Vor neun Jahren trafen sich auf Initiative des holländischen Corporate-Publishing-Verbandes «Smin» die Spezialisten der Kommunikationsdisziplin Corporate Publishing – international mehrheitlich Customer Publishing (bzw. Custom Publishing) genannt – in einer alten Villa in der Nähe von Amsterdam. Seither trifft man sich halbjährlich in einer Metropole, London München, Madrid, Zürich, Prag, Liublijana, Brüssel oder Stockholm. Man tauscht Erfahrungen und Know-how aus, formuliert Trends und definiert gemeinsame Aktivitäten. Die Teilnehmer sind Vertreter der landesweiten Verbände, in denen die spezialisierten Corporate-Publishing-Agenturen formiert sind, sowie spezialisierte Anbieter aus Ländern (bislang) ohne eigenen Corporate-Publishing-Verband, beispielsweise aus Spanien oder Tschechien.
Die heutige Organisation der SpezialistenBei diesem internationalen Zusammenspannen handelt es sich um einen lockeren Verbund der landesweit formierten Verbände. Anfänglich nannte man sich European Custom Publishing Forum (ECPF). Seit 2007 lautet der Name des Verbundes International Customer Publishing Forum (ICPF), da auch die Spezialisten aus den USA, China und Südafrika teilnehmen. Mittlerweile partizipieren rund 20 Länder am Know-how-Austausch und an den Aktivitäten des ICPF. Interessanterweise kommen die innovativen Ansätze selten bis nie aus den USA, sondern aus dem europäischen Raum. Die Schweiz war von Anfang an bei diesen internationalen Treffen vertreten. Verbandsmässig gehört die Schweiz zum Forum Corporate Publishing (FCP), dem einzigen Corporate-Publishing-Verband, der länderübergreifend formiert ist: Die spezialisierten Anbieter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind im vor zehn Jahren gegründeten FCP mit Geschäftsstelle in München zusammengeschlossen.
BudgetverlagerungenDer jüngste Austausch in Wien hat wie noch nie in den neun Jahren des internationalen Austausches klare Trends und einhellige Beurteilungen gezeigt. In allen Ländern ist klar eine Budgetverschiebung festzustellen: Budgets aus Werbe-Etats, Direct-Marketing-Etats und weiteren Kommunikationsdisziplinen verlagern sich in so genannte Story-Telling-Projekte authentischen Inhalts, also in die journalistische Erzählweise, sprich Corporate Publishing bzw. Custom Publishing Print und Online. Konkret: Aus der klassischen Imagebroschüre wird die journalistisch erzählende Jahrespublikation, aus dem Angebotskatalog ein die Hintergründe und Provenienz der Produkte erläuterndes Sales-Publishing, aus dem Commercial Film der Corporate Film dokumentarischer Ausrichtung oder mit einer deklariert fiktiven, aber ganz in der Realität spielenden Geschichte (vgl. der Beitrag «Corporate Publishing und das Bewegtbild» auf der gegenüberliegenden Seite). Für das Online- und Print-Publishing in der internen Kommunikation werden ohnehin vermehrt die Corporate-Publishing-Anbieter angesprochen und beauftragt. Diese Budgetverlagerungen erfahren die Corporate-Publishing-Anbieter sowohl in ihrer täglichen Arbeit, den zunehmenden Anfragen, aber auch die Studien in den einzelnen Ländern belegen dies ganz deutlich; so das aktuelle CP-Barometer des Europäischen Instituts für Corporate Publishing, das zweimal pro Jahr unter Teilnahme von hundert Unternehmen und Dienstleistern durchgeführt wird.
Straffe BudgetsNebst der erfreulichen Situation dieser Budgetverlagerungen wurde einhellig von allen am Tisch sitzenden Vertretern berichtet: Die Kunden gehen mit ihren Budgets bewusster um, die Budgets werden härter verhandelt. Um zu sparen, wird beim einen oder anderen etablierten Custom-Publishing-Projekt beispielsweise eine Ausgabe pro Jahr eingespart, oder der Seitenumfang wird reduziert. Die dadurch eingesparten Budgetanteile werden sehr oft im Rahmen des Cross Media Publishing für die Online-Inhalte ausgegeben. Mit anderen Worten: Das Online Publishing hat durchschnittlich immer noch nicht seinen «gleichberechtigten» Budgetanteil. Man will es zwar haben, aber Budgeterhöhungen für das Online Publishing sind (noch) zu selten. Als Ausnahme mögen die Budgets für Bewegtbild, also für Corporate-Filme, gelten.
Schwierige Zeiten für VerlegerischesWurde in Wien die erfreuliche Situation für die Corporate-Publishing-Aktivitäten unisono bestätigt, so differieren die Berichterstattungen zu den verlegerisch angelegten Projekten ebenso wenig: Besonders aus Ländern mit grossen Heimmärkten wie Deutschland oder UK, wo Teilfinanzierungen durch Drittpartien namentlich in nationalen Kundenmagazinen oder Co-Branding-Magazinen zum verlegerischen Alltag der Corporate-Publishing-Anbieter weitaus mehr zum Alltag gehören als in Ländern mit kleinen Heimmärkten (Schweiz, Holland, Belgien etc.), kommen die schlechten Botschaften: Den finanziell verlegerisch aufgebauten Projekten geht es im Gegensatz zu den klassischen Corporate-Publishing-Massnahmen (durch gesprochene Budgets der herausgebenden Unternehmungen vollumfänglich finanziert) schlecht. Hier macht die Wirtschaftssituation «reinen Tisch». Publishing-Projekte, die durch Inserate (teil)finanziert werden, stehen auf tönernen Füssen. Für das Branding der Unternehmen keine Hiobsbotschaft – Corporate Publishing ist eine der besten Branding-Massnahmen, aber nur, wenn nicht durch finanzielle Fesseln falsche Kompromisse eingegangen werden müssen. Mit anderen Worten: Dort, wo der Corporate-Publisher-Anbieter in die Rolle des Verlegers gedrängt wird und die Budgets für das Projekt nicht richtig gesprochen sind, befinden sich die Publishing-Erzeugnisse in einer gegenwärtigen Zwickmühle und stehen vor einer höchst unsicheren Zukunft.
Branchen und PitchesInteressanterweise sahen alle Teilnehmenden in Wien die gleichen Branchen als krisenresistent an: Der Public Sector, die Welt der Dienstleister, aber auch der Verbände und Non-Profit-Organisationen sowie auch die Branche Healthcare zeigen in ihren Corporate-Publishing-Aktivitäten ungebrochen Zuwachs. Aus Holland lag als typisches Beispiel eine brandneue, sehr innovativ gelöste Publikation des Cancer Center in Amsterdam auf: Die Patientenansprache ist wissensvermittelnd und zugleich menschlich einnehmend, das Magazin zeugt nicht nur von medizinischer Kompetenz, sondern auch von einem Ernstnehmen der Patienten. Um Branchen wie Tourismus, Detailhandel, Maschinenbau und Autoindustrie ist es hingegen schlecht bestellt, wie die Teilnehmenden in Wien gemeinsam statuierten.
Zum Pitch-Verhalten wurde in Wien mehrfach berichtet: Unternehmungen, die einen Corporate-Publishing-Anbieter suchen, sehen heute partiell von aufwändigen, für alle Seiten kontraproduktiven Pitches ab. Solche ökonomisch vernünftige Unternehmen evaluieren zwar auch sorgfältig im Markt, lassen es aber bei intensiven Kennenlerngesprächen bewenden.
ICPF-Projekte In Wien wurden neben dem einmal mehr fruchtbaren Know-how-Austausch drei Projekte ins Auge gefasst: Eine ICPF-Website im Sinne eines übergreifenden Dachs für die nationalen Corporate-Publishing-Verbände, ein internationaler «Best of the Best Award» für bereits national ausgezeichnete Publishing-Erzeugnisse, erstmals unter der Schirmherrschaft des britischen Verbandes APA Ende des Jahres 2010 in London, sowie internationale Medienarbeit unter der Projektleitung des FCP in
Zürich.
Viviane Egli, Primafila AG
[email protected]Viviane Egli ist seit zwanzig Jahren im Corporate Publishing tätig und repräsentiert für den Verband FCP die Schweiz im ICPF.