IPTV Zattoo expandiert und kämpft mit nicht selbst verschuldeten Kinderkrankheiten.
Vor knapp zwei Jahren, im August 2006, startete Zattoo in der Schweiz eine bisher einzigartige Applikation, um herkömmliche Fernsehprogramme auf einfache Weise auf den Computer holen zu können – bis heute kostenlos. Sie funktioniert nach dem Peer-to-Peer-Verfahren, wie man das zum Beispiel von den Musiktauschbörsen kennt, wo sich der Datenstrom aus verschiedenen Einzelrechnern zusammensetzt.Am Anfang standen bloss die vier SRG-Sender im Angebot. Bereits ein halbes Jahr später bot Zattoo 41 Programme an. Heute sind es bereits 60 Sender, darunter BBC, Al Jazeera, Arte, sowie die bedeutendsten französischen, deutschen, italienischen und Schweizer privaten und öffentlich-rechtlichen Kanäle. Aber auch Spartensender wie TV gusto, Automoto TV oder Game TV stehen auf der Liste. Die Technologie setzt der Sendervielfalt keine Grenzen, doch einfach wahllos Sender aufzuschalten, mache keinen Sinn, findet Dominik A. Schmid, Chef für den deutschen Sprachraum bei Zattoo. Man könne das beim Satellitenempfang sehen: «Die Leute beschränken sich in der Regel auf stets dieselben acht bis zwölf Sender», sagt er.
Zattoo verzeichnete in den letzten Monaten einen enormen Zuwachs. In der Schweiz haben sich rund 675 ‚000 Personen den Gratisplayer heruntergeladen. Tendenz stark steigend, ganz besonders im Hinblick auf die Euro 08. RingierTV wird zum Beispiel einen eigenen EM-Sportkanal launchen und diesen über Zattoo verbreiten. Indessen zeigt sich die Werbung zwar interessiert, zögert aber mit Investitionen.
Die EM dürfte auch zum technologischen Prüfstein erster Güte werden. Denn nicht immer sind die Bilder sauber empfangbar. In der Primetime zum Beispiel auf den SRG-Sendern kommt es gerne vor, dass die Bilder verpixeln oder man gar nicht erst zugreifen kann. Das Problem liegt meist an der mangelnden Bandbreite oder aber an fehlender Rechnerleistung. «Das hat mit den Kapazitäten in unseren Netzen zu tun», sagt Schmid. Was sich bei anderen Web-Applikationen nicht so stark, sei für Zattoo bereits verheerend. Das Problem liegt für Schmid zur Hauptsache an der mangelnden Infrastruktur mit überbuchten Zugängen. Der Fall könne auch auftreten, wenn beispielsweise mehrere Parteien gleichzeitig über ein drahtloses Netzwerk Zattoo nutzten. Man könne zwar eine wesentlich grössere Anzahl gleichzeitiger Nutzer auf demselben Kanal bedienen, wesentlich höher als jeder andere Anbieter heute. «Wenn jedoch zuviele Leute draufkommen, dann ist irgendwann fertig.»
Zattoo richtet sich deshalb nach der laufend sich verbessernden Infrastruktur der Netzanbieter und der privaten Nutzer. Das sei eine Frage der Zeit und werde nicht mehr allzu lange dauern.
Bis heute ist Zattoo kostenlos. Wer keinen Fernseher hat, kann dennoch über Internet fernsehen, ohne Gebühren zu zahlen. Schmid geht davon aus, dass sich das ändern wird. Doch als Guillotine für Zattoo wertet er das nicht. «Das wird unser Wachstum nicht einschränken.» Denn immerhin 80 Prozent der Zattoo-Nutzerinnen und -Nutzer hätten zu Hause ein TV-Gerät und zahlten ohnehin Gebühren.
Zattoo expandiert nebst der Schweiz europaweit in derzeit weiteren sieben Märkten, so in Spanien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Norwegen, England, Deutschland. Im Lauf dieses Jahres sind USA und Asien geplant sowie die weitere Expansion in Europa mit Fernziel globale Verbreitung. Zattoo hat vor einiger Zeit technologisch mit einem elektronischen Programmguide aufgerüstet. Neuerungen werden laufend eingeführt, so die Verbesserung der Qualität, aber auch für die User wird es einen Kanal-Manager zum Sortieren der Sender geben sowie Teletext. Im Lauf dieses Jahres will Zattoo auch eine «Social Space» sowie Sender anbieten, die man nur gegen eine Gebühr abonnieren kann.
Wie lange Zattoo in der Beta-Version , ist offen. «Wir sind noch in einem Pionierbereich, denn alles, was wir einführen, ist neu», sagt Schmid.
René Worni