Nachgefragt
Die Werbewoche wollte wissen, wie der Tagi-Relaunch von der Falkenstrasse und der NZZ-Relaunch von der Werdstrasse bewertet werden.
Die NZZ ist Pflicht, der Tages-Anzeiger Vergnügen. So brachte vor einigen Wochen der Kommunikationschef einer Zürcher Privatbank sein Verhältnis zu den beiden Zürcher Qualitätszeitungen auf den Punkt. Inzwischen haben beide ein neues Design und das Fazit liesse sich aus Sicht des Privatbankers wie folgt ziehen: Die NZZ ist immer noch Pflicht, aber sie ist im neuen Kleid auch ein bisschen mehr Vergnügen geworden. Das ist gut so. Schliesslich sterben auch der NZZ die Pflichtleser langsam weg. Nur noch ganz wenigen Lesern wird heute die Lektüre der Tageszeitung direkt vom Über-Ich befohlen. Wer künftig Zeitung im grossen Format auf Papier liest, schwelgt in der Zeit der schnellen Information via Internet und Pendlerzeitungen in Luxus und Musse. Broadsheet (die Bezeichnung für das grosse Format, das in der Schweiz eine ausgesprochen handliche Grösse hat) tönt plötzlich ganz ähnlich wie Broadway. Vergnügen muss also irgendwie dazugehören – umso schöner noch, wenn es auf hohem Niveau geboten wird.
Das ist der Fall: Das Auge hat in der neuen NZZ mehr Raum. Zwischen verschiedenen Artikeln auf einer Seite ist eine Hierarchie erkennbar. Die Bilder sind ausgewählt und kommen besser zur Geltung. Die analytische Kompetenz wird besser sichtbar durch deutliche Schwerpunkte im ersten Bund (Meinung & Debatte), im zweiten Bund (Reflexe) und im dritten Bund insgesamt, der vor analytischer Kompetenz nur so strotzt.
Auch die Konzentration auf drei Bünde stört den Leser nicht. Sie vermittelt das Gefühl von Kompaktheit, ein Gebot, mit dem heute jeder Fussballtrainer seine Truppe aufs Feld schickt. Der Rückgang der Anzeigen hat dazu geführt, dass bei sechs oder mehr Bünden vorab in den inseratenschwachen Zeiten (Sommer, Januar, Februar) einzelne Bünde bloss noch aus vier Seiten bestanden, von Bünden, oder wie unsere nördlichen Nachbarn sagen: Büchern, also kaum mehr die Rede sein konnte. Das einzig Schmerzliche dabei ist, dass der NZZ damit ein eigener lokaler Bund verloren gegangen ist – für eine Tageszeitung, die den Namen Zürich im Titel trägt, eine mutige Entscheidung. Wenn damit die Strategie verbunden ist, künftig stärker als sprachnationaler Titel wahrgenommen zu werden, ist sie richtig. Andernfalls ist sie wohl sehr riskant.
Wie bei jeder Zeitung nach einem Relaunch hat das neue Layout noch ein paar harmlose Kinderkrankheiten, die in den kommenden Wochen noch kuriert werden können: Die Bilder waren in den ersten Tagen mehr informativ denn gut und häufig etwas stereotyp in der Grösse. Dem Wirtschaftsressort schien in den ersten Tagen die Solidarität mit Peter Handkes Mission gegen die Bilderflut wichtiger zu sein als die Zugänglichkeit für den Leser. Und die knappen, zweizeiligen, grau unterlegten Skyboxen mit magerer Schrift dienen dem Leser noch nicht wirklich zur erfolgreichen Navigation im Blatt.
Aber alles in allem greift der Leser nun mit deutlich mehr Lust zu dieser Zeitung. Wenn sie so weitermacht, wird die NZZ noch tauglich als Alternative zum Sportfernsehen auf den Hometrainern im Fitnesszentrum. National und weltweit geht das Gespenst vom Untergang der Qualitätsmedien um. Glücklich eine Stadt, die zwei Tageszeitungen hat, die täglich beweisen wollen, dass sich Qualität und Vergnügen nicht ausschliessen.
Res Strehle ist Co-Chefredaktor des Tages Anzeigers
Rainer Stadler zum Tagi-Relaunch
Wenn eine Firma die Verpackung ihres Warenangebots neu gestaltet, sollte man die Stirn runzeln. Schwoll das Volumen der Packung etwa an, weil mehr Inhalt abgefüllt wurde? Oder diente die Aufplusterung nicht vielmehr dazu, weniger hineinzustecken, damit die tatsächliche Preiserhöhung dem Käufer verborgen bleibt? Der konsumentenkritische Pedant wird die Faktenlage durch Lektüre des Kleingedruckten klären. Er kann dann – Taschenrechner vorausgesetzt – ermitteln, wie viele Franken er für wie viele Milliliter Parfum oder für wie viele Gramm Salznüsse hingelegt hat.
Wenn eine Zeitung sich neu herausputzt, nützt der Taschenrechner allerdings nichts mehr. Kein Blatt gibt an, wie viele Kilo Zeichen es dem Publikum täglich vorsetzt. So bleibt dann einfach der Verdacht irgendwie unsicher im Kopf stehen, früher sei das Angebot doch umfangreicher gewesen.
Solches denkt man auch beim Durchblättern des neuen Tages-Anzeigers. Gemäss Selbstdeklaration will die Redaktion mehr eigene Akzente setzen und weniger die Tagesagenda abbilden. In der Tat wurde die Themenselektion härter. So war am Montag keine einzige Zeile zu lesen über das fast einstimmige Votum der SVP-Delegierten für die Minarettinitiative. Wen wirds wundern, wenn die politischen Akteure immer mehr Lärm machen werden, um überhaupt noch in die redaktionellen Spalten zu gelangen?
Das war nun allerdings eine inhaltliche Frage. Ich wurde jedoch gebeten, die Gestaltung des Tages-Anzeigers einzuschätzen. Also: Die erste Ausgabe nach der Reform hatte mich enttäuscht. Wahrnehmungen sind stark durch Erwartungen geprägt. Was heisst: Ich hatte grosse Erwartungen an die optische Gestaltungskraft des Tages-Anzeigers. Das Blatt wirkte zweifellos weiterhin seriös, aber vor allem wegen der dunklen Schrift schwer und düster. Rätsel gab mir der dicke Strich knapp über den Titelzeilen auf. Er drückt – um es vulgärpsychologisch zu sagen – wie ein Übervater auf die Hauptbotschaften. Raubt diesen die Atemluft.
Nach einer Woche habe ich mich längst ans neue Gestaltungsregime gewöhnt. Es ist gewiss nicht revolutionär, aber man kann gut unter ihm leben. Keine ästhetischen Marotten erschweren die Lektüre. Das weiss man zu schätzen. Berichte, Kommentare und Interviews werden durchs Schriftbild deutlich abgegrenzt: Blocksatz gegen Flattersatz. Klar, das Subjektive war schon immer etwas flatterhaft. Vielleicht braucht es darum den strengen, ordnenden Strich über jedem Text. Angst vor Kontrollverlust? Die Bildauswahl gefällt heute bedeutend besser als in der ersten Ausgabe. Der Eindruck von Düsternis hat sich verflüchtigt. Selbst beim nochmaligen Durchblättern der ersten Reformausgabe dünkt mich die Gestaltung weniger bedrückend – Wahrnehmungen sind offensichtlich volatil.
Die derzeitige Neugestaltung der drei grossen Zürcher Tageszeitungen hat ein starkes mediales Echo gefunden. Welchem Produkt sonst würde solche publizistische Gnade zuteil! Wenigstens diesen Marketingeffekt kann die Geldnot leidende Presse günstig erzeugen. Die positive Grossbotschaft war durchaus beabsichtigt: Wir bleiben dran, wir tun was.
Rainer Stadler ist Medienredaktor der Neuen Zürcher Zeitung









