Gina, der automobile Quotenhit
Auto BMW startete für das Konzeptauto Gina eine Viralkampagne. Die Aktion ist ein Quotenhit.
Auto BMW startete für das Konzeptauto Gina eine Viralkampagne. Die Aktion ist ein Quotenhit.
Gina ist keine erotische Frau, sondern ein Konzeptauto von BMW. Das Kürzel Gina, so teilt BMW mit, stehe für «Geometrie und Funktionen in N-facher Ausprägung». Was das heisst, kapieren die wenigsten. Hinter «N-facher Ausprägung» versteht der Autobauer aus Deutschland keine Blechkarosserie, sondern eine Aussenhülle aus Textilgewebe. Das Konzeptauto ist mit einer Art Haut überzogen, die sich über einen Karbonrahmen spannt. Die Idee des futuristischen Gefährts existiert angeblich schon seit 2001. In diesem Jahr will BMW sein Prunkstück der Öffentlichkeit vorstellen und vermutlich in Serie gehen. Dass BMW nicht nur im Autobau neue Wege beschreitet, zeigt sich nun auch im Kommunikationsstil. Statt Zuerst Journalisten über die Neuheit zu informieren, wurden diesmal zuerst die Blogger mit PR-Material eingedeckt. Die Idee dahinter: eine aufwändige Viralkampagne.
Am 10. Juli, fünf Tage vor der offiziellen Pressekonferenz, informierte BMW ungefähr 40 Weblog-Autoren über das Konzeptauto «Gina Light Visionary Model». Innert weniger Stunden tauchte im Internet ein geheimnisvoller, mit einer Spycam gedrehter Trailer auf, der das Wunderauto zum ersten Mal zeigte. Wie ein Rundblick in der Blogosphäre offenbart, war die Aktion ziemlich erfolgreich. Das Video entwickelt sich zum Quotenrenner. Bis zum offiziellen Präsentationstermin schauten Hunderttausende User den Film an und diskutierten im Internet angeregt über das Konzeptauto.
Nach fünf Tagen streute BMW ein zweites Video, welches Gina entpackt zeigte und ein Interview mit dem Chefdesigner Chris Bangle beinhaltete. Durch die hohe Aufmerksamkeit, erzeugt durch die Trailerphase, wurde das Video angeblich binnen Minuten vielfach verlinkt und verbreitete sich viral durch Tausende Blogs. Die Nutzungsstatistiken lassen selbst hartgesottene Internetwerber verblüffen. Die Zahl der Zuschauer stieg zeitweise stündlich um 100’000 und marschiert heute auf YouTube in Richtung 3-Millionen-Marke. Auf der bekannten Videoplattform schaffte es die Premiere des neuen BMW-Modells zum «most viewed film of the day».
Der Erfolg der Viralkampagne war nicht zufällig, sondern eine minutiös geplante Aktion. Auf der Internetsite Sierralog geben die Macher einen detaillierten Einblick über den Verlauf der Kampagne. Um über die Entwicklung immer im Bild zu sein, wurden die angeschriebenen Blogger fortlaufend kontrolliert, damit diese das Video beispielsweise nicht in eigenen Videochannels veröffentlichen. Um das geheimnisvolle Konzeptauto Gina populär zu machen, spielten die Werber auf der gesamten Web-2.0-Klaviatur. So fütterte BMW nicht nur die Videoplattformen mit Inhalten, sondern auch Online-Dienste wie Twitter oder die Fotocommunity Flickr. Der Fall Gina zeigt einmal mehr eindrücklich auf, wie sich ein richtig gestreutes Gerücht wie ein Lauffeuer verbreiten kann.
Christian Lüscher
England stellt irreführendes Viralmarketing unter StrafeViralkampagnen,
wie sie BMW für das Konzeptauto Gina im Internet kursieren liess, sind in England illegal. Auf der Insel werden künftig irreführende und anonyme Viralmarketing-Aktionen bestraft. Wie das Institut of Practitioners of Advertising (IPA) in einer Stellungnahme schreibt, seien verantwortungslose und unehrliche «Buzz-Marketing-Techniken» seit dem 26. Mai 2008 illegal. Die Behörden zielen insbesondere auf verdeckte Kampagnen in Social Networks wie Facebook oder Myspace. Zweifelhafte und irreführende Werbeaktionen hätten in jüngster Vergangenheit drastisch zugenommen. Künftig wird das Verteilen positiver Markenbotschaften, wenn der Absender nicht klar deklariert ist, als Straftat angesehen. Den Agenturen soll es verboten sein, mit Konsumenten über soziale Netzwerke oder Blogs zu kommunizieren, wenn sie den Absender nicht offenlegen. Des Weiteren wollen die Behörden verbieten, dass Viralspots von Werbetreibenden unter falschen Namen veröffentlicht werden. IPA-Direktor Marina Palmoba sagt: «Diese Einschränkungen sind meiner Ansicht nach nicht schlecht. Jeder verantwortliche Werber sollte sich sowieso von solchen Methoden distanzieren.» Experten gehen davon aus, dass auch bald in der Schweiz Verbotsdiskussionen geführt werden. (cl)
