Internet Auf Youtube wird getarnt und getäuscht. Das offenbart eine unterhaltende Webserie mit dem Namen Viralcom.
Jeden Tag wollen uns Tausende Benutzer auf Youtube etwas mitteilen. Wer im Internet auffallen will, stellt ein Video online. Je schriller, desto wahrscheinlicher sind die Chancen, dass die Botschaft ein Millionenpublikum erreicht. Auch die Werbeindustrie hat die Videoplattform entdeckt. Weil die User Produktlobhudeleien ablehnen, setzen clevere Werber auf die Macht der Mundpropaganda. Das Zauberwort heisst Viral Marketing.Und so funktioniert virale Werbung: Die Werber streuen einen Clip im Web und hoffen, dass ihre Idee so schrill ist, dass die Nutzer sie von selbst weiterverbreiten. Als sehr erfolgreiches Beispiel gilt der Clip über Ron Hammer. Im Oktober 2006 kursierte auf den Internet-Videoportalen ein Clip, der im Stil eines Amateurfilms einen spektakulär verunglückten Motorrad-Stunt zeigte. Der Fahrer überlebte den Sprung und winkte danach munter in die Kamera. Kaum im Netz, war die Kunstfigur Ron Hammer im deutschsprachigen Raum einem Millionenpublikum bekannt.
Eingefallen ist der Gag der Agentur Proximity Germany für die Baumarktkette Hornbach. Seit Stuntman Hammer erfreuen sich solche getarnten Werbefilme einer immer grösser werdenden Beliebtheit. Marketingleute wollen das Viral-Phänomen forcieren, planen vermehrt solche Aktionen und geben entsprechend Kampagnen in Auftrag.
Hinter die Kulisse geschautHinter den Wackelbildvideos, die uns also täglich zum Lachen bringen sollen, steckt inzwischen ein lukratives Business. Im Kampf um Aufmerksamkeit auf YouTube, Branchenprimus aller Videoplattformen, reicht es nicht mehr aus, mit der Handykamera die missglückte Akrobatik eines Kollegen abzufilmen. Inzwischen beschäftigen sich professionelle Filmleute damit, YoutTube-Hits zu generieren. Das zeigt Warner Bros. in diesen Tagen im Internet. Der Mediengigant hat eine unterhaltende, aber traurige Doku-Folge ins Internet gestellt, die schonungslos zeigt, was wirklich hinter den angeblich erfolgreichen Videos, die den Stempel «User generated Content» tragen, steckt. Viralcom heisst die Webserie und offenbart, was der kritische User schon immer vermutet hat: Jeder Brüller auf YoutTube ist letztlich professionell umgesetzt. Keine Spur von Nerds oder sexgeilen Teenagern, die sich gelangweilt haben und dann ein Homevideo produzierten. Auf YouTube wird der Erfolg nicht dem Zufall überlassen.
Filmprojekt ohne TabusDie Serie Viralcom erzählt unverblümt die Geschichte eines Filmstudios, dessen einzige Mission es ist, Hits für die Videoplattform YouTube zu produzieren. Dass dies ein knallhartes und mittlerweile ein geldgetriebenes Business ist, zeigt bereits die erste Episode. Das Filmprojekt kennt keine Tabus. So wird mancher YouTube-Hit entzaubert, zum Beispiel die Erfolge um den Clip «Chocolate Rain» oder «Baby Laughing». Beide Produktionen konnten auf YoutTube ein Millionenpublikum mobilisieren. Viralcom inszeniert die Produktionen als Fakes. Der «echte» User generated Content bleibt auf der Strecke.
Die Geschichte um den Hitsong «Chocolate Rain» entpuppte sich nach seinem Erfolg auf YouTube auch als werberischer Coup. So wurde der Sänger im Video vom Getränkehersteller DrPepper für die Lancierungskampagne eines neuen Getränkes engagiert. Der populäre Troubadour durfte ein Remake seines Schokoladenhits propagieren, der sich wieder wie ein Lauffeuer auf YoutTube verbreitete. Die virale Promotionstaktik, so die Verantwortlichen von DrPepper kürzlich in der New York Times, kann wieder als Erfolg deklariert werden.
Die Serie Viralcom, die erstmals in die Geschehnisse am Set grosser YouTube-Produktionen Einblick gewährt, startete Anfang April. Und es fehlt ihr keineswegs an Spannung. So ist gelegentlich die ruppige Art des Regisseurs im Fokus, der gern mal ausflippt und Schauspieler vermöbelt. Aber auch der geldgeile Produzent auf dem Set oder der überforderte Castingassistent sorgen für Schmunzler.
Experimentierlabor fürs WebViralcom ist eine Wochenserie. Jeden Mittwoch kann eine neue Folge auf der besagten Videoplattform oder auf
heruntergeladen werden. Verantwortlich für den Inhalt sind die beiden Drehbuchautoren Joey Manderino und David Young, die für das Studio 2.0 Comedyserien wie «14 Days in a Civic» oder «eHarmony’s Minor Matchmaker» geschrieben haben. Studio 2.0 wurde von Warner Bros. als Experimentierlabor für Internetproduktionen gegründet. Damit will der Filmriese Kurzfilme, Serien und Spielshows speziell für das Internet produzieren.Studio 2.0, das 2006 gegründet wurde, hat auch zum Ziel, stark mit der Werbewirtschaft bei der Entwicklung neuer Formate zu kooperieren. Bis heute kam allerdings auf diese Weise nur ein Ergebnis zustande, nämlich die Quizshow «Hardly News», die seit April letzten Jahres auf der von der Brauerei Anheuser-Busch finanzierten Website Bud.tv präsentiert wird.
Christian Lüscher
Virales Marketing hoch im KursZusammen mit dem Marktforschungsunternehmen GfK
haben die Agenturen Robert & Horst Marketing und Webguerillas Firmen nach «alternativen Werbeformen» befragt. Wie die Autoren der Studie schreiben, zeige die Mehrheit der Marketingleute in Grossunternehmen reges Interesse an viralem Marketing. Deutlich im Trend sind Werbeformen, die sich auf die kommunikative Kraft des Internets stützen. Die befragten Unternehmen sehen hierfür vor allem Videoclips als geeingnetes Mittel. 34,3 Prozent der B-to-C-Werber setzen diese bereits ein, 20,6 Prozent planen dies noch zu tun. Auch das Word-of-Mouth-Marketing wird bei bei 24,7 Prozent eingesetzt, 11,3 Prozent planen dies in naher Zukunft. Ebenfalls von grossem Interesse sind Online-Games. Jene Werbetreibenden, die ein Budget über fünf Millionen Euro haben (das sind 28,9 Prozent der Befragten), setzen auf diese spielerische Werbeform. Die Studie wurde nach 2003 und 2005 2007 das dritte Mal durchgeführt und soll einen Blick auf die Entwicklung «alternativer Werbeformen» ermöglichen. Befragt wurden branchenübergreifend 326 Marketingverantwortliche.Eine bittere Realität für WerberDer originelle Inhalt
eines YouTube-Filmchens reicht schon lange nicht mehr, um eine Millionengemeinde im Netz in Begeisterung zu versetzen. Profis helfen mit Tricks nach, um ihre Clips in der Webgemeinde prominent zu machen. Der Spot, den ein Agenturmitarbeiter an seine fünf besten Freunde versendet und in der folgenden Woche schon Tausende Zuschauer findet, gehört ins Reich der Fantasie, glaubt man den detaillierten Ausführungen von Dan Ackermann, Autor des prominenten US-Blogs «Techcrunch». In seinem Bericht «The secret strategies behind many viral videos» zeigt Ackermann unverblümt auf, dass ein viraler Prozess erst dann ins Rollen kommt, wenn man unter anderem User mit verfälschten Diskussionen täuscht und eng mit Blogautoren zusammenarbeitet. (cl)