Radiomarkt Publicitas will Privatradios an KMUs vermitteln. Viele Sender zweifeln aber am Knowhow der P.
Wo man unter den Privatradios auch immer nachfragt, überall hört man dasselbe Lied: Die PublicitasRadiotele hat ihre frühere Stellung als Marktleader unter den Radiovermittlern verloren und ist heute für manche Radiomacher praktisch unbedeutend. Als Nummer eins gilt die Goldbach-Tochter IP Multimedia. Und selbst kleine Vermittler wie Spot Promotion, Cover Media, RadioEmotion (siehe nebenstehenden Artikel) oder die junge SRG-Tochter MediaSense haben der P zum Teil den Rang abgelaufen. Ein denkbar schlechter Start für ein Unternehmen, das sich die Allmedia-Vermarktung auf die Fahne geschrieben hat.Druck drückt Marge«Wir verzeichnen tatsächlich Umsatzverluste beim Radio», sagt Publicitas-Sprecher Christian Gartmann. Die Hintergründe erklärt er so: Radiotele habe sich schon 2006, bei der Übernahme durch die PubliGroupe, in einer sehr schwierigen Situation befunden. «Seit sich der Swiss Radio Pool von der SRG-Tochter MediaSense exklusiv vermarkten lässt, wurde der Druck grösser und die Marge tiefer.» Erstaunlich, dass Gartmann dabei den Exodus der meisten langjährigen Radiotele-Mitarbeiter und den damit verbundenen Know-how- und Kundenverlust mit keinem Wort erwähnt.
So oder so, die P versucht nun, im Radiomarkt und anderswo Terrain zurückzugewinnen. Thomas Bargetzi, CEO Sales Switzerland, und Ueli Weber, abtretender Leiter der Unit Electronic and Interactive, waren in letzter Zeit oft unterwegs, um ehemalige Kunden für 2009 wieder ins Boot zu holen. Der Erfolg ist noch nicht abschätzbar. Der überraschende Abgang von Weber lässt allerdings Zweifel aufkommen. Mitte März versuchte das Team auch, den Privatradios an einer Veranstaltung die Allmedia-Strategie der P schmackhaft zu machen. Bargetzi kündigte zudem an, künftig nicht mehr nur den nationalen Radiowerbemarkt zu bearbeiten, sondern neu über die einzelnen P-Filialen auch lokale Radiokunden zu akquirieren.
Das löste bei vielen Radios jedoch Kopfschütteln und Sorgen aus. «Wie sollen die 400 P-Mitarbeiter mit Engagement Radio verkaufen, wenn sie von diesem Medium keine Ahnung haben?», fragt einer, der nicht genannt sein will. Die Radios hätten am Schnüren blosser Rabattpakete kein Interesse. Konkrete Sponsoring- oder Promo-Angebote hingegen benötigten vertiefte Kenntnisse. Bei der Basler Zeitung Medien (mit Radio Basel 1) erinnert CEO Beat Meyer zudem an die «schlechte Performance der P» im lokalen Printmarkt in Basel und im Aargau: «Wie will sie da im Radiobereich, wo sie noch weniger Kompetenzen hat, erfolgreich sein?», fragt Meyer. Und Alfons Spirig, Geschäftsführer von Radio Central, befürchtet, dass die P bloss jene lokalen Kunden angeht, die er schon hat. «Dann muss ich der P eine Vermittlerkommission bezahlen und habe am Ende weniger als heute», sagt er.
Kurz: Die Radios befürchten eine neue, unprofessionell agierende lokale Konkurrenz. An die propagierte Marktausweitung will niemand so recht glauben. Selbst dort, wo zu Beginn noch Wohlwollen vorhanden war, macht sich unterdessen Ernüchterung breit. Denn von insgesamt neun angefragten Radiosendern sah bislang keiner von der P auch nur einen Vertragsentwurf für die Vermittlung im lokalen Markt. Von konkreten Werbeaufträgen ganz zu schweigen. Das Griffigste war bisher die P-Idee, bei jedem Radio-Webstream die Aufstartzeit mit einigen Sekunden Werbung zu überbrücken. Doch auch hier gab es noch keine Buchung.
Ausbau statt RevolutionGartmann reagiert ruhig auf solche Vorwürfe. Die P habe nie behauptet, mit der Allmediavermarktung von einem Tag auf den anderen loszulegen. «Dafür braucht es ein Ausbildungsprogramm für die Mitarbeitenden in den Filialen und ein Allmediatool», sagt er. Beides werde in Kürze ausgerollt. Im Übrigen sei das Engagement der P im lokalen Radiomarkt gar nicht so neu, sagte Gartmann weiter, jedenfalls bestünden zwischen mehreren Sendern und lokalen P-Filialen schon seit Jahren Vermittlungsvereinbarungen.
Einige Sender hängen dies allerdings nicht an die grosse Glocke. Christian Gartmann, selbst ein ehemaliger Radiomann, betont, dass die P bei der Radiovermittlung im lokalen Bereich nichts auf den Kopf stellen werde: «Wir wollen diesen Bereich aber vorantreiben und ausbauen, indem wir die Zusammenarbeit mit den Sendern intensivieren.» Tatsächlich mache es keinen Sinn, den Sendern bestehende Kunden abzujagen. Es gebe durchaus kleine und mittlere Unternehmen, die sich auch im lokalen Bereich für Kampagnen in mehreren Medien interessieren würden, jedoch nur, wenn auch die Buchung all dieser Medien vereinfacht werde. «Mit ihrem grossen Aussendienst kann die P deshalb die lokalen Medien unterstützen, nicht nur Zeitungen und Radios, auch Kinos, Lokal-TV und regionale Online-Plattformen», sagt Christian Gartmann. Das Schnüren von blossen Rabattpäckli sei zudem nicht die Absicht. «Daran verdienen wir ja dann auch weniger», sagt er.
Markus Knöpfli
Weiterer Knowhow-VerlustNur ein halbes Jahr
nachdem Ueli Weber bei Publicitas die Leitung der Unit Electronic & Interactive übernommen hat, verlässt der «Pionier des interaktiven Geschäfts bei Publicitas» (O-Ton des P-Communiqués) das Unternehmen. Gründe gab er nicht bekannt. Die operative Leitung von Publicitas Cinecom, Publicitas Radiotele und Publicitas Web2com übernimmt nun der 38-jährige Tim Dührkoop, der seit Herbst 2007 für die Strategieentwicklung der neuen Publicitas verantwortlich ist und sich mit allen Medienarten befasst. (mk)