Aussenwerbung Der Publiscreen ist Unterhaltung und Werbefläche zugleich. Der interaktive Bildschirm soll an der Euro 08 erstmals in Restaurants zum Einsatz kommen.
Sie hängen inzwischen überall. Vorwiegend im Supermarkt, in den Wartezonen am Flughafen oder im Foyer der Kinos. Die Rede ist von grossen Flachbildschirmen, die im Werbejargon Adscreens heissen. Rechtzeitig zur Euro 08 sollen die Gastrobetriebe im grossen Stil damit ausgerüstet werden. Das Projekt nennt sich «Publiscreen» und ist kein elektronisches Plakat, sondern laut Eigenbeschreibung «ein interaktiver Bildschirm für Restaurants, Bars und Pubs».
Multimedia heisst das Zauberwort. Herzstück des Flimmerbretts ist ein «interaktiver Dienst». Statt die Kunden einfach mit Werbung zu berieseln, wie das an POS-Stellen üblich ist, will der Publiscreen mehr bieten. Gäste können sich via Handy Musik herunterladen oder Musikvideos abspielen. Zudem bietet der Screen einen drahtlosen Internet-Zugang und zeigt im unteren Bildschirmbereich nonstop News aus Politik, Sport und Unterhaltung.
Publiscreen ist ein ehrgeiziges Projekt, hinter dem eine breite Interessensgemeinschaft steckt. Grund für die Lancierung eines solchen multimedialen Produkts ist unter anderem der starke Anstieg der Mobile-Content-Ausgaben. Seit Jahren wachsen sie im zweistelligen Bereich, wie diverse Studien aufzeigen. Gezahlt wird für Infodienste, Downloads, Klingeltöne und Spiele. Nicht nur die starke Nutzung des Handys ist der Grund, warum der interaktive Adscreen in Restaurants auf dem Vormarsch ist. Auch die Umschichtung der Umsätze zu Lasten der traditionellen Plakatwerbung hin zu Adscreen-Lösungen haben zur Weiterentwicklung und Erschliessung eines neuen Marktes geführt.
Von Event-Kultur unterstütztWährend attraktive Adscreen-Standorte bereits besetzt sind, ist das Gastronomieumfeld überwiegend freies Werbeland. Einzig Screen Image Media betreibt ein Netz in 50 namhaften Bars und Clubs, das pro Monat etwa 300’000 Personen in der Deutschschweiz erreicht. Mit dem Projekt Publiscreen zielen die Macher auf den gesamten Gastgewerbemarkt, der durch seine Kleinräumigkeit äusserst lukrativ ist. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Betriebe im Bereich Unterhaltung, Fun und Spiel positionieren, was dem Konzept entgegenkommt. Derzeit zählt das Schweizer Restaurantuniversum 30’000 Restaurants und Hotels. Davon sind laut den Kommunikationsberatern von Greenwich Consulting, die für das Vorhaben eine Marktanalyse durchgeführt haben, 5’500 Adscreen-tauglich. Davon sollen in diesem Jahr 1’000 ausgerüstet werden.
Neben der starken multimedialen Ausrichtung können Wirte in der Lancierungsphase drei Betriebsmodi wählen. Allen gemeinsam ist die Unterteilung des Schirms in drei Inhaltsbereiche (siehe Bild auf Seite 9). Der untere Bildschirmrand zeigt Nachrichten, die rechte Bildschirmseite ist für Werbung reserviert, und der Hauptschirm kann entweder TV, Radio mit Bild oder eine interaktive Anwendung wie etwa eine Jukebox zeigen. Vorerst sind auf Publiscreen einige Basisprodukte verfügbar, die aber im Projektverlauf laufend ausgebaut werden sollen.
Geld will man künftig nicht allein mit Werbung verdienen, sondern auch durch die geschickte Vernetzung von Inhalten und durch den starken Einbezug von Mobiltelefonen. Im Fokus stehen die so genannten Mehrwertdienste, mit denen in der Schweiz letztes Jahr 200 Millionen Franken umgesetzt wurden. Umsatztreiber sind neben Erotikangeboten vor allem Sport- und Gesundheitsthemen.
Nicht nur die Restaurantgäste, sondern auch Content-Lieferanten wie 20 Minuten oder Swisslos sollen vom Konzept profitieren können. Vor allem das Glücksspiel könnte sich als lukrative Geldquelle erweisen. Wie im Publiscreen-Konzept zu lesen ist, will man mit dem Produkt spielaffine Zielgruppen anziehen, die sich spontan zum Spielen hinreissen lassen. Wie aus Studien zu erfahren ist, geben Spontankäufer bis zu 20 Franken aus.
Investoren gesuchtDamit das Projekt auf die Euro 08 hin realisiert werden kann, werden allerdings noch Investoren gesucht. «Die Finanzierung ist noch im Gang», sagt Manuel Küffer von Greenwich Consulting. Mit den Montagearbeiten will man spätestens im April beginnen, wenn das Projekt finanziell gesichert sei. Der Grund, weshalb die Investoren gegenüber Adscreens-Investitionen noch zurückhaltend sind, sind verschieden. Branchenkenner meinen, dass man gegenüber dem jungen Werbemedium noch skeptisch sei. So baut Coop sein Adscreen-Netz in den Coop-Prontoshops um und geht nochmals über die Bücher. Aber auch die Firma Point.com mit ihren White Night Screens in 21 Toiletten in Bars und Clubs hat ihre Aktivitäten eingestellt. Schuld daran seien die Investitionskosten gewesen. Nicht zuletzt wegen solchen Misserfolgen geniessen Adscreens in der Werbebranche nicht überall den besten Ruf. Bezüglich Kosten sagt Manuel Küffer: «Die Hardware-Preise sind heute auf dem Niveau, auf dem sich Investitionen rechnen.»
Neben den fehlenden Geldern gestaltet sich die Akquirierung der Restaurantbetreiber als Knackpunkt. Seit Anfang Januar ist die Firma Network 41 daran, die Wirte vom Publiscreen-Konzept zu überzeugen. Wie Küffer gegenüber der Werbewoche sagt, habe man in drei Wochen mit vernünftigem Aufwand bereits fast 100 Gastrobetreiber für einen Schirm gewinnen können, die Akquisition sei jedoch sehr aufwendig. Zum einen, weil es in der Schweiz wenig grosse Restaurantketten gibt, die man angehen könne. Zum anderen lasse es sich mit Wirten nicht einfach verhandeln, weil in vielen Lokalen bereits TV-Geräte, Screens oder Beamer vorhanden seien. Kommt hinzu, dass es in der Schweiz zu vielen Pächterwechseln kommt.
Eugen Studer, der ein Pub in Horw betreibt, wird an der Euro 08 einen Publiscreen haben. Warum er Platz für einen Schirm im Pub macht, ist schnell gesagt: «Weil er gratis ist.» Zudem verspricht er sich Zusatzeinnahmen. In welcher Höhe die künftig ausfallen, kann nicht gesagt werden.
Auch auf Kundenseite stösst der Publiscreen auf Interesse. Einziger Kritikpunkt ist die Grösse des Schirms (126 cm Bilddiagonale), die bemängelt wird. Dafür zeigen die Werber grosse Begeisterung. Zwei Werbeagenturen mit nationalen und regionalen Kunden beurteilen das Konzept sehr positiv. Besonders begrüsst wird die Möglichkeit, Werbung kontextabhängig zu platzieren.
Christian Lüscher
PubliscreenHinter dem Konzept
Publiscreen steht eine Interessensgemeinschaft, der die Vermarkterin IP Multimedia, der Hardware-Lieferant PC Ware, Network 41 und Materna Communications angehören. Für die Detailstudie wurden die Greenwich Consulting Schweiz und Zölch & Partner beauftragt. Die News auf dem Publiscreen-Netz liefert 20 Minuten (Tamedia).
Adscreens im VormarschIn der Schweiz
wächst der Markt mit Adscreens. 2006 wurde in der Schweiz für zwölf Millionen Franken Werbung auf dem audiovisuellen Medium geschalten. Dies entspricht einer Steigerung um 34 Prozent gegenüber 2005. Fredy Grau von IP Multimedia schätzt, dass bis Ende des laufenden Jahres 35 Millionen ausgegeben werden. Das entspricht etwa dem Anteil, der für Kinowerbung investiert wird. IP Multimedia ist mit 16 Netzen und einem Marktanteil von rund einem Drittel die grösste Vermarkterin von Adscreens. Besonders stark ist die IP Multimedia im Mittelland und im Raum Zürich.