Upfronts Die jährliche Präsentation neuer TV-Serien in New York findet heuer in abgespeckter Version und mit viel ausländischem Einfluss statt.
In New York sind soeben, wie jedes Jahr im Mai, die so genannten Upfronts zu Ende gegangen. An den Upfronts stellen die amerikanischen Fernsehsender den Werbetreibenden ihre neuen Serien für die kommende TV-Saison vor, um frühzeitig Werbezeiten zu verkaufen. Doch was traditionell mit grossem Aufwand, etwa mit Musik und Tanz und dem Auftritt hochkarätiger Schauspieler, über die Bühne ging, wurde in diesem Jahr deutlich kleiner gefahren. Der Grund: Die Auswirkungen des Autorenstreiks, der Teile der Fernsehindustrie im vergangenen Winter völlig lahm legte und den Verlauf populärer Serien wie «Lost» und «Desperate Housewives» monatelang unterbrach. «Die Upfronts sind von Jahr zu Jahr teurer und aufwendiger geworden, die Sender wollten sich gegenseitig ausstechen und viele sind dieses Trends schon lange müde geworden», sagt Brad Adgate, Vizepräsident des New Yorker Medienforschungsunternehmens Horizon Media. «Der Streik gab ihnen einen willkommenen Grund, kürzer zu treten.» Der Trend, von der derzeitigen Rezession untermauert, wird sich nach Ansicht von Wall-Street-Analystin Jessica Reif Cohen auch finanziell niederschlagen. Sie prognostiziert, dass die Werbeeinnahmen für die Networks in diesem Jahr um zwei Prozent einbrechen und damit einen Gesamtumsatz von elf Milliarden Dollar ausmachen werden.Der Autorenstreik, der über dreieinhalb Monate lang dauerte, zwang die Fernsehbosse zu einer Denkpause darüber, wie sich das bisher praktizierte ökonomische Modell weiterführen lässt. Das zu Universal gehörende TV-Network NBC ging dabei am weitesten und begann, sowohl die so genannte Pilot-Season stark zu verkürzen als auch den Start neuer Serien nicht wie bisher in den Herbst zu legen, sondern über das gesamte Jahr zu verteilen. Darüber hinaus schnürt NBC den Werbern ganze Pakete, die nicht nur TV-Serien, sondern auch so genannte Webisodes und Streaming Content auf der firmeneigenen Seite Hulu.com enthalten. Jede Show soll ausserdem eine eigene Website erhalten, wo Blogs, Spiele und zusätzliche Szenen für die Fans angeboten werden. «Wir stellen bei den Upfronts zwar noch immer eine Dominanz des traditionellen Fernsehens fest», sagt Chris Allen, Direktor für Videoinnovation bei der Agentur Starcom. «Aber inzwischen wechseln definitiv mehr Leute in den digitalen Bereich, die in der Vergangenheit zögerlich waren.»
Die Sender wollen, statt teurer Piloten einzusetzen, die gut und gerne über sieben Millionen Dollar kosten können, neue Serien starten, die bewährte Autoren oder Stars vorweisen können oder bereits im Ausland erfolgreich liefen. Deshalb wurden in diesem Jahr statt der üblichen 70 Piloten lediglich 30 produziert. Auch die Anzahl der Neuproduktionen fiel von den üblichen 100 auf 70.
Zu den Neuproduktionen an den Upfronts gehört das Drama «My Own Worst Enemy» (NBC) mit Christian Slater sowie die Reihe «Dollhouse» (Fox), die vom «Buffy, the Vampire Slayer»-Produzenten entwickelt wird. «Kings» (NBC), eine moderne Version der Geschichte des biblischen David, verschlingt zwar das übliche Produktionsbudget von sieben Millionen Dollar für einen Piloten, soll jedoch statt einer Stunde zwei Stunden lang dauern, damit die Sendung allein für sich stehen kann, falls sie nicht die erwünschten Einschaltquoten verbucht. NBC setzt ausserdem auf ein Remake der Autoserie «Knight Rider», während das CW-Network die Primetime-Soap «Beverly Hills 90210» und Fox die Familien-Komödie «The Pitts» wiederbeleben.
Dank dem Trend, sich auf Bewährtes zu verlassen, bekommen sogar ausländische Produktionen eine Chance. «Wir sehen mehr und mehr Shows, die nicht aus den USA stammen», sagt Dom Serafini, Chefredaktor des Branchenmagazins Videoage International, und verweist auf Importe wie die BBC-Produktionen «Merlin» und «Crusoe». «Sogar englische Cartoons wurden mit amerikanischen Voiceovers versehen.» Andere international erfolgreiche Shows wurden jedoch neu produziert, darunter die australische Mutter-Tochter-Comedy «Kath & Kim» (NBC), «The Inn», ein Abklatsch der englischen ITV-Produktion «Upstairs, Downstairs» (Fox), sowie die BBC-Serien «Life on Mars» (ABC), «Ny-Lon» und «Worst Week» (beide CBS). Kosten sollen ausserdem gespart werden, indem die Neu-Launches der vergangenen Saison, die schon nach wenigen Monaten wegen des Streiks eingestellt werden mussten, noch einmal eine Chance bekommen, darunter «Life» (NBC) und «Pushing Daisies» (ABC).
Als erfolgsträchtige neue Shows mit brandneuen Konzepten, allsamt im Bereich Thriller und Übersinnliches, gelten Jerry Bruckheimers «Eleventh Hour» (CBS), worin es um einen Geheimagenten geht, die CBS-Serie «The Mentalist» über einen Detektiv mit ungewöhnlichen Talenten sowie «Fringe» (Fox), eine Produktion des «Lost»-Regisseurs JJ. Abrams, in der ein Mutter-Sohn-Team ungewöhnlichen Phänomenen nachspürt. Als einzige vielversprechende Komödie gilt «Starting Under» (Fox) mit dem etablierten Comedystar Bernie Mac.
Trotz der derzeitigen Aufbruchsstimmung für die kommende Saison könnten sich die TV-Veranstalter schon in ein paar Wochen erneut in der Bredouille befinden. Denn die Gewerkschaft der Schauspieler, die ebenfalls einen Anteil für ihre Mitglieder aus den Einkünften digitaler Besitztümer fordert, hat einen Streik für den 1. Juli angekündigt, sollte es im Vorfeld zu keiner Einigung kommen. Die TV-Bosse stehen unter starkem Druck, einen erneuten Streik abzuwenden. «Der Autorenstreik hat die Networks stark getroffen», sagt Adgate. «Das Letzte, was sie nun brauchen können, ist eine weitere Arbeitsniederlegung.»
Gerti Schön, New York