Die Euro 08 rückt mit grossen Schritten näher. Sie wird, auch wenn sie in der Schweiz stattfindet, für einen Grossteil der Bevölkerung vorwiegend ein mediales Ereignis sein. Wer von einer Werbeschlacht in allen klassischen Medien ausgeht, liegt aber falsch. Besonders für das Radio ist die kommende EM in kommerzieller Hinsicht kein Grund zum Jubeln: Die Kunden zeigen grosse Zurückhaltung. Publicitas Radiotele etwa verzeichnet für den Juni einen «überdurchschnittlichen Einbruch» im nationalen Radioumsatz, wie der Radio-Verantwortliche Felix Kilchsperger sagt. Weniger davon betroffen ist das Tele News Combi, doch ansonsten muss die Vermarkterin deutlich schwächere Umsätze hinnehmen, auch im TV-Bereich. «Wir führen das vor allem auf die EM zurück, auch wenn wir die Gründe natürlich nicht mit absoluter Sicherheit aufschlüsseln können», so Kilchsperger. «Die Kunden gehen wohl davon aus, dass die Leute während der Euro-Zeit dauernd auf der Gasse und bei Grossveranstaltungen sind oder jene Sender schauen, welche die Fussballspiele übertragen.» Viele Auftraggeber würden ihre Budgets für die EM-Zeit in Events und Sponsoring investieren. Publicitas Radiotele ging von dieser Entwicklung aus und budgetierte entsprechend, dennoch untertreffen die Verkäufe im Juni die Erwartungen.
Redaktionell wird aufgerüstet «Man denkt wohl, dass während der Euro nur das Fernsehen zum Zuge kommt», sagt auch Radio 1-Gründer Roger Schawinski. «Dafür gibt es aber keinen Grund: Das Radio wird während dieser Zeit besonders intensiv genutzt, und dies vor allem wegen Background-Informationen am Morgen und am Vorabend.» Radio 1 hat für die redaktionellen Inhalte Experten verpflichtet: «Marcel Reif, den renommiertesten Fussball-Fachmann Deutschlands und Andy Egli, Ex-Nationalspieler und Kommentator mit viel Einblick ins Lager der Schweizer Mannschaft. Damit sind wir exzellent für die Euro 08 gerüstet», so Schawinski.
Nationaler Verkauf harzt Dass sich die Radios bei der Euro-Berichterstattung tüchtig ins Zeug legen, scheint den Werbekunden nicht viel Eindruck zu machen. Auch bei Radio 24 und Tele Züri ist auf der Verkaufsseite keine Euro-Euphorie zu spüren: «Kunden, die nicht offizielle Euro-Sponsoren sind, zeigen sich sehr zurückhaltend», erklärt Belcom-Verkaufsleiter Philip Hofmann. Besonders mit den Buchungen von nationalen Kunden ist Hofmann unzufrieden, während es im lokalen Bereich besser läuft. «Wir profitieren auch davon, dass Radio 24 offizielles Host City Radio ist. Das macht es leichter, auf die Sponsoren zuzugehen.» Der Zurückhaltung mancher Kunden begegnete Radio 24 mit zahlreichen Spezialaktionen. Am vergangenen Freitag beispielsweise verteilte der Sender in Zusammenarbeit mit Ochsner Sport Schweizerfähnchen. Mit ähnlichen Promotionen möchte Hofmann den Verkauf für den Juni doch noch etwas nach oben bringen: «Wir geben die Euro-Zeit noch nicht verloren. Wir hoffen bei Tele Züri und Radio 24 noch auf kurzfristige Buchungen. Im nationalen Bereich sehe ich aber nicht mehr viel Potential.»
Wird der Juni ein schlechter Werbemonat? Hofmann geht davon aus, dass der Juni ganz allgemein ein schlechter Werbemonat für die klassischen Medien wird: «Ich höre das von verschiedenen Seiten. Die Kunden überlassen entweder das Feld den Sponsoren oder setzen auf Below-the-Line-Massnahmen. Das wird sich in den Zahlen der Werbeträger niederschlagen.»
Auch Mediasense, die vor allem im nationalen Verkauf tätig ist, registriert Auswirkungen der Euro 08: «Es spüren wohl alle Medien, dass viele Unternehmen für die EM-Zeit in Below-the-Line-Massnahmen investieren statt in die klassische Werbung», erklärt Geschäftsführer Bernhard Krättli. Der Verkauf laufe bei Mediasense «harzig, wenn auch nicht katastrophal». Mit dieser Entwicklung habe man im Voraus gerechnet, da sich ähnliche Muster schon während früheren Grossanlässen gezeigt hätten. Krättli hofft aber, dass sich die Kunden in den letzten Wochen vor der Euro 08 noch für Radiowerbung entscheiden, schliesslich laufe der Radiowerbungsverkauf oft kurzfristig.
Nutzung bricht nicht ein Ein Blick auf frühere Nutzungszahlen belegt übrigens, dass sportliche Grossevents die Leute nicht vom Radiohören abhalten: In der Schweiz litt das Radio während den beiden Grossanlässen WM 2006 und EM 2004 keineswegs unter einem Nutzungseinbruch. Laut Ello Minardi von Publica Data zeigen die Radiocontrol-Daten, dass während der letzten Fussballeuropameisterschaft im Juni 04 mit einer Nutzung pro Hörer von rund 117 Minuten sogar der zweithöchste Wert des Jahres erzielt wurde. Während der WM 2006 in Deutschland war der Juni ein guter Radio-Monat, wenn er auch keine Spitzenwerte erzielte. Im Juli, also gegen Ende der WM, ging die Reichweite mit 88,8 Prozent leicht zurück. Im Vergleich mit jenen Jahren, in denen keine Grossanlässe stattfand, fallen die Zahlen nicht ab. Auch die Nutzung in Minuten blieb während der Fussball-Events in Portugal und Deutschland gleich.
Minardi weist allerdings darauf hin, dass diese beiden Events in Europa stattfanden und somit die Fussballspiele am Vorabend oder Abend stattfanden, also in der TV-Primetime. «Die Haupt-Radionutzung spielt sich jedoch von den Morgenstunden bis etwa 18 Uhr ab», so Minardi. Somit betrafen die Spiele dieser beiden Grossanlässe die Radio-Primetime nicht oder nur am Rande.
Carole Scheidegger