Lokalstrategie Abo-Zeitung, wöchentliche Grossauflage und fünf kleine Wochenblätter: Der Zürcher Oberländer will sein Gebiet neu auf drei Ebenen abdecken.
Beim Wort Kiebitz denken die meisten wohl zuerst an eine Vogelart. Doch Kiebitz ist auch der Titel einer kleinen Wochenzeitung, die bisher in den Gemeinden Illnau-Effretikon und Lindau im Zürcher Oberland verteilt wird. Dieser Kiebitz hat eine Auflage von 9’500 Exemplaren und gehört zu 100 Prozent der Zürcher Oberland Medien (ZOM). Allerdings erst seit vergangenem Oktober. Zuvor war auch der Landbote-Herausgeber Ziegler Druck und Verlag in Winterthur zur Hälfte beteiligt. «Früher druckten wir den Kiebitz noch. Doch seit wir den Zeitungsdruck an Tamedia abgetreten haben, machte für uns eine weitere Beteiligung strategisch keinen Sinn mehr», sagt Lothar Dostal, Ziegler-Geschäftsführer. Dem kleinen Kiebitz weint er keine Träne nach. Für Dostal ist der Titel eine «Marginalie».Das sieht ZOM-Direktor Peter Edelmann anders. Wirtschaftlich sei das Blatt zwar «nicht gerade berühmt», gesteht er. «Aber es ist selbsttragend und wirft einen kleinen Gewinn ab.» Zudem sei die Akzeptanz sehr gut. «Als amtliches Publikationsorgan von Illnau-Effretikon wird der Kiebitz gelesen», weiss Edelmann. Er ist denn auch überzeugt: «Beim Kiebitz liegt noch einiges drin, umso mehr, als wir den Markt bisher nicht stark bearbeitet haben.»
Sieben auf einen StreichDie funktionierende «Marginalie» inspirierte deshalb die ZOM zu einem Konzept, mit dem sie sich und ihre Tageszeitungen Zürcher Oberländer und Anzeiger von Uster ab Herbst 2008 noch besser im lokalen Markt abstützen will – quasi auf drei Ebenen. Die ersten zwei Ebenen stellt der Zürcher Oberländer (ZO) her, indem er schon heute einen Teil des Publikums in seinem Gebiet als abonnierte Tageszeitung erreicht – mit einer verkauften Gesamtauflage von 38’663 Exemplaren. Doch gelangt er einmal pro Woche dank Grossauflage (102’063 Exemplare) auch in alle Haushalte. Die dritte Ebene, welche die ZOM nun vorsieht, ist dagegen kleinräumiger. Dazu hat sie das ZO-Verteilgebiet, das von Dübendorf bis Bauma und von der Winterthurer Stadtgrenze bis nach Bubikon reicht, in sieben Kleinregionen aufgeteilt. «Jede von ihnen besteht aus mehreren Gemeinden, die miteinander in Verbindung stehen: geografisch, politisch, verkehrsmässig und wirtschaftlich. Zum Beispiel bezüglich der Einkaufsströme», sagt Edelmann. Man habe darauf geachtet, dass in jedem Gebiet mindestens eine grössere, städtische Gemeinde liege.
Für fünf der sieben Kleinregionen will die ZOM ab Herbst einmal pro Woche eine Gratiszeitung im Tabloidformat produzieren, die ebenfalls in alle Haushaltungen verteilt wird. Diese berichten dann in Ergänzung zur Tageszeitung und zur ZO-Website über das Geschehen in ihrem klar begrenzten Raum. «Zudem werden bedeutende lokale Themen, die schon im ZO-Online und in der Tageszeitung veröffentlicht wurden, für die betreffende Kleinregion nachbearbeitet und vertieft», sagt Edelmann. Eine minimale Absprache mit der ZO-Redaktion und untereinander wird deshalb unabdingbar sein.
Zwei Lokaltitel bestehen schonEine der fünf beteiligten Zeitungen wird der Kiebitz sein. «Er wird aber eine Ausweitung auf die Gemeinden Weisslingen und Kyburg erfahren», sagt Edelmann. Ob er Titel und Layout behält, ist dagegen noch offen. In der Stadt Wetzikon besteht mit dem Wetziker Spiegel (11’000 Exemplare) noch ein zweiter Titel in ZOM-Besitz, der ebenfalls ins neue Konzept eingebunden wird. Dieser erscheint bisher nur einmal monatlich, erhält deshalb ab kommendem Herbst einen Wochenrhythmus und wird in fünf zusätzlichen Gemeinden verteilt. In den drei anderen Kleinregionen stehen Neugründungen an, die alle grundsätzlich eigenständig funktionieren werden – nach Möglichkeit auch als amtliche Publikationsorgane der entsprechenden Gemeinden. Dazu finden derzeit Verhandlungen mit den Behörden statt.
Beim Anzeigenmarkt denkt Edelmann natürlich an das lokale Gewerbe, KMUs, Gemeindebehörden oder Vereine, Inserenten also, die nur kleinräumig werben und denen der ZO zu viel Streuverlust verursacht. Sie lassen sich mit den kleinen Wochentiteln besser abholen. Selbstverständlich werden die fünf Titel auch im Kombi buchbar sein. Noch stehen die Kombinationsmöglichkeiten und Tarife nicht fest, doch Edelmann will das Kombisystem so offen und flexibel wie möglich gestalten. Zudem werde der Tarif «ausgesprochen günstig» sein. Zur Orientierung: Beim Kiebitz kostet derzeit eine vierfarbige Seite brutto 2’782,80 Franken. Dass der Wiler Gratiszeitungsverlag Zehnder diese Woche seine Uster Rundschau einstellt (siehe Seite 1), kommt dem ZOM-Projekt dabei sehr entgegen. «Das ist nach so kurzer Zeit zwar überraschend, doch wir haben es so einfacher», meint Edelmann.
Rücksicht auf mögliche PartnerMit dem Wochenzeitungsprojekt schafft die ZOM mehrere neue Arbeitsplätze, gemäss Edelmann werden es am Ende etwa 13 Vollstellen sein, 7 davon im Bereich Redaktion, der Rest im Verkauf. Denn die Zeitungen werden in Eigenregie vermarktet, wie der ZO, der einzig im überregionalen und im nationalen Markt mit der P zusammenspannt. Dass von diesem Konzept zwei Kleinregionen – der untere Bezirksteil Uster und das Tösstal – ausgenommen sind, hat einen klaren Grund: In beiden Gebieten existieren bereits die ähnlich gelagerten Blätter Glattaler und Tössthaler. «Sie gehören zwar nicht zur ZOM, sie erfüllen aber eine ähnliche Funktion wie unsere Wochenzeitungen», sagt Edelmann. Der Glattaler, der wöchentlich knapp 26’000 Exemplare gratis verteilt, gehört der Zürcher Unterland Medien, mit der die ZOM im Verbund Zürcher Landzeitung eng
liiert ist.
Der Tössthaler erscheint dreimal wöchentlich mit fast 4’500 Exemplaren und gehört der Buchdruckerei Turbenthal. Offensichtlich will die ZOM die beiden Titel nicht bedrängen und möglicherweise sogar ins Konzept einbinden. «Beim Start sicher nicht, wir haben noch keine Fühler ausgestreckt», sagt Edelmann und lässt damit alle Türen offen. Beide Verlage sind jedenfalls über das ZOM-Vorhaben orientiert.
Massgeschneidertes KonzeptAls Gegenreaktion zur Grossauflage des Tages-Anzeigers und zu dessen Regionalisierungsstrategie will Edelmann das neue ZOM-Konzept nicht verstanden wissen. Zumal die potenziellen Inserenten, die mit den neuen Wochenzeitungen angesprochen werden sollen, ohnehin kaum grossräumig werben wollen – weder im ZO noch im entsprechenden Tagi-Split. «Nein, wir wollen einfach tiefer in unseren Markt vordringen und hier noch stärker präsent sein», sagt Edelmann.
In gewisser Hinsicht erinnert das Konzept auch an das Mikrozeitungs-konzept von Urs Gossweiler in Brienz mit seiner JungfrauZeitung (siehe Kasten unten). Doch auch diesmal winkt Edelmann ab. Er habe keinen Kontakt ins Berner Oberland gehabt, er könne sich deshalb auch nicht über Parallelen oder Unterschiede zu Gossweilers Idee äussern. «Unser Projekt ist massgeschneidert auf unsere Situation und leitet sich wesentlich von den Erfahrungen beim Kiebitz ab», sagt Peter Edelmann.
Einer, der Gossweilers Konzept bestens kennt, ist Beat Lauber, Leiter Regionalmedien bei der NZZ-Gruppe und Mitglied im Verwaltungsrat der ZOM. Er habe jedoch nicht am ZOM-Konzept mitgearbeitet, sagt Lauber. «Aber als ich es las, habe ich zuerst auch an die JungfrauZeitung gedacht.» Allerdings bestehe ein wichtiger Unterschied zu Gossweilers Idee: «Sein Mikrozeitungskonzept kennt keine zugehörige Regionalzeitung.» Das ZOM-Konzept sei lokal ausgerichtet, aus der Erkenntnis, dass der lokale Markt für eine Regionalzeitung das absolut Wichtigste ist. «Es geht darum, dort niemanden reinzulassen und die lokale Leserschaft und die Kunden gut zu pflegen», sagt Lauber.
Werden sich denn die Zürcher Unterland Medien oder die Zürichsee-Zeitung, bei denen Lauber ebenfalls mitredet, bald dem ZOM-Konzept anschliessen? Laubers Antwort fällt pragmatisch aus: «Natürlich beobachten wir, was bei der ZOM passiert. Falls die Idee dort Wirkung zeigt, können wir relativ schnell kooperieren oder das Konzept bei andern Titeln umsetzen.»
Markus Knöpfli
Kleinvieh macht auch Mist«Verleger, pflegt eure lokalen Kunden in guten Zeiten.
Denn sie sind euer Fundament in Krisenzeiten.» So etwa lautete ein Rat, den die Verleger in den letzten Jahren immer mal wieder aus Publicitas-Kreisen zu hören bekamen. Auch vom heutigen NZZ-Verlagsleiter Daniel Hofer. An der P-Verlegertagung 2002 in Bern sagte er – damals als CEO von Publicitas Promotion Network: «Die Zeiten sind vorbei, in denen man mit 10 oder 15 Top-Kunden 40 bis 50 Prozent des Umsatzes generieren konnte.» Hofer empfahl der Verlegergilde deshalb, den Kontakt zu lokalen Kunden auch in der Hochkonjunktur zu suchen.Auf sein damaliges Referat angesprochen,
sagt Hofer, dass er noch immer dezidiert dieselbe Meinung vertrete. «Letztlich muss sich eine Regionalzeitung aus ihrer Region heraus refinanzieren. Was aus dem nationalen Markt kommt, ist bloss nice to have.» Das ZOM-Konzept kennt Hofer nicht im Detail. Auch sieht er keinen direkten Zusammenhang mit seinem Appell. «Dennoch freue ich mich, wenn die Saat aufgeht», lacht er.Tatsächlich scheint das ZOM-Projekt
etwas vom Innovativsten, was in den letzten Jahren von Verlegern für die Lokalmarktpflege konzipiert wurde. Vorausgesetzt, die Rechnung geht auf, könnte es auch andern Regionalzeitungen als Überlebensmodell in konjunkturell schwierigen Zeiten dienen. (mk)Die MikrozeitungGeschaffen und geprägt hat die Mikrozeitung Urs Gossweiler
, der umtriebige Verleger der JungfrauZeitung in Brienz. Sein Konzept konzentriert die publizistischen Inhalte rigoros auf den Lokalbereich, auf den so genannten Mikrokosmos Jungfrau im Berner Oberland und verzahnt dabei Online und Print praktisch nahtlos. Das Blatt erscheint im achten Jahrgang im Web und in gedruckter Form auf Zeitungspapier als sogenannter Printout zweimal die Woche.Die JungfrauZeitung hat sich im Markt bei 67 Prozent der um 50’000 Einwohnerinnen und Einwohner der Region etabliert und erwies sich selbst in den schwersten Jahren der Printbranche als vergleichsweise krisenresistent.
Gossweiler hatte sich schliesslich Ende 2006 von der Idee verabschiedet, für sein Konzept auch ausserhalb der Jungfrauregion Partner zu finden (darunter die NZZ). Dies nach drei Jahren intensiver, aber vergeblicher Suche. (rw)