aegis Media ein jährliches Budget von 250 000 Euro erhalten und sei «Preferred Partner» geworden. Pro Kunde und Jahr seien weitere 50 000 Euro vereinbart gewesen. Lüdeke habe das Modell danach quer durch Europa bei allen Aegis-Länderchefs präsentiert. Aegis habe das Bartermodell ausprobieren, jedoch das Risiko nicht selbst tragen wollen.
Lüdeke habe dann Verträge mit den Firmen Camaco und Watson abgeschlossen, die ihm von Aleksander Ruzicka vorgestellt wurden. «Natürlich sind diese Verträge auch unterschrieben worden», widersprach er der Angabe von Ruzickas Nachfolger Andreas Bölte. Zu Beginn habe in den Verträgen mit Emerson FF sogar «Aegis/Camaco» beziehungsweise «Aegis/Watson» gestanden. Nicht nur deshalb habe er beide Firmen der Aegis-Gruppe zugeordnet: «Wo sollten die Freispots sonst auch herkommen?», sagte Lüdeke wörtlich. Die TV-Werbezeiten-Vermarkter hatten dagegen in der Vorwoche bezeugt, dass sie zu keinem Zeitpunkt Kunden namens Camaco oder Watson hatten. Beide Firmen konnten demnach auch keine Freispots von den TV-Sendern direkt bekommen. Lüdeke geht davon aus, dass Aegis Media den Firmen Camaco und Watson kleine Teile der agenturbezogenen Freispotkontingente zur Kapitalisierung überschrieben habe.
Über Camaco und Watson seien zwischen 2003 und 2005 Freispots im Gesamtwert von rund 40 Millionen Euro zu Emerson FF gekommen – was nur einem kleinen Teil der Freispotkontingente von Aegis Media entsprechen würde, so Lüdeke. Auf Nachfrage des Richters erklärte der Zeuge, dass 25 Prozent an Emerson FF von Emerson Communications gehalten wurden, weitere 25 Prozent von der Firma Life2Solutions und 50 Prozent in einem Treuhandbesitz standen. Es sei geplant gewesen, dass die 50 Prozent später von Aegis Media übernommen werden sollten. Life2Solutions sei eine Art Controlling auf operativer Ebene gewesen. Emerson FF habe an diese Firma sämtliche Reportings und Ex-Post-Analysen geschickt. Aegis Media muss laut Lüdeke involviert gewesen sein, weshalb auch Aegis-Einkaufschef David Linn zuständig gewesen sei. Sendebestätigungen, Abrechnungen und Eingangsrechnungen seien von Emerson FF immer direkt an Aegis Media beziehungsweise an die Geschäftsführer der Marken Carat und Vizeum geschickt worden.
Über die Aegis-Boardmeetings, die Umsetzung und die Präsentationen habe Lüdeke umfangreiche Aufzeichnungen, Sitzungsprotokolle sowie Mail- und Schriftverkehr der Staatsanwaltschaft übergeben. Eher beiläufig wurde bekannt, dass dies nicht nur ein Aktenordner war, dessen Inhalt sich im Gerichtsakt befindet. Lüdeke legte ein Übergabeprotokoll vor, wonach er am 26. November 2006 der Staatsanwaltschaft 20 Aktenordner übergeben hat. Ruzickas Verteidiger Marcus Traut sah seinen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens bestätigt: Es seien erneut 19 Aktenordner vor der Verteidigung verheimlicht worden. Man könne nur in etwas Einsicht nehmen, von dem man auch Kenntnis habe, so Traut. Die Verteidigung unterstellte zudem, dass die Staatsanwaltschaft auf Druck und Zuruf des grössten Gewerbesteuerzahlers von Wiesbaden, Aegis Media, agiere.
Staatsanwalt Jördens wies diese Behauptung scharf zurück: «Dies entbehrt jeglicher Grundlage.» Jördens beantragte die Abweisung aller gestellten Beweisanträge. Diese würden nur dem Zweck dienen, den wahren Gegenstand des Verfahrens zu verschleiern, Aegis Media öffentlich in Misskredit zu bringen und zu schädigen. Die Vernehmung der von der Verteidigung benannten Zeugen sei überflüssig und unnütz. Die Beischaffung von Geschäftsbesorgungsverträgen sei ebenso überflüssig, da der Inhalt «für die Entscheidung des Gerichtes ohne Bedeutung ist». Die deutsche Behörde habe nach den Unterlagen gesucht, «die man für die Anklage gebraucht habe». Im Ermittlungsakt befänden sich alle Unterlagen, «die nach Meinung der Staatsanwaltschaft wichtig sind», so Jördens. Für Staatsanwalt Jördens sei die «anonyme» Strafanzeige von Rechtsanwalt Gaedertz und Ruzickas Nachfolger, Aegis-Media-CEO Andreas Bölte, «irgendein Stück Papier». Die Anklage gehe weit darüber hinaus. Es sei nicht wichtig, ob Andreas Bölte Kenntnis von der Anzeige hatte, sondern Aufklärung von Straftaten erreichen wollte. Der Zeitpunkt der Anzeige sei ebenso bedeutungslos wie der Umstand, dass man seitens Aegis Media danach 15 Monate tatenlos zugeschaut habe. «Aegis Media wollte aufklären», so Jördens. Die Beweisanträge seien «wegen Bedeutungslosigkeit zurückzuweisen». Ruzickas Anwalt Traut bekräftigte die Relevanz der benannten Zeugen und Beweismittel: «Man muss diese nur erkennen», so Traut wörtlich.
Vom Vorsitzenden Richter Jürgen Bonk wurde ein Schreiben von Aegis-Media-CEO Andreas Bölte vom 28. Januar 2008 verlesen. Bölte entbindet trotz des Wunsches nach Aufklärung seinen Firmenanwalt Eckart C. Hild nicht von der anwaltlichen Schweigepflicht – falls dieser als Zeuge vernommen werden sollte.
Ruzickas Verteidiger beantragte die Ladung des Botschafters der Republik Südafrika in Deutschland als Zeugen. Er möge bestätigen, dass sein Mandant keinen Reisepass des Landes habe. Gaedertz und Bölte hätten dies in der Strafanzeige erfunden, um für seinen Mandanten einen Haftgrund – Fluchtgefahr – zu liefern.
Über die Anträge der Verteidigung auf Sicherung von Beweismitteln und Aussetzung des Verfahrens ist erneut nicht entschieden worden.
Michael Ziesmann, Wiesbaden
Unglaubliche DimensionenDer Prozess rund um den ehemaligen CEO von Aegis Media, Aleksander Ruzicka, dem vorgeworfen wird, er habe über Scheinfirmen Vergünstigungen in Höhe von rund 52 Millionen Euro abgezweigt, die eigentlich Aegis zugestanden hätten, verfolgen hiesige Mediaspezialisten mit grossem Interesse und mitunter mit gemischten Gefühlen. Denn im Nachbarland gerät gerade eine ganze Branche in den Verdacht, mit kriminellen Geschäftsmethoden zu operieren. Bereits haben namhafte Werbekunden ihre Aufträge abgezogen, und die Steuerfahnder durchkämmen systematisch die Bücher namhafter Media-Agenturen. Wie gross der Imageschaden ausfallen wird, ist derzeit noch nicht abschätzbar, wohl ebenso wenig, ob er bis in die Schweiz spürbar sein wird. Immerhin operieren die grossen Media-Agenturen international.
Dreh- und Angelpunkt des Prozesses
sind die so genannten Freespots. Auch in der Schweiz wird mit Freespots gehandelt. Doch hierzulande geschieht alles – jedenfalls nach den Aussagen der von der Werbewoche angefragten Agenturen – nach Auftragsrecht, wie es das Obligationenrecht im Artikel 401 regelt. Der Kunde ist jederzeit informiert über Boni, die ihm auch zustehen. Dazu gibt es ausserdem einen richtungsweisenden Bundesgerichtsentscheid, wonach so genannte Retrozessionen stets dem Kunden gehören. Im so genannten Principle-Markt hingegen, wie er im deutschen Mediageschäft üblich ist, bekommen die Kunden von den Media-Agenturen keine transparente Rechnung zu sehen, welche die Vergünstigungen aufschlüsselt, die die Agentur bei einem Medium ausgehandelt hat.
Andy Lehmann, CEO von Aegis Media Schweiz,
will derzeit zum Fall und zu seinem ehemaligen Chef Ruzicka, der ein ausschweifendes Leben in Luxus geführt hat, keine weiteren Kommentare abgeben. Stephan Küng, Managing Director von Initiative Media, hingegen schaut gespannt nach Deutschland: «Der Fall hat unglaubliche Dimensionen angenommen.» Da lebe man in der Schweiz in einer ganz anderen Welt. «Das ist hier schlicht nicht vorstellbar.» Der Fall habe für seine Agentur auch keinerlei Konsequenzen. Auch Urs Schneider, Geschäftsleiter von Mediaschneider, spricht von einem peinlichen Fall, den er in dieser Grössenordnung nicht erwartet habe.
«Wir verfolgen intensiv, was in Deutschland passiert»,
sagt auch Jürg Siegrist, Direktor des Schweizerischen Verbandes der Werbeauftraggeber (SWA). Siegrist steht zudem in Kontakt mit Joachim Schütz, dem Geschäftsführer des OWM, der deutschen Organisation Werbungtreibender. Dieser hat kürzlich ein neues Modell vorgestellt, wie das Mediageschäft in Deutschland entschärft werden könnte (allerdings im Widerspruch zum zweiten Branchenverband OMG, der Media-Agenturen als eigene Wirtschaftsstufe klassiert wissen will). Gemäss Schütz sollen in Zukunft Agenturen nur noch von den Kunden selber bezahlt werden dürfen. Siegrist unterstützt diesen Vorstoss. Auch für die Schweiz sieht der SWA-Direktor gewisse Konsequenzen. Die Trilogie Auftraggeber, Medien, Vermarkter solle zwar aufrecht erhalten bleiben, aber: «Wir müssen als Folge der letzten Jahre eine Strukturdebatte führen», erklärt er. Der SWA wolle für Transparenz kämpfen und prüfe derzeit die Netto-Netto-Verrechnung. Damit sollen dann auch die Beraterkommissionen und die Jahresumsatzprämien zur Diskussion stehen. Obwohl die Situation im Mediabusiness in der Schweiz grundlegend anders sei als in Deutschland, gebe es auch hierzulande immer noch einzelne Fälle, wo eine Media-Agentur aus Unkenntnis dort disponiere, wo es am meisten Freespots und Rabatte gebe, sagt Siegrist.René Worni