Er hat im Weltraum unzählige Sterne aus nächster Nähe betrachtet. Wie man auf der Erde aber ganz tief «in eine Kristallkugel blickt», das konnte Thomas Hanan damals nicht wissen. 1998, nach seinem doppelten Studienabschluss in Astronomie und Marketing in Denver, waren das Internet und digitale Medien bereits «ein grosses Thema». Google war zwei Jahre vorher online gegangen. Hanan war schon damals von den Möglichkeiten dieser Suchmaschine fasziniert. Aber er dachte noch lange nicht daran, dass er einmal der erste Mitarbeiter von Google in der Schweiz werden sollte. Und er hätte tatsächlich Wahrsager sein müssen, um prophezeien zu können, dass dieses Weltunternehmen in der Schweiz einmal das grösste Entwicklungszentrum ausserhalb der USA mit über 400 Mitarbeitenden in Zürich sein würde.
Angefangen hat Thomas Hanan als Mann der ersten Stunde in einem kleinen Studio in Erlenbach. Hier sollte er die zukünftigen Kontakte für den Bereich Sales aufbauen. Als rasch ein Ingenieur als zweiter Mitarbeiter dazukam, wechselte das Duo ins Seefeld. «Es war witzig, wie sich hier zwei verschiedene Welten zusammen finden mussten. Als Salesman wünschte ich eine repräsentative Lokalität als Büro, um Kunden empfangen zu können. Der Ingenieur suchte nur nach Schachtdeckeln, unter denen er einen starken Internetanschluss vermuten konnte.»
Als das schnell wachsende Team nach wenigen Monaten ans Limmatquai zog, waren es bereits 15 Leute. Hier habe Urs Hölzle, der erste Vice-President von Google, der am Hauptsitz in den USA für die Entwicklung der technischen und operativen Infrastruktur verantwortlich war, noch selber Ikea-Möbel zusammengeschraubt, erinnert sich Hanan. Hölzle als Internetpionier mit Schweizer Wurzeln war auch massgeblich verantwortlich dafür, dass Google seinen wichtigsten europäischen Entwicklungsstandort in Zürich wählte. Hier finden die Spezialisten aus aller Welt eine grosse Lebensqualität. Zudem sucht Google auch die Nähe zu wichtigen Hochschulen.
Nach wie vor grosser Entwicklungsbedarf der Online-WerbungBei einer weiteren Expansion 2006 an die Freigutstrasse zählte Google in der Schweiz schon 150 Leute. Im Hürlimann-Areal hat Google Schweiz 2007 definitiv seine futuristische Bleibe gefunden. Thomas Hanan ist hier als Industry Head Switzerland vorwiegend damit beschäftigt, «den Agenturmarkt zu entwickeln». Die klassischen Media-Agenturen wie die spezialisierten Online-Vermarkter werden von seinem Team «trainiert», wie sie mit Google am meisten Erfolge aus einem Budget herausholen können. Die Wirkung von Online-Werbung und ihre Spielmöglichkeiten sind heute allgemein bekannt. «Nach wie vor gibt es aber noch einen grossen Entwicklungsbedarf», weiss Hanan. Obwohl wir in der Schweiz eines der besten Breitbandnetze der Welt und die grösste Internet-Durchdringung haben, liegt der Anteil von Online-Werbung immer noch unter 2 Prozent, im Vergleich zu 20 in England und über 10 in Deutschland. «Noch fehlt bei vielen bisher vor allem klassisch aktiven Medialeuten das spezialisierte Know-how», stellt Hanan fest. Damit sich Werbetreibende trotzdem möglichst weit in den Dschungel des World Wide Web vorwagen können, ohne dabei die Orientierung zu verlieren, bietet Google inzwischen eine spezielle Zertifizierung an. Mit dem Titel «Google Advertising Professional» dürfen sich Mediaspezialisten und Agenturen schmücken, welche die Google-Kurse besucht und erfolgreich abgeschlossen haben.
Das Internet beeinflusst nicht nur die Meinungsbildung, indem es heute ein erster Kontaktpunkt ist, um sich zu informieren. «Es beeinflusst auch die Kaufprozesse», ist Hanan überzeugt. Wer vor einer neuen Anschaffung steht, Autos vergleichen will, Reisen buchen oder sogar ein Haus kaufen, informiert sich zuerst mal im Netz. Beim grössten Suchportal der Welt sind deshalb die AdWords das wichtigste Angebot von Google. Zu solchen klar definierten Suchwörtern wie «Ferien in Griechenland», «Staubsauger» oder «Poster von Andy Warhol» können bezahlte Informationen geschaltet werden, die bei einer Suchabfrage ganz oben auf dem Bildschirm erscheinen. Diese Textanzeigen sind auf der Google-Maske gelb hinterlegt und damit deutlich getrennt vom generischen Bereich der Suchresultate. Der Platz dieser nach einem sehr komplexen System der Statistik und Qualität generierten Informationen kann mit Geld nicht beeinflusst werden. Damit will die grösste Suchmaschine der Welt ihrem wichtigsten Grundsatz treu bleiben: «Google hat immer den User im Vordergrund.»
Bevor Thomas Hanan zu diesem Unternehmen mit heute weltweit 7000 Mitarbeitenden gefunden hat, startete er mit einem Praktikum bei der Zürcher Credit Suisse. In Denver hat der Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen BWL Marketing studiert. Weil Astronomie schon immer sein Hobby war und zur Universität auch das höchste Observatorium der Welt gehört, hat er in einem Zweitstudium auch dieses Fach noch abgeschlossen. «Das war eine Schulung für den Geist», schildert er seine Gefühle beim Betrachten der Sterne.
Sein Einstieg ins Netz war bei Multi Media Development MMD. Diese Tochter der PubliGroupe hat Hanan nach seiner Rückkehr in die Schweiz mit aufbauen können.Dann eröffnete er das Zürcher Büro für Yahoo. Bevor er vor fünf Jahren zu Google wechselte, hat Hanan ein Timeout genommen und ein halbes Jahr noch einmal unter den Sternen gelebt. Als Skipper hat er Segeljachten in die Karibik überführt. Heute kreuzt er ebenso gerne vor seiner Wohnung in Feldmeilen.
Andreas Panzeri