Fruchtzwerge im Visier
Kinder und Jugendliche sind kaufkräftige Konsumenten. Grund genug, sie auch mit Werbung gezielt anzusprechen. Nur wie? Sticker, Comics, Eigenmarken, Jugendsprache? Und wo sind die Grenzen zum Marketing für Erwachsene?
Kinder und Jugendliche sind nicht die Konsumenten von morgen, sie sind die Konsumenten von heute: Schon die Jüngsten steuern im Quengelmodus die Kaufentscheidungen ihrer Eltern, Jugendliche haben genug Sackgeld, um sich eigene Wünsche zu erfüllen. Geht ihnen der Stutz aus, bearbeiten auch sie die lieben Erzeuger. «Nicht nur bei Produkten für den täglichen Bedarf, auch bei Heimelektronikgeräten, beim Autokauf und der Auswahl des Ferienziels entscheiden Kinder nachweislich mit», sagt Stefan Vogler, Marketingexperte der Zürcher Agentur Matrixs. Und: Kinder und Jugendliche sind für Werbebotschaften sehr empfänglich: Bereits Zwei- bis Dreijährige erkennen Marken und Produkte wieder. Unter sieben Jahren reagieren die Kleinen vor allem auf Logos und Maskottchen, mit zunehmendem Alter essen sie dann nicht mehr Nussnougataufstrich, sondern Nutella.
«Jugendliche sind sehr markenbewusst», sagt Bernhard Heinzlmaier, Autor des Buches «Jugendmarketing – Setzen Sie Ihre Produkte in Szene» und Geschäftsführer von Tfactory, einer in Wien und Hamburg ansässigen Spezialagentur für Jugendmarktforschung und Jugendmarketing. «Jugendliche benutzen Marken zur Identitätskonstruktion. Marken haben für sie eine explizit kommunikative Funktion: Sie signalisieren Einstellungen und Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen. Der Produktnutzen ist zweitrangig.» Das gilt vor allem für Jungen unter 20 Jahren. Je weniger gebildet sie sind, desto wichtiger ist die Marke. Mädchen gehen wesentlich rationaler und kritischer mit Marken um, sie sind preisbewusster und legen schon früh Wert auf ihren eigenen Stil.
Kinder werden Kunden
Eine genaue Definition, bis wann man ein Kind ist und ab wann ein Jugendlicher, ist schwierig. «Die Jugendphase dehnt sich immer mehr aus, Kinder gleiten immer früher ins Jugendlichenalter. Heute lesen schon Achtjährige die Bravo», sagt Heinzlmaier. «Der Übergang von der Kindheit zur Jugend ist dort, wo man beginnt, jugendkulturellen Werten und Lebenswelten zu folgen.» Für seine Forschungen zieht Heinzlmaier eine künstliche Grenze bei elf Jahren: von vier bis elf ist man Kind, danach bis 29 Jugendlicher.
Kinder und Jugendliche werden als Konsumenten immer wichtiger. Unternehmen, die mit Marketing und Werbung gezielt Junge ansprechen, nutzen die Chance, ihre junge Zielgruppe frühzeitig zu konditionieren und deren spätere Kaufentscheidungen zu prägen. Denn Erwachsene konsumieren häufig Marken, die sie als Kinder kennengelernt haben. Wegen dieser Beeinflussung und frühen Prägung schon der Kleinsten steht Kinder- und Jugendmarketing in der Kritik von Verbraucherschützern und Familienverbänden. Dennoch fokussieren Unternehmen sich auf Kids und Teens. Ein Paradebeispiel für erfolgreiches Kinder- und Jugendmarketing ist das Kindermenü von McDonalds. Welches Kind isst beim Fast-Food-Giganten schon einen schlichten Burger? Mit Pommes, Getränk und Spielzeug muss er daherkommen.
Werbung mit Jöh-Effekt
Auch die beiden grössten Schweizer Detailhändler Migros und Coop haben die Kleinen und Mittleren im Visier: Die Migros hat vor rund fünf Jahren die Lilibiggs-Comicfiguren Hugo und Nina sowie den Hund Tobi geschaffen. Sie richten sich an Vier- bis Zwölfjährige und kennzeichnen Produkte, die speziellen Ernährungsrichtlinien entsprechen. Ab Juli wird die Migros Schritt für Schritt weitere Lilibiggsprodukte einführen, bis Anfang 2010 umfasst das Sortiment dann etwa 50 Lilibiggsprodukte. Seit 2006 gibt es ausserdem einen passenden Internetauftritt und einen Lilibiggsclub für Kinder bis 12 Jahre. Der Club zählt derzeit etwa 30’000 Mitglieder, die mit einem Clubmagazin versorgt werden. Zudem stehen Hugo, Nina und Hund Tobi regelmässig im Mittelpunkt von Aktionen, zum Beispiel der Murmelmania im vergangenen Jahr und aktuell der Stickermania, bei der die Kinder Aufkleber mit Tieren aus dem Regenwald sammeln und in ein Album kleben können. Für jeden Einkauf ab 20 Franken gibt es fünf Aufkleber gratis. Jugendliche spricht die Migros nur mit sporadischen Aktionen an, bis zum vergangenen Jahr beispielsweise mit M-Budget-Partys oder Veranstaltungen rund um die Euro 08.
Coop hat 2007 im Kampf gegen Fettleibigkeit ein kindgerechtes Symbol kreiert: Das Jamadu-Äffchen kennzeichnet Lebensmittel, Spielwaren, Pflegeprodukte, Geschirr und Partyartikel aus dem normalen Coop-Sortiment, die für Kinder besonders gut geeignet sein sollen. Und natürlich hangelt sich das Äffchen auch durchs Internet: Jamadu.ch bietet neben Hintergrundinformationen für die Grossen auch Spielspass für die Kleinen. Jamadu richtet sich an Kinder von vier bis neun Jahren und junge Familien. Für Jugendliche stellt Coop zu bestimmten Themen saisonale Produkte zusammen und promotet sie in eigenen Broschüren, zum Beispiel zum Schulanfang.
Aktion für die ganze Familie
Als Verführung von Kindern zum Konsum will Andrea Schönholzer, Projektleiterin Kindermarketing bei der Migros, die Lilibiggsfiguren und die mit ihnen verknüpften Aktionen nicht sehen. Die Migros wolle eine emotionale Bindung zu den Kindern aufbauen: «Wir betrachten Kinder als wichtige Zielgruppe, allerdings nicht im monetären Sinn. Es geht uns darum, eine Kundenbeziehung aufzubauen. Kinder sind die Kunden von morgen. Wer sie früh emotional an sich zu binden vermag, der gewinnt ihre Sympathien – mit Auswirkungen auch auf das spätere Erwachsenenalter. Ausserdem schätzen Eltern einen sinnvollen, sympathischen und wertschätzenden Umgang mit Kindern.» Die Stickermania-Aufkleber würden nicht nur von Kindern gesammelt, sondern auch von Eltern, Grosis, Tanten und Onkels, so Schönholzer. Sie würden von Kindern untereinander getauscht, von einigen Lehrern sogar im Unterricht eingesetzt und führten so zu sozialer Interaktion und der spielerischen Weitergabe von Wissen. Schöner Nebeneffekt. Trotzdem geschieht Kundenbindung nie l’art pour l’art. Sie zielt darauf, wenn nicht Umsätze zu steigern, so wenigstens Umsätze zu sichern, auch bei der Migros. Schliesslich ist das Unternehmen ein Handelskonzern und keine soziale Einrichtung. Und ob man die kindliche Kaufkraft direkt anzapft, oder via Nachwuchs die der Eltern – an der Rolle des Kindes als Umsatztreiber ändert das wenig.
Die Migros lässt sich bei ihren Aktionen für Kinder von spezialisierten Agenturen wie Alborghetti Communications oder Wirz unterstützen, bei der Murmelmania war Flowcube am Werk. Bei der Konzeption achtet das Unternehmen nach eigenen Angaben darauf, kommerzielle Botschaften nur an die Eltern zu richten. Schönholzer: «Wir wollen Kinder nicht instrumentalisieren. Das verscherzt sämtlichen Goodwill bei den Eltern und ist keinesfalls das Ziel der Migros. Kinder überzeugt man stärker mit Emotionen und Träumen und weniger mit logischen Argumenten. Die Kaufkraft liegt allerdings klar bei den Eltern.»
Klare Umsatzsteigerung
Auch Coop will Kinder über ihre Eltern erreichen – und Eltern über ihre Kinder: «Es müssen bei Jamadu zuerst die Erwachsenen angesprochen werden, denen man den Mehrwert der Aktion erläutert: ausgewogene und gesunde Ernährung, Produkte mit reduziertem Fett- oder Zuckergehalt, Verzicht auf Geschmacksverstärker, dermatologische Unbedenklichkeit etc.», erklärt Lydie Goltdammer-Fourkal, Werbeleiterin Retail bei Coop. «Erst dann sprechen wir die Kinder selbst an, die ja auch diese guten Produkte bevorzugen sollen.» In der Tat: Auf der Jamadu-Website wird überwiegend gesiezt und erläutert, statt geduzt und unterhalten. Werden die Kinder direkt angesprochen, sind die Eltern immer mit adressiert. Das ist aber auch der Sachlage geschuldet: Denn ein grosser Teil der Vier- bis Neunjährigen kann noch gar nicht oder gerade erst lesen.
Bei der Planung und Entwicklung seiner Aktionen arbeitet Coop mit KSBSJ zusammen. Besonderen Wert legt der Handelskonzern auf die genaue Definition der Zielgruppe – eben Eltern und Kinder – und auf die Mediawerte. Wie viel sie pro Jahr in Marketingmassnahmen für Kinder und Jugendliche investieren, verraten weder die Migros noch Coop. Doch die Umsatzsteigerung von Coop zeigt, dass sich das Geldausgeben in diesem Bereich lohnt: «Wir haben Jamadu im April 2007 lanciert. 2008 haben wir einen Umsatz von 22 Millionen Franken erzielt, rund das Doppelte des Vorjahres», sagt Goltdammer-Fourkal. «Bei den zwanzigfachen Superpunkt¬aktionen, die mit Jamadu verbunden sind, stieg der Umsatz deutlich an.»
Bilder sind Kinderkram
Sowohl die Migros als auch Coop setzen Bilder und Figuren ein, um ihre jüngsten Kunden anzusprechen. Das kommt nicht von ungefähr: Studien konstatieren, dass Kinder bis sieben Jahre besonders auf Logos und Maskottchen reagieren. Bernhard Heinzlmaier modifiziert diese pauschale Einschätzung: «Gegen die Aussage, dass Menschen ab einer bestimmten Entwicklungsphase komplexere Sachverhalte wahrnehmen können, kann man nichts einwenden. Doch der Ansatz, die Jüngsten notwendig mit Bildern zu bedienen, ist veraltet und entbehrt einer empirischen Grundlage: Auf dem freien Markt sind Comics in einer schweren Krise. Dass die Aktion der Migros trotzdem so gut funktioniert, deutet darauf hin, dass die Käuferschaft aus einer mittleren Bildungsschicht stammt und einen starken Familienhintergrund hat. Bei einer solchen Zielgruppe kommt auch das Konzept des Sammelns und Tauschens gut an.»
Crazy, krass und cool
Eine Möglichkeit, jugendliche Kunden anzusprechen, ist, sich ihrer Sprache zu bedienen. Der Einsatz von Jugendsprache für Werbezwecke ist allerdings umstritten und kann gewaltig nach hinten losgehen. Denn wenn Erwachsene Jugendsprache verwenden, empfinden Jugendliche das oft als anbiedernd und peinlich. Corpora wie das Lexikon der Jugendsprache aus dem Dudenverlag oder www.szenesprachenwiki.de suggerieren zwar, dass sich die Sprache Jugendlicher in einem bestimmten Moment fixieren lässt und dass man nur diesen Wortschatz verwenden muss, um bei den jungen Leuten anzukommen. Doch genau das funktioniert nicht. Jugendsprache verändert sich permanent und variiert von Peergroup zu Peergroup. Manche Begriffe sind nach ein paar Monaten schon wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Deshalb ist es schwierig, authentisch jugendsprachlich zu sprechen, ohne selbst zur Gruppe der Sprecher zu gehören.
Coop versucht sich auf dem Glatteis der Jugendsprache – und rutscht aus: «Egal ob crazy, sportlich oder cool, die angesagten Hefte, Stifte und Rucksäcke bringen Farbe in den Alltag», heisst es auf einer aktuellen Broschüre des Detailhändlers. Autsch. «Bei jeder Werbeaktion passen wir den Ton der Zielgruppe an», erklärt Coop-Werbeleiterin Lydie Goltdammer-Fourkal. Das ist leider in diesem Fall gründlich misslungen.
«Sprache ist für Erwachsene die einfachste Möglichkeit, peinlich zu sein», lautet Heinzlmaiers Urteil über den Versuch von Coop, sich bei den jungen Leuten anzubiedern. «Da war sicherlich ein Texter über 50 am Werk.» Dazu kommt: Meist sind die Dinge, die als «cool» oder «angesagt» angepriesen werden, alles andere als das. Besser wäre es, einen wirklich coolen Rucksack gross abzubilden, eventuell kombiniert mit einem flotten Slogan. Dabei ist es keineswegs verboten, sich der Sonderlexika der Jungen zu bedienen – wenn man ihnen dabei aufs Maul schaut und authentisch bleibt. Eine vage Erinnerung daran, wie man selbst gesprochen hat, als man jung war, reicht aber keinesfalls, um einen Bein- oder gar Genickbruch zu vermeiden.
Die Migros umschifft mit ihrer Fokussierung auf Kinder zwischen vier und zwölf die Klippen der Jugendsprache. «Nichts nervt Kinder mehr, als wenn Erwachsene sie zu kopieren versuchen», sagt Andrea Schönholzer. «Kinder wollen und müssen sich unterscheiden, um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Deshalb ist es eine hohe Kunst, sich kindgerecht und trotzdem ‹normal› mit ihnen auszutauschen. Für uns sind die nur bedingt menschlichen Lilibiggs-Comicfiguren der Schlüssel zum Erfolg.»
Sprache verleiht Flügel
Junge Sprache spricht aber nicht nur junge Leute an. Gut gemachte Jugendsprach-Slogans überzeugen alle Altersgruppen. Genau hingeschaut fällt auf, dass die Sprache der Jungen längst die Werbung dominiert – und zwar die für Erwachsene. Je stärker die Gesellschaft altert, desto stärker ist der Trend zur Juvenilisierung, zur Verjüngung; je weiter unser Leben fortschreitet, desto mehr träumen wir vom Jungbleiben. Werbung muss diesen Traum bedienen, wenn sie einschlagen will. «In Zukunft wird auf dem Massenmarkt nur noch Erfolg haben, wer ein junges Produkt anbietet und es auf junge Art bewirbt», prognostiziert Bernhard Heinzlmaier. «Erfahrungswissen verliert an Relevanz, Innovationen werden immer wichtiger, Jungbleiben liegt im Trend. Konsumenten wollen junge Marken und junge Ästhetiken. Juvenilisierung wird in der Marketingkommunikation deshalb immer mehr zur relevanten Messgrösse werden. Unternehmen und Agenturen sollten sich frühzeitig mit dieser Entwicklung auseinandersetzen.»
Der Media-Markt-Slogan von 2003, «Geiz ist geil», arbeitet mit Jugendsprache. Und funktioniert: Der Claim ist authentisch und greift die Sprache (und das Lebensgefühl) auf, die Anfang des neuen Jahrtausends auf der Strasse unter jungen Leuten kursierte. Erwachsene wollten daran teilhaben und sprangen auf den Slogan an. Auch Red Bulls «Verleiht Flügel» kommt in seiner Verkürzung knackig, frisch und jugendsprachlich-jung daher. Und ist keineswegs peinlich. Deshalb wird der Energydrink nicht nur von Jugendlichen getrunken, sondern auch von Erwachsenen bis weit in die Fünfziger als Kultgetränk verehrt. Der Traum vom Fliegen schlummert in der gleichen Schublade wie der vom Jungsein.
Werbung als Jungbrunnen
Wie aber kommuniziert man «jung»? Die nonverbale Kommunikation wird wichtiger werden, Bilder wichtiger als Texte sein und Gefühle und Gedanken wichtiger als Argumente, skizziert Heinzlmaier die Zukunft. «Produkte für Kinder sind eine eigene Welt. Aber die Werbung für Musik oder Turnschuhe muss zukünftig sowohl zur Lebenswelt von Jugendlichen ab 15 oder 16 Jahren passen, als auch zur Lebenswelt von 40-Jährigen.» Unternehmen und Agenturen, die ihre Werbung verjüngen wollen, rät Heinzlmaier, den Kontakt zu Jugendlichen zu suchen und ihnen genau zuzuhören. «Ein guter Zugang zu jungen Lebenswelten können auch die jüngeren Mitarbeiter im Unternehmen sein», sagt er. «Schöpfen Sie aus Ihrem eigenen Fundus. Werbung muss weit gehen. Sie muss provozieren, Sprengkraft entwickeln und darf nicht zu angepasst sein. Und doch müssen sich Menschen in ihr wiedererkennen.»
Natürlich wird es auch weiterhin Märkte für Teilkulturen geben, die anders funktionieren als der Massenmarkt: Luxuswaren wie Porsche, Breitling oder Château Rothschild folgen einer eigenen Logik und richten sich an einen ausgewählten Konsumentenkreis. Die Werbung für solche Produkte muss auf exklusive Botschaften setzen. Wer aber den Massenmarkt bewirbt, wird in Zukunft jung daherkommen müssen, auch mit Blick auf die Kommunikationskanäle. Zum Gespräch werden ist das Ziel, nicht nur in TV, Internet, Radio und auf Plakaten, auch auf Twitter und in Facebook. Wer nicht dabei ist, verspielt Chancen.
Anne-Friederike Wilhelm
«Jugendliche sind sehr markenbewusst», sagt Bernhard Heinzlmaier, Autor des Buches «Jugendmarketing – Setzen Sie Ihre Produkte in Szene» und Geschäftsführer von Tfactory, einer in Wien und Hamburg ansässigen Spezialagentur für Jugendmarktforschung und Jugendmarketing. «Jugendliche benutzen Marken zur Identitätskonstruktion. Marken haben für sie eine explizit kommunikative Funktion: Sie signalisieren Einstellungen und Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen. Der Produktnutzen ist zweitrangig.» Das gilt vor allem für Jungen unter 20 Jahren. Je weniger gebildet sie sind, desto wichtiger ist die Marke. Mädchen gehen wesentlich rationaler und kritischer mit Marken um, sie sind preisbewusster und legen schon früh Wert auf ihren eigenen Stil.
Kinder werden Kunden
Eine genaue Definition, bis wann man ein Kind ist und ab wann ein Jugendlicher, ist schwierig. «Die Jugendphase dehnt sich immer mehr aus, Kinder gleiten immer früher ins Jugendlichenalter. Heute lesen schon Achtjährige die Bravo», sagt Heinzlmaier. «Der Übergang von der Kindheit zur Jugend ist dort, wo man beginnt, jugendkulturellen Werten und Lebenswelten zu folgen.» Für seine Forschungen zieht Heinzlmaier eine künstliche Grenze bei elf Jahren: von vier bis elf ist man Kind, danach bis 29 Jugendlicher.
Kinder und Jugendliche werden als Konsumenten immer wichtiger. Unternehmen, die mit Marketing und Werbung gezielt Junge ansprechen, nutzen die Chance, ihre junge Zielgruppe frühzeitig zu konditionieren und deren spätere Kaufentscheidungen zu prägen. Denn Erwachsene konsumieren häufig Marken, die sie als Kinder kennengelernt haben. Wegen dieser Beeinflussung und frühen Prägung schon der Kleinsten steht Kinder- und Jugendmarketing in der Kritik von Verbraucherschützern und Familienverbänden. Dennoch fokussieren Unternehmen sich auf Kids und Teens. Ein Paradebeispiel für erfolgreiches Kinder- und Jugendmarketing ist das Kindermenü von McDonalds. Welches Kind isst beim Fast-Food-Giganten schon einen schlichten Burger? Mit Pommes, Getränk und Spielzeug muss er daherkommen.
Werbung mit Jöh-Effekt
Auch die beiden grössten Schweizer Detailhändler Migros und Coop haben die Kleinen und Mittleren im Visier: Die Migros hat vor rund fünf Jahren die Lilibiggs-Comicfiguren Hugo und Nina sowie den Hund Tobi geschaffen. Sie richten sich an Vier- bis Zwölfjährige und kennzeichnen Produkte, die speziellen Ernährungsrichtlinien entsprechen. Ab Juli wird die Migros Schritt für Schritt weitere Lilibiggsprodukte einführen, bis Anfang 2010 umfasst das Sortiment dann etwa 50 Lilibiggsprodukte. Seit 2006 gibt es ausserdem einen passenden Internetauftritt und einen Lilibiggsclub für Kinder bis 12 Jahre. Der Club zählt derzeit etwa 30’000 Mitglieder, die mit einem Clubmagazin versorgt werden. Zudem stehen Hugo, Nina und Hund Tobi regelmässig im Mittelpunkt von Aktionen, zum Beispiel der Murmelmania im vergangenen Jahr und aktuell der Stickermania, bei der die Kinder Aufkleber mit Tieren aus dem Regenwald sammeln und in ein Album kleben können. Für jeden Einkauf ab 20 Franken gibt es fünf Aufkleber gratis. Jugendliche spricht die Migros nur mit sporadischen Aktionen an, bis zum vergangenen Jahr beispielsweise mit M-Budget-Partys oder Veranstaltungen rund um die Euro 08.
Coop hat 2007 im Kampf gegen Fettleibigkeit ein kindgerechtes Symbol kreiert: Das Jamadu-Äffchen kennzeichnet Lebensmittel, Spielwaren, Pflegeprodukte, Geschirr und Partyartikel aus dem normalen Coop-Sortiment, die für Kinder besonders gut geeignet sein sollen. Und natürlich hangelt sich das Äffchen auch durchs Internet: Jamadu.ch bietet neben Hintergrundinformationen für die Grossen auch Spielspass für die Kleinen. Jamadu richtet sich an Kinder von vier bis neun Jahren und junge Familien. Für Jugendliche stellt Coop zu bestimmten Themen saisonale Produkte zusammen und promotet sie in eigenen Broschüren, zum Beispiel zum Schulanfang.
Aktion für die ganze Familie
Als Verführung von Kindern zum Konsum will Andrea Schönholzer, Projektleiterin Kindermarketing bei der Migros, die Lilibiggsfiguren und die mit ihnen verknüpften Aktionen nicht sehen. Die Migros wolle eine emotionale Bindung zu den Kindern aufbauen: «Wir betrachten Kinder als wichtige Zielgruppe, allerdings nicht im monetären Sinn. Es geht uns darum, eine Kundenbeziehung aufzubauen. Kinder sind die Kunden von morgen. Wer sie früh emotional an sich zu binden vermag, der gewinnt ihre Sympathien – mit Auswirkungen auch auf das spätere Erwachsenenalter. Ausserdem schätzen Eltern einen sinnvollen, sympathischen und wertschätzenden Umgang mit Kindern.» Die Stickermania-Aufkleber würden nicht nur von Kindern gesammelt, sondern auch von Eltern, Grosis, Tanten und Onkels, so Schönholzer. Sie würden von Kindern untereinander getauscht, von einigen Lehrern sogar im Unterricht eingesetzt und führten so zu sozialer Interaktion und der spielerischen Weitergabe von Wissen. Schöner Nebeneffekt. Trotzdem geschieht Kundenbindung nie l’art pour l’art. Sie zielt darauf, wenn nicht Umsätze zu steigern, so wenigstens Umsätze zu sichern, auch bei der Migros. Schliesslich ist das Unternehmen ein Handelskonzern und keine soziale Einrichtung. Und ob man die kindliche Kaufkraft direkt anzapft, oder via Nachwuchs die der Eltern – an der Rolle des Kindes als Umsatztreiber ändert das wenig.
Die Migros lässt sich bei ihren Aktionen für Kinder von spezialisierten Agenturen wie Alborghetti Communications oder Wirz unterstützen, bei der Murmelmania war Flowcube am Werk. Bei der Konzeption achtet das Unternehmen nach eigenen Angaben darauf, kommerzielle Botschaften nur an die Eltern zu richten. Schönholzer: «Wir wollen Kinder nicht instrumentalisieren. Das verscherzt sämtlichen Goodwill bei den Eltern und ist keinesfalls das Ziel der Migros. Kinder überzeugt man stärker mit Emotionen und Träumen und weniger mit logischen Argumenten. Die Kaufkraft liegt allerdings klar bei den Eltern.»
Klare Umsatzsteigerung
Auch Coop will Kinder über ihre Eltern erreichen – und Eltern über ihre Kinder: «Es müssen bei Jamadu zuerst die Erwachsenen angesprochen werden, denen man den Mehrwert der Aktion erläutert: ausgewogene und gesunde Ernährung, Produkte mit reduziertem Fett- oder Zuckergehalt, Verzicht auf Geschmacksverstärker, dermatologische Unbedenklichkeit etc.», erklärt Lydie Goltdammer-Fourkal, Werbeleiterin Retail bei Coop. «Erst dann sprechen wir die Kinder selbst an, die ja auch diese guten Produkte bevorzugen sollen.» In der Tat: Auf der Jamadu-Website wird überwiegend gesiezt und erläutert, statt geduzt und unterhalten. Werden die Kinder direkt angesprochen, sind die Eltern immer mit adressiert. Das ist aber auch der Sachlage geschuldet: Denn ein grosser Teil der Vier- bis Neunjährigen kann noch gar nicht oder gerade erst lesen.
Bei der Planung und Entwicklung seiner Aktionen arbeitet Coop mit KSBSJ zusammen. Besonderen Wert legt der Handelskonzern auf die genaue Definition der Zielgruppe – eben Eltern und Kinder – und auf die Mediawerte. Wie viel sie pro Jahr in Marketingmassnahmen für Kinder und Jugendliche investieren, verraten weder die Migros noch Coop. Doch die Umsatzsteigerung von Coop zeigt, dass sich das Geldausgeben in diesem Bereich lohnt: «Wir haben Jamadu im April 2007 lanciert. 2008 haben wir einen Umsatz von 22 Millionen Franken erzielt, rund das Doppelte des Vorjahres», sagt Goltdammer-Fourkal. «Bei den zwanzigfachen Superpunkt¬aktionen, die mit Jamadu verbunden sind, stieg der Umsatz deutlich an.»
Bilder sind Kinderkram
Sowohl die Migros als auch Coop setzen Bilder und Figuren ein, um ihre jüngsten Kunden anzusprechen. Das kommt nicht von ungefähr: Studien konstatieren, dass Kinder bis sieben Jahre besonders auf Logos und Maskottchen reagieren. Bernhard Heinzlmaier modifiziert diese pauschale Einschätzung: «Gegen die Aussage, dass Menschen ab einer bestimmten Entwicklungsphase komplexere Sachverhalte wahrnehmen können, kann man nichts einwenden. Doch der Ansatz, die Jüngsten notwendig mit Bildern zu bedienen, ist veraltet und entbehrt einer empirischen Grundlage: Auf dem freien Markt sind Comics in einer schweren Krise. Dass die Aktion der Migros trotzdem so gut funktioniert, deutet darauf hin, dass die Käuferschaft aus einer mittleren Bildungsschicht stammt und einen starken Familienhintergrund hat. Bei einer solchen Zielgruppe kommt auch das Konzept des Sammelns und Tauschens gut an.»
Crazy, krass und cool
Eine Möglichkeit, jugendliche Kunden anzusprechen, ist, sich ihrer Sprache zu bedienen. Der Einsatz von Jugendsprache für Werbezwecke ist allerdings umstritten und kann gewaltig nach hinten losgehen. Denn wenn Erwachsene Jugendsprache verwenden, empfinden Jugendliche das oft als anbiedernd und peinlich. Corpora wie das Lexikon der Jugendsprache aus dem Dudenverlag oder www.szenesprachenwiki.de suggerieren zwar, dass sich die Sprache Jugendlicher in einem bestimmten Moment fixieren lässt und dass man nur diesen Wortschatz verwenden muss, um bei den jungen Leuten anzukommen. Doch genau das funktioniert nicht. Jugendsprache verändert sich permanent und variiert von Peergroup zu Peergroup. Manche Begriffe sind nach ein paar Monaten schon wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Deshalb ist es schwierig, authentisch jugendsprachlich zu sprechen, ohne selbst zur Gruppe der Sprecher zu gehören.
Coop versucht sich auf dem Glatteis der Jugendsprache – und rutscht aus: «Egal ob crazy, sportlich oder cool, die angesagten Hefte, Stifte und Rucksäcke bringen Farbe in den Alltag», heisst es auf einer aktuellen Broschüre des Detailhändlers. Autsch. «Bei jeder Werbeaktion passen wir den Ton der Zielgruppe an», erklärt Coop-Werbeleiterin Lydie Goltdammer-Fourkal. Das ist leider in diesem Fall gründlich misslungen.
«Sprache ist für Erwachsene die einfachste Möglichkeit, peinlich zu sein», lautet Heinzlmaiers Urteil über den Versuch von Coop, sich bei den jungen Leuten anzubiedern. «Da war sicherlich ein Texter über 50 am Werk.» Dazu kommt: Meist sind die Dinge, die als «cool» oder «angesagt» angepriesen werden, alles andere als das. Besser wäre es, einen wirklich coolen Rucksack gross abzubilden, eventuell kombiniert mit einem flotten Slogan. Dabei ist es keineswegs verboten, sich der Sonderlexika der Jungen zu bedienen – wenn man ihnen dabei aufs Maul schaut und authentisch bleibt. Eine vage Erinnerung daran, wie man selbst gesprochen hat, als man jung war, reicht aber keinesfalls, um einen Bein- oder gar Genickbruch zu vermeiden.
Die Migros umschifft mit ihrer Fokussierung auf Kinder zwischen vier und zwölf die Klippen der Jugendsprache. «Nichts nervt Kinder mehr, als wenn Erwachsene sie zu kopieren versuchen», sagt Andrea Schönholzer. «Kinder wollen und müssen sich unterscheiden, um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Deshalb ist es eine hohe Kunst, sich kindgerecht und trotzdem ‹normal› mit ihnen auszutauschen. Für uns sind die nur bedingt menschlichen Lilibiggs-Comicfiguren der Schlüssel zum Erfolg.»
Sprache verleiht Flügel
Junge Sprache spricht aber nicht nur junge Leute an. Gut gemachte Jugendsprach-Slogans überzeugen alle Altersgruppen. Genau hingeschaut fällt auf, dass die Sprache der Jungen längst die Werbung dominiert – und zwar die für Erwachsene. Je stärker die Gesellschaft altert, desto stärker ist der Trend zur Juvenilisierung, zur Verjüngung; je weiter unser Leben fortschreitet, desto mehr träumen wir vom Jungbleiben. Werbung muss diesen Traum bedienen, wenn sie einschlagen will. «In Zukunft wird auf dem Massenmarkt nur noch Erfolg haben, wer ein junges Produkt anbietet und es auf junge Art bewirbt», prognostiziert Bernhard Heinzlmaier. «Erfahrungswissen verliert an Relevanz, Innovationen werden immer wichtiger, Jungbleiben liegt im Trend. Konsumenten wollen junge Marken und junge Ästhetiken. Juvenilisierung wird in der Marketingkommunikation deshalb immer mehr zur relevanten Messgrösse werden. Unternehmen und Agenturen sollten sich frühzeitig mit dieser Entwicklung auseinandersetzen.»
Der Media-Markt-Slogan von 2003, «Geiz ist geil», arbeitet mit Jugendsprache. Und funktioniert: Der Claim ist authentisch und greift die Sprache (und das Lebensgefühl) auf, die Anfang des neuen Jahrtausends auf der Strasse unter jungen Leuten kursierte. Erwachsene wollten daran teilhaben und sprangen auf den Slogan an. Auch Red Bulls «Verleiht Flügel» kommt in seiner Verkürzung knackig, frisch und jugendsprachlich-jung daher. Und ist keineswegs peinlich. Deshalb wird der Energydrink nicht nur von Jugendlichen getrunken, sondern auch von Erwachsenen bis weit in die Fünfziger als Kultgetränk verehrt. Der Traum vom Fliegen schlummert in der gleichen Schublade wie der vom Jungsein.
Werbung als Jungbrunnen
Wie aber kommuniziert man «jung»? Die nonverbale Kommunikation wird wichtiger werden, Bilder wichtiger als Texte sein und Gefühle und Gedanken wichtiger als Argumente, skizziert Heinzlmaier die Zukunft. «Produkte für Kinder sind eine eigene Welt. Aber die Werbung für Musik oder Turnschuhe muss zukünftig sowohl zur Lebenswelt von Jugendlichen ab 15 oder 16 Jahren passen, als auch zur Lebenswelt von 40-Jährigen.» Unternehmen und Agenturen, die ihre Werbung verjüngen wollen, rät Heinzlmaier, den Kontakt zu Jugendlichen zu suchen und ihnen genau zuzuhören. «Ein guter Zugang zu jungen Lebenswelten können auch die jüngeren Mitarbeiter im Unternehmen sein», sagt er. «Schöpfen Sie aus Ihrem eigenen Fundus. Werbung muss weit gehen. Sie muss provozieren, Sprengkraft entwickeln und darf nicht zu angepasst sein. Und doch müssen sich Menschen in ihr wiedererkennen.»
Natürlich wird es auch weiterhin Märkte für Teilkulturen geben, die anders funktionieren als der Massenmarkt: Luxuswaren wie Porsche, Breitling oder Château Rothschild folgen einer eigenen Logik und richten sich an einen ausgewählten Konsumentenkreis. Die Werbung für solche Produkte muss auf exklusive Botschaften setzen. Wer aber den Massenmarkt bewirbt, wird in Zukunft jung daherkommen müssen, auch mit Blick auf die Kommunikationskanäle. Zum Gespräch werden ist das Ziel, nicht nur in TV, Internet, Radio und auf Plakaten, auch auf Twitter und in Facebook. Wer nicht dabei ist, verspielt Chancen.
Anne-Friederike Wilhelm











