Das ging schnell. Vor drei Wochen hat Arjen Strijker einen Aufruf auf der Plattform Twitter gestartet. Der in Zürich lebende Holländer, der im Business Relationship Management tätig ist und ein Spezialist für Kaderrekrutierung im Bereich Finanzen und Consulting, wollte sich mit Gleichgesinnten über die Trends und jüngsten Entwicklungen in den Web-Diensten austauschen. Soziale Medien wie Facebook, Twitter, Xing oder First Tuesday «bieten mehr als blossen Zeitvertrieb», ist er überzeugt. Längst haben solche Web-Dienste die Welt der Unternehmenskommunikation massiv verändert. «Wie können Unternehmen am meisten Nutzen aus Social Media ziehen?», ist deshalb die Frage.
Gefragt getan: Drei Wochen nach Strijkers Aufruf über Twitter hat im Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon die Somesso Zürich 08 stattgefunden. An der Konferenz traf sich ein ausgewählter Kreis von rund 80 Unternehmern aus ganz Europa und diskutierte einen ganzen Tag lang über das Netz und das Netzwerken.
«Ich habe die Idee zu Somesso auf Twitter entdeckt und fühlte mich sofort angesprochen», verrät Daniel Jörg. Der Leiter Crossmedia bei Burson-Marsteller in Bern spielte die Meldung auf Twitter an gleichgesinnte Kollegen weiter und stampfte mit seiner Agentur und anderen Spezialisten innerhalb weniger Tage die Website www.sommesso.com aus dem Boden. Diese Plattform könnte nun so etwas wie die Dachluke der vereinigten Portalbetreiber werden. Von diesen haben sich die meis¬ten wichtigen Exponenten den Termin in Rüschlikon freischaufeln können. Auch beim GDI hat man auf die Twitter-Botschaft reagiert und für Somesso die Konferenzräume angeboten. Jojo Rufener, der schon lange als grosser Netzwerker wirkt, ist von der neuen Initiative so begeistert, dass er bereits angeboten hat, nach der Somesso im GDI auch die nächste Konferenz im März in London sowie ebenfalls 2009 in Barcelona mit Rufener Events zu betreuen. «Natürlich zu einem Förderpreis.» Denn auch wenn Agoracs als Veranstalter der Somesso schon viele Initiativen im Ausbau von Geschäftskontakten bündelt, bewegt sich die Avantgarde solcher Entwicklungen natürlich immer wieder im Bereich der Start-ups.
75 Prozent der Innovationen scheiternNeun ausgewählte Start-ups waren es auch, die beim ersten Somesso je vier Minuten Zeit bekommen haben, um ihre Ideen und Business-Modelle zu präsentieren. Vorgängig referierten Experten und die Vertreter bereits erfolgreicher Netzwerke über ihre Aktivitäten. Moderiert wurde diese Präsentation von Susan Kish, die seit dem Aufkommen der ersten Social Networks als internationale Expertin in dieser Sparte auftritt. «Social und Media gibt es schon ewige Zeiten. Aber wir haben heute eine neue Technologie, welche die Gesellschaft in der Zukunft noch mehr verändern wird als die Erfindung der Zeitung», versuchte Kish die Bedeutung der neuen Medien in richtige Dimensionen zu fassen. Das revolutionär Neue an dieser Kommunikationsform: Das Verbreiten von Information und das Vernetzen von Interessierten ist möglich für alle zu einem äusserst günstigen Preis. Dass dabei das Medium Print noch lange nicht verloren hat, demonstrierte Kish mit einem Mitbringsel aus London. Dort hat sie am Flughafenkiosk ein buntes und dickes Heft namens Facebook Guide Magazin gefunden.
Bei der Vorschau auf kommende Entwicklungen hat der holländische Professor Frans van der Reep festgestellt, dass ein Trend von der Gattung Marketing zu Sales verläuft. Das spanische Modehaus Zara zum Beispiel betreibt gar kein Marketing mehr. Man stellt einfach eine grosse Auswahl von neuen Kleidern in die Läden. Was nach drei Wochen verkauft ist, wird in das Sortiment aufgenommen. Der Rest fliegt raus. Die modische Strategie für das Marketing liefert somit die Kundschaft selber. Eine weitere Analyse von Reep: «Social Media macht jeden zu einem Verkäufer.» Die Präsenz im Netz wird dazu eine zwingende sein. Wer nicht irgendwo vernetzt ist, wird auch nicht gesehen. Interessant auch seine Zahlen, dass 75 Prozent der geplanten Innovationen ins Nichts führen. Neu in unserem Zeitalter funktioniert, was aus der Basis heraus irgendwie von selber entsteht und dann von unten nach oben wächst. «Das führt zu neuen Business-Modellen, die viel mehr auf Kooperation als auf hergebrachte Befehlsausgabe bauen.» Vernetzt die Anregungen aus seiner Umgebung wahrnehmen ist auch nötig, weil 70 Prozent der Erfindungen von ausserhalb einer Institution oder gar der Branche kommen. «Develop talent to spot talent», folgerte Reep deshalb zum Schluss.
Eines dieser Talente ist sicher Julie Meyer. Ausgezeichnet mit dem Titel «Ernst & Young Entrepreneur of the Year 2000» wurde die Engländerin für den Aufbau ihrer Plattform First Tuesday. Der Thinktank der neuen Wirtschaft hat Meyer vor vier Jahren für 50 Millionen Dollar verkaufen können. Mit ihrer Ariadne Capital fördert Meyer seither Start-ups wie zum Beispiel Skype, welches revolutionäres Telefonieren im Internet ermöglicht. Am WEF in Davos wurde Julie Meyer als «Global Leader of Tomorrow» gekürt. In Rüschlikon hat sie erklärt, dass die Entwicklung von einer «digital island» zu einem «entrepreneur country» verläuft. Meyer sieht einen wachsenden Trend zu Micro-Unternehmen. Sollten diese einmal gross werden, müssen sie unbedingt ihre Start-up-Mentalität beibehalten können, sonst wird das Unternehmen zu fett. Für Aufsehen auch in Blogs nach der Somesso hat ihre Aussage gesorgt, dass 2012 «90 Prozent der Firmen mit ‹open source›-Software arbeiten werden». Als Open source gilt Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist und durch die allgemein verfügbare Lizenz Weiterentwicklungen fördert. Ein zukunftsträchtiges Businessmodell, das über die Plattform «Slice The Pie» funktioniert, ist auch ein Netzwerk, wo Musikschaffende ihre Arbeiten ins Netz stellen und dort ihre Fans finden. Diese können interaktiv in ihre Lieblingsgruppen investieren und werden so am Erfolg ihrer geförderten Künstler finanziell beteiligt.
Bezahlende User – interessantere User«The Greater IBM Connection – IBM’s Social Media Tools.» Unter diesem Titel präsentierte Bettina Kahlau von IBM, wie das ehemals führende Computerunternehmen mit einem neuen Netzwerk noch einmal möglichst viele aktive und vor allem auch ehemalige IBM-Mitarbeitende zusammenbringen will. Im Sinne eines Kulturwandels bei IBM sollen die Spezialisten, die oft im Frust das Unternehmen verlassen haben, der Marke IBM noch einmal neuen Glanz verleihen. «Es darf doch nicht sein, dass soviel Know-how plötzlich nicht mehr greifbar ist», fasste Kahlau die Idee dieser neuen IBM-Family zusammen. Tatsächlich haben sich schon 30 Prozent der Ehemaligen dem neuen Netzwerk angeschlossen, das in der Startphase über Xing gelaufen ist.
Thomas Power hat mit seiner Frau zusammen vor zehn Jahren die Plattform www.ecademy.com gegründet. Sechs Jahre lang brauchten die beiden, bis ihr Netzwerk ein wichtiger Player im Markt werden konnte. Auf Ecademy kann man alles finden und anbieten, was irgendwie zum Claim «connecting business people» passt. Finanziert wird die Plattform zu 80 Prozent von Abonnenten und 20 Prozent Werbung. «Mitglieder, die für ein Netzwerk bezahlen, sind auch abgesehen vom Geld die interessantesten User», meinte Power.
Bei seinem Exkurs in die Geschichte solcher Netzwerke stellte er das Sachbuch «The death of competition» von James F. Moore als die Bibel vor, welche die¬se ganze Bewegung ausgelöst hat. In sechs Wörtern zusammengefasst hiess die Entwicklung «find me» für Web.1.0, «join me» für Web.2.0 und demnächst «follow me» für Web.3.0. Dazu passt: «Microsoft hat Probleme, im Web erfolgreich zu sein, weil sie Dokumente organisieren und verwalten. Im Internet geht es aber nicht um Dokumente, sondern um Leute.»
Daniel Jörg von Burson-Marsteller untersuchte in seinem Referat: Was kann passieren, wenn man die Blogger-Szene nicht ernst nimmt und Kommentare ignoriert oder abweist? Seine Folgerung: Man hat sehr schnell nicht nur die Blogger, sondern im worst case die ganzen Medien gegen sich. Im Fall des Veloschlossherstellers Kryptonite endete das Ingnorieren von Kritik beinahe mit Bankrott. Natürlich hat auch eine Veranstaltung wie Somesso bereits den Weg in viele Blogs gefunden. Fazit: Somesso war das Geld wert, auch wenn die Konferenz 720 Euro gekostet hat oder 590 für Frühbucher.
Unter den von Peter Hogenkamp, dem Gründer und CEO von Blogwerk, vorgestellten neun Start-ups sind Cassiber.com mit seinem Slogan «Make ideas happen» aufgefallen sowie das Schweizer Unternehmen Amazee.com zum Initiieren von Projekten. Vielversprechend ist auch Kyte aus Zürich und San Francisco. Nokia ist ein Hauptinvestor für diese «digitale Multimedia-Plattform für das 21. Jahrhundert».
Andreas Panzeri
Daniel Jörg von Burson-Marsteller hat viele Fäden gezogen.
Julie Meyer gründete First Tuesday. Amir Suissa ist Advisor.
Susan Kish und Jojo Rufener engagieren sich für Somesso.
Arjen Strijker hatte die Idee zur Somesso-Konferenz.