Schon in den 60er-Jahren wollte man die Befindlichkeit der Jugendlichen genau erforschen, nicht zuletzt um daraus Schlussfolgerungen für die Vermarktung bestimmter Konsumprodukte ziehen zu können. Man fragte die 12- bis 14-Jährigen in England also: «Who are you?», und erhielt die unmissverständliche Antwort: «We are rebels.» Auch wenn es ein Klischee sein mag, besser hätte die Antwort den Zeitgeist jener Epoche nicht ausdrücken können.
Fast 50 Jahre sind vergangen und in der Umfrageninflation des 21. Jahrhunderts durfte die gleiche Frage an die heutigen 12- bis 14-Jährigen natürlich nicht fehlen. Vom Geist der Rebellion ist nicht einmal mehr ein Hauch zurückgeblieben, dafür zeichnet sich deutlich ein neues Selbstverständnis ab, weil die Befragten von sich sagen, sie seien «connected», «Networking» sei ihre Leidenschaft und sie betrachten sich als «creative». Auch nicht eigentlich überraschend, aber wer mit Werbung sein Geld verdient, sollte sich ein paar Gedanken über dieses Selbstverständnis der Web2-Generation machen. In Abwandlung des berühmten Zitats von Andy Warhol könnte man sagen, «in the future everybody wants to be a creative for 15 minutes». Und wer durchs Netz surft, entdeckt neben Tonnen von Cyber-Müll auch ganz grossartige kreative Geistesblitze. Das ist natürlich auch den Marketing- und Kommunikationsverantwortlichen in den Unternehmen nicht verborgen geblieben und sie beginnen schon, sich des «Crowdsourcings» zu bedienen.
So hat etwa die Bildzeitung auf dem Netz die Websurfer aufgerufen, sich kreativ mit der Marke Bild auseinanderzusetzen und Vorschläge für eine Werbekampagne zu machen. Die Profis kamen nur noch als Jury zum Zuge, die aus den Tausenden von Vorschlägen die besten auszuwählen hatte. Und die Liste der Firmen, die crowdsourcen, wird immer länger. Der Einzelhändler Tchibo oder der Schmuckhersteller Swarowski lassen Kunden, Kreative oder schlicht jedermann an der Produktentwicklung mitarbeiten. Ein Vorgehen, das auch der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) seit Längerem praktiziert.
Unsichtbare Talente im Netz
Im Herbst 2007 hatte Cisco einen externen Innovationswettbewerb unter dem Titel «I-Prize» organisiert, um eine Idee zu finden, die für Cisco zu einem Milliardengeschäft werden sollte. Das Unternehmen wollte aus seiner Tunnelperspektive ausbrechen und Ideen finden, die ihm bisher entgangen waren. Mehr als 2’500 Menschen aus 104 Ländern kreierten 1200 unterschiedliche Ideen, die in einem aufwendigen Verfahren analysiert und die erfolgversprechendsten ausgewählt wurden. Als Quintessenz des Ideenwettstreits entwickelte Cisco ein mit Sensoren versehenes intelligentes Stromnetz. Unverblümt gaben die Verantwortlichen zu, dass diese «öffentliche» Art der Ideenfindung viel komplexer war, als sie erwartet hatten, und einen enormen internen Aufwand zur Folge hatte. Dennoch bewerteten sie das Crowdsourcing als vollen Erfolg, auch und gerade weil jedes Unternehmen und jede Branche dazu neigt, die Welt aus der immer gleichen Perspektive zu sehen, die durch einen anderen Blickwinkel in Frage gestellt werden kann.
Unternehmer, Marketing- und Kommunikationsverantwortliche flirten immer mehr mit dem Gedanken, Aufträge nicht einfach an spezialisierte Zulieferer zu vergeben, sondern sich an die unsichtbaren Talente im Netz zu wenden, die ihnen inspirierter und billiger als die professionellen Kreativen erscheinen. Diese Entwicklung wird auch dadurch gefördert, dass Agenturen immer mehr zu Zuliefern degradiert werden und die engen, vertrauensvollen Partnerschaften von einst, die immer wieder zu hervorragenden kreativen Lösungen geführt haben, verloren gehen.
Die Kreativität und Inspiration der vielen anzuzapfen mag viel schwieriger sein, als sich dies nach neuen Modellen suchende Kommunikationsverantwortliche vorstellen mögen, aber wir Werbetreibenden sollten schnellstens aufhören, uns auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen und davon auszugehen, dass es auch noch in 30 Jahren eine Berufsgruppe geben wird, die sich auf ihrer Visitenkarte unter einem klingenden Agenturnahmen als Kreative ausweist. Sonst könnte es passieren, dass sich die Creative Directors nicht mehr bei der Jurierung der eigenen Kampagnen im ADC, sondern in der Jury treffen, welche die kreativsten Ideen aus einem Crowdsourcing zu beurteilen hat.