Marc Walder wird neuer Geschäftsführer von Ringier Schweiz. Gegenüber der Werbewoche äusserte er sich über die neu formierte, frauenlose Geschäftsleitung, seinen potentiellen Nachfolger beim Sonntagsblick und darüber, dass seine Chefredaktoren auch einen Blick fürs Kommerzielle haben müssen. Werbewoche: Herr Walder, Sie wechseln von Ihren Ämtern als Sonntagsblick-Chefredaktor und Redaktionsdirektor auf den Posten des Geschäftsführers Ringier Schweiz. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?Marc Walder: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Arbeit des Chefredaktors immer stärker verändert: Sie verschob sich vom klassischen Blattmachen hin zu strategischer Planung und der Einbindung kommerzieller Aspekte. Diese Aufgabe nahm ich in meiner bisherigen Rolle schon ein Stück weit wahr und habe dabei gemerkt, dass sie mich sehr interessiert. Ich werde aber künftig weiterhin den Journalismus pflegen. In den Verlagen wird ja oft zwischen den «Zahlenmenschen» und den «Buchstabenmenschen» unterschieden – ich möchte diese Unterscheidung für mich nicht machen. Wann ist die Entscheidung offiziell gefallen, dass Sie diesen Job übernehmen?Der Verwaltungsrat hat dem entsprechenden Antrag am vergangenen Donnerstag zugestimmt.
Gleichzeitig mit Ihrem Amtsantritt startet eine neu formierte Geschäftsleitung. Wieso wurde sie anders zusammengesetzt?Mir waren zwei Aspekte sehr wichtig: Dass die Geschäftsleitung klein ist und aus Leuten besteht, die weiterhin operativ tätig sind. Wir haben künftig fünf Bereiche, nämlich die Blick-Gruppe, Zeitschriften, Ringier Romandie, New Media und Services. Das ist für ein Medienhaus in der Grösse von Ringier wenig. Und ich habe die Bereiche mit Leuten besetzt, die im Tagesgeschäft stehen und die sich weiterhin jeden Tag aufs Neue beweisen müssen.
Sie haben die neue Geschäftsleitung zusammengesetzt?Ja. Es handelte sich um einen Prozess, der schon seit einiger Zeit lief. Die Reorganisation wurde von einer kleinen Gruppe vorbereitet, danach von Ringier-Konzernchef Martin Werfeli und mir verfeinert.
Wie wird Ihr Verhältnis zu Daniel Pillard sein, der Ringier Schweiz ad interim ein Jahr lang führte und weiterhin Teil der Geschäftsleitung ist?Daniel Pillard hat stets betont, dass er diese Aufgabe ad interim inne hat. Weil der Hauptfokus bei Ringier Schweiz in den letzten Monaten auf der Blick-Gruppe lag, hatten wir sehr engen Kontakt. Daniel Pillard ist mir dabei ein guter Kollege geworden.
Wieso sitzt keine Frau in der neuen Geschäftsleitung?Das ist eine gute Frage. Ich habe gerade kürzlich bei einem Nachtessen über die Männer-/Frauenthematik gesprochen und bin der festen Überzeugung, dass es für ein Unternehmen zentral ist, die Frauen einzubinden. Nicht aus Quotengründen, sondern aus eigenem Interesse. Ich habe ja bei der Schweizer Illustrierten gerne und gut mit vielen Frauen zusammengearbeitet. Im Moment gibt es aber schlicht keine Frau bei Ringier, die für die Geschäftsleitung in Frage kommt. Hingegen können wir einige Ressortleiterinnen und Chefredaktorinnen vorweisen.
Ihren Nachfolger als Sonntagsblick-Chefredaktor werden auch Sie bestimmen?Ich mache einen Vorschlag und beantrage bei der Konzernleitung, diesen Vorschlag anzunehmen. Die Suche nach dem Nachfolger oder der Nachfolgerin hat bereits begonnen und wir hoffen, den Prozess zügig abzuschliessen.
Ist Hannes Britschgi, seit April stellvertretender Chefredaktor, eine Option?Er ist eine Option, so wie einige andere auch. Es wäre aber falsch anzunehmen, dass das Rennen schon gelaufen und Hannes Britschgi sowieso gesetzt ist.
Sie werden künftig direkt die Chefredaktoren führen. Was heisst das konkret – müssen sich die Chefredaktoren darauf gefasst machen, dass Sie ihnen ständig in die Arbeit hineinreden?Ich bin nicht bekannt dafür, dass ich Chefredaktoren reinrede – schliesslich hatte ich diese Aufgabe lange genug selber inne. Ich weiss aber auch, wie einsam man sich als Chefredaktor eines grossen Titels fühlen kann. Ich will deshalb die Chefredaktoren unterstützen, beraten, aber natürlich auf darauf hinweisen, wenn ein Titel in die falsche Richtung geht.
Müssen die Chefredaktoren künftig stärker auf die kommerziellen Interessen achten?Wer heute nicht auch auf die kommerziellen Interessen seiner Publikation achtet, ist kein guter Chefredaktor. Die Chefredaktoren müssen im Auge behalten, dass ihr Titel sowohl auf dem Leser- wie dem Anzeigenmarkt attraktiv ist.
Das birgt auch Gefahren.Wir haben ganz klare Richtlinien, was die publizistische Unabhängigkeit unserer Publikationen betrifft. Die Unabhängigkeit der Redaktionen muss gewährleistet sein, anders kann man Titel wie Blick oder Sonntagsblick gar nicht machen. Kritische Artikel über Unternehmen, die Anzeigenkunden sind, müssen immer möglich sein. Ein Chefredaktor muss aber ein Gespür haben dafür, ob sein Titel auch kommerziell gut positioniert ist.
Beispielhaft wird das beim Blick am Abend vorexerziert.Der Blick am Abend ist mein neustes Baby, das drei Wochen alt und sehr gut gestartet ist. Er hat als Gratiszeitung ein anderes Geschäftsmodell. Das journalistische Credo ist, sich an ein junges, urbanes Publikum zu richten. Dass Konsum- und Lifestylethemen dabei ein hohes Gewicht haben, liegt am Konzept: Als Abendzeitung soll der Blick am Abend die Welt aus einer positiven Perspektive zeigen.
Was sind Ihre Ziele für Ringier Schweiz?Darüber möchte ich im Moment nicht sprechen. Ich werde meine neue Position erst im September antreten; es wäre unseriös, wenn ich jetzt schon über die Strategie spreche. Nur soviel: Wir werden zuerst eine nationale Strategie erarbeiten und diese dann auf die einzelnen Bereiche herunterbrechen. Das soll möglichst schnell passieren.
Anders gefragt: Was ist für Sie guter Journalismus, was muss Ringier den Lesern bieten?Das ist eine sehr allgemeine Frage, deshalb erhalten Sie eine allgemeine Antwort. Guter Journalismus muss in meinen Augen jegliche Informationen so aufbereiten, dass sie verstanden werden. Dabei muss guter Journalismus Freude machen und mehr bieten, als man erwartet hätte.
Zum Schluss: Peter Rothenbühler schrieb, dass Ringier Schweiz wie ein Fürstenhof vom Besitzer persönlich geführt werde. Sind Sie also der neue Graf?Die Bemerkung zum Fürstenhof habe ich auch gelesen (lacht). Im Ernst: Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Verlagshäuser von innen gesehen, und Ringier schneidet im Vergleich sehr gut ab: Klare Strukturen, professionelle Organisation. Vorteilhaft ist, dass das Unternehmen nicht börsenkotiert ist, sondern in Familienbesitz. Das gibt mehr Freiheit. Meine Rolle darin sehe ich als Coach, Trainer und Motivator. Ich will Forderer und Förderer sein.
Interview: Carole Scheidegger