Ringier feiert das 175-jährige Jubiläum. Im Gespräch mit der Werbewoche äussert sich Verleger Michael Ringier über die Verführbarkeit der Medien, das offene Ziel der Reise ins digitale Zeitalter, unverschämte Forderungen der Werbewirtschaft und den Umgang mit Machtverhältnissen im Ausland. Werbewoche: Anlässlich des Jubiläums von Ringier findet im Kunstmuseum Luzern die Ausstellung «Blasted Allegories» statt. Viele der gezeigten Werke aus Ihrer Sammlung beschäftigen sich mit der Verführbarkeit durch Bilder. Welche Verführbarkeit geht von den Medien aus? Michael Ringier: Eine ganz ähnliche. Kunst und Journalismus sind verwandt. Beide setzen sich mit der Gegenwart auseinander, hinterfragen die Realität, geben Antworten. So gesehen müsste eigentlich jeder Verleger Kunst sammeln (lacht). Die Welt explodiert von Bildern. Wir müssen einhalten und uns fragen, was dahinter steckt. Bilder können schliesslich manipuliert sein, gerade das Internet strotzt von manipulierten Bildern und Filmen. Hier gibt es Reflexionsbedarf.
Wo sehen Sie dabei die Rolle des Journalismus? Die Journalisten müssen ihre urklassischen Aufgaben wahrnehmen: hinausgehen, hinterfragen, recherchieren, nachdenken. Das liefern sie derzeit nicht immer, es wird aber auch nicht immer finanziert. Die journalistischen Aufgaben kosten Geld, und die Frage ist, wie die Finanzierung gewährleistet wird. Die Digitalisierung hat die Finanzströme sehr verändert: Sie erlaubt jedem Zugang zur Öffentlichkeit. Wer früher eine Information öffentlich machen wollte, musste über den Journalisten gehen, heute ist das anders.
Was bedeutet das für die Zukunft der Medien? Die Digitalisierung macht zwar das Leben der gedruckten Zeitungen viel schwieriger, sie ist aber auch eine grosse Chance: Das Internet schafft ein riesiges Absenderproblem, jederzeit publizieren tausende Menschen Inhalte. Hier können die Medien verlässliche Absender sein, Glaubwürdigkeit schaffen. Natürlich gibt es auch digitale Angebote mit grosser Glaubwürdigkeit.
Welche meinen Sie da konkret? Ich schaue täglich Spiegel.de an, die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und der FAZ, daneben Schweizer Medien wie Blick Online und NZZ. Darauf verbringe ich täglich fünf bis zehn Minuten, ich schaue sogar Teletext an. Ich bin sehr sportinteressiert – im Internet kann ich dauernd nachschauen, wie ein Spiel von Roger Federer gerade steht.
Wie geht Ringier mit der Digitalisierung um? Wir haben ganz verschiedene Projekte und wollen alle 120 Marken digitalisieren, in mehr oder weniger starker Ausprägung. Aber wohin die digitale Reise geht, das weiss wohl noch niemand, Springer nicht und auch Rupert Murdoch nicht. Die Entwicklung geht schnell: Mit dem Kauf von Swissmedia sind wir plötzlich einer der ganzen grossen Akteure im Kleinanzeigen-Bereich. Wir werden bei weiteren Firmen prüfen, ob wir sie übernehmen wollen, auch bei kleinen.
Haben Sie konkrete Akquisitionspläne in der Schweiz oder im Ausland? Solche Überlegungen machen wir uns für alle Märkte. Man kann das auch nicht genau planen. Letzten Sommer hatte ich noch keine Vorstellung, dass wir im Spätherbst Swissmedia kaufen werden. Auch wenn die Entwicklung noch unklar ist, so müssen wir uns doch alle nötigen Überlegungen machen. Wenn der weisse Hirsch vorbeirennt, müssen wir ihn erkennen und packen – man muss bereit sein und schnell reagieren.
Beim Thema Gratiszeitungen haben Sie den weissen Hirsch zuerst nicht gepackt. Ja, beim ersten Fall waren wir nicht bereit. Wir haben uns aber sehr entwickelt und sind mit fünf Titeln in Europa jetzt der grösste Gratiszeitungsverlag in der Schweiz. Und nun machen wir einen weiteren Schritt mit dem Blick am Abend.
Wo stehen Sie bei der Umwandlung von Heute in den Blick am Abend? Wir sind bereit, es geht ja bald los. Auf die Karte Blick am Abend zu setzen, ist in gewisser Weise ein Risiko, aber ich bin sehr zuversichtlich. Was ich bis jetzt gesehen habe, gefällt mir. Der neue Titel übernimmt Elemente von Heute, wartet aber auch mit neuen Inhalten auf. Bei den Lesern ist Heute beliebt – da wären wir ja dumm, wenn wir ihnen die beliebten Elemente wegnehmen. In der Aufmachung kommt der Blick am Abend aber anders daher.
Mit den Gratiszeitungen ist Journalismus verstärkt zu einer Ware geworden. Nimmt damit der wirtschaftliche Druck zu? Nachrichten sind zu einer Ware geworden, nicht der Journalismus. Meldungen von der SDA abschreiben ist noch keine grosse journalistische Leistung. Aber der Druck hat sich dadurch wirklich verstärkt. Früher setzten wir über eine SDA-Meldung einen neuen Titel, schrieben ein paar Sätze dazu, machten ein farbiges Layout, fertig. Das kann man heute in einer Kaufzeitung nicht mehr machen.
Wie hat sich der Druck der Werbewirtschaft verändert? Er hat stark zugenommen, das wird Ihnen jeder Verleger sagen. Die Werbewirtschaft hat viel mehr Möglichkeiten als früher, ihr Geld zu verteilen. Und sie weiss das. Manchmal kommen unverschämte Forderungen, darauf gehen wir nicht ein.
Wie weit gehen Sie unter diesem Druck? Wir gehen soweit, wie unsere journalistischen Grundsätze nicht verletzt sind. Auch eine Publireportage hat ihre Grenzen. Man darf den Leser nicht täuschen, das bringt langfristig den Medien und den Anzeigekunden nichts. Gleichzeitig suchen wir nach kreativen Lösungen für Kunden. Neue Medien sind dafür ein gutes Übungsfeld, Cash daily beispielsweise.
Sind Sie zufrieden mit dem Übungsplatz Cash daily? Ja. Aber wir leiden darunter, dass unsere Leistungen nicht gemessen werden. Das ist ein grosses Problem: Wir wollen eine Leistung verkaufen, die nicht gemessen wird. Wir müssen Wege finden, um das sogenannte «Total Audience» zu erheben. Das muss ein Anliegen der ganzen Branche sein. Hier liegt die Zukunft.
Sie feiern das 175-jährige Jubiläum. Was hat Ringier aus dem Gestern, aus der Vergangenheit gelernt? Wir haben immer wieder aus Fehlern gelernt. Die Firma ist heute eine andere, als sie vor 20 Jahren war, das hat auch mit Fehlern zu tun. Man muss offen sein, etwas Neues wagen. Wir haben dauernd Neues gemacht, auch Verrücktes. Als wir Anfang der 90er Jahre in Vietnam und Rumänien aktiv wurden, haben alle zu mir gesagt, ich sei verrückt. Das Risiko hat sich gelohnt, und diese Aktivitäten machen Spass. Sie müssen aber auch in einem finanziell vertretbaren Rahmen befinden: Wenn diese neuen Investitionen 50 oder 100 Millionen Franken gekostet hätten, wären wir das Wagnis nicht eingegangen. Man darf durch risikoreiche Projekte niemals die Firma riskieren.
Hatte Ringiers Expansion ins Ausland damit zu tun, dass Sie selbst mehrere Jahre als Journalist im Ausland gelebt haben? Es war ein bewusster Schritt ins Ausland. Ich wollte eine Firma formen, die in einer anderen Liga spielt. Ich liebe die Schweiz, aber ich möchte hier nicht 80 Jahre eingeschlossen sein. Und ein Unternehmen, das international tätig ist, zieht andere Leute an. Leute, die Spass daran haben, in Vietnam und China zu arbeiten. Solche Mitarbeiter wollen wir, davon profitieren wir unglaublich. Wir hatten stets das Glück, Köpfe anzuziehen, die solche Wagnisse mitmachen, Thomas Trüb zum Beispiel.
Wie geht Ihr Medienhaus mit den kulturellen Unterschieden in den Ländern um, in denen es tätig ist? Wir reisen oft dorthin, versuchen möglichst viel zu fragen und zu lernen. Dazu bringen wir schweizerische Qualitäten ein wie Unkompliziertheit, Zuverlässigkeit, Kleinheit. Die wollen wir mit Abenteuerlust und Pioniergeist verbinden.
Wie beeinflussen die Machtverhältnisse in diesen Ländern Ihre Arbeit, gerade etwa in China? Wir umgehen Themen, bei denen diese Machtverhältnisse relevant wären. In China haben wir eine Frauenzeitschrift und eine Kochzeitschrift, dort stellen sich die Fragen der Pressefreiheit gar nicht. Wir hatten noch nie ein Problem, mussten auch nie gegen journalistische Grundsätze verstossen. Unsere Mitarbeiterinnen vor Ort wissen, wie weit man gehen darf. Ausserdem haben die chinesischen Medien stark aufgeholt: Aus den vom Erdbeben betroffenen Gebieten wird live berichtet, das ist wie auf CNN. Natürlich sind unsere westlichen Vorstellungen von Pressefreiheit noch nicht erfüllt. Aber diese Grundsätze sind bei uns auch noch relativ jung, und unsere Schweizer Demokratie begann mit einem Krieg. Das darf man nicht vergessen, wenn man über die Verhältnisse in China spricht.
Welche Rolle spielt die Schweiz für Ringier? Sie ist immer noch absolut zentral, und sie ist jenes Land, in dem uns die Journalisten am stärksten unter die Lupe nehmen. Wir haben hier unglaublich stark investiert, viel Geld ins Internet gesteckt. Man kann nicht im Ausland erfolgreich sein, wenn der Laden zuhause nicht läuft. Die Frage nach der Bedeutung des Schweizer Markts für Ringier kommt immer wieder. Ich habe aber keine Lust mehr zu beweisen, dass uns die Schweiz noch interessiert.
Wollen Sie im Heimmarkt expandieren? Uns interessiert alles. Konsolidierung ist angesagt – der Druckbereich ist ein Paradebeispiel dafür..,
War der Kauf von Espace Media kein Thema für Sie? Ich glaube, die Situation war so angelegt, dass ein anderer Käufer als Tamedia gar nicht in Frage kam. Es stand nicht zur Disposition.
Sie setzen auf Digitalisierung – was ist mit Fernsehen? Unsere Strategie in der Schweiz ist es, Programme herzustellen. Das wollen wir verstärkt in anderen Ländern tun. In Rumänien sind wir an einem Fernsehsender beteiligt. Das Problem: Wer Programme produziert, muss auch einen Zugang haben, um die auszustrahlen. Deshalb werden wir uns, zu unterschiedlichen Zeiten, auch in anderen Ländern an Sendern beteiligen.
Und in der Schweiz – ist es kein Thema, dass eine Art «Blick-TV» am Schweizer Fernsehen laufen könnte? Wir haben Ideen in diese Richtung. Aber da muss natürlich auch das Fernsehen mitmachen. Zudem ist die Refinanzierbarkeit solcher Sendungen unklar. Vieles läuft über Sponsoring. Das funktioniert gut bei Programmen im Medizinbereich. Bei einer engagierten Sendung, wie «Blick-TV» sein müsste, ist das eher schwierig.
Zum Schluss die unausweichliche Frage: Wird Ringier nach dem Jubiläum verkauft, wie es die Gerüchteküche herbeiredet? Auf diese Frage mag ich eigentlich wirklich nicht mehr antworten, dieses Gerücht ist Unsinn, der sich verselbstständigt hat. Ringier wird nicht verkauft, wir bleiben unabhängig, auch noch in fünf Jahren.
Und in zehn Jahren? Wer weiss schon, was in zehn Jahren ist. Aber ja: Auch dann ist Ringier noch unabhängig.
> Interview: Carole Scheidegger