WW: Seit 2006 berichten Sie aus China, einige Ihrer Reportagen wurden ausgezeichnet. Liegen die Themen für Knüllerreportagen in China auf der Strasse?
Barbara Lüthi: Ja. Absolut. Und eben: Auf der Strasse. Ich finde es wichtig, dass man hinter das schaut, was man zuerst sieht. In Shanghai oder Peking sieht man die Skyline, alles ist modern und schön, das ist das Wirtschaftswunder China. Aber wer baut diese Gebäude? Das sind die Wanderarbeiter. Es ist alles da, man muss nur offen sein und den Mut haben, das ganze Bild zu betrachten. Das ist schliesslich die Aufgabe eines Journalisten.
Sie gehen also einfach mit offenen Augen durch den Alltag, und die Themen drängen sich Ihnen auf. Oder suchen Sie auch gezielt nach Themen?
Beides. Auch durch meine chinesische Assistentin erhalte ich viele Impulse, welche Themen spannend und wichtig wären. Es gibt klassische Themen, die man einfach als News haben muss. Und dann gibt es noch ganz viel anderes, das zum Teil aus den klassischen Inhalten entsteht. Ich habe zum Beispiel für einen Bericht über das Wirtschaftswachstum in China während der Krise recherchiert und bin dabei auf Geisterstädte gestossen, in denen niemand wohnt. Sie wurden nur gebaut, um das Wachstum anzukurbeln. Der Sache bin ich dann nachgegangen, habe mit Experten gesprochen und mit den wenigen Leuten, die in diesen Städten leben. So ist eine Reportage über Geisterstädte entstanden. Ich arbeite in China nicht anders als in der Schweiz. Aber tatsächlich liegen in China mehr Themen auf der Strasse, denn alles bewegt und verändert sich ständig, nichts hat eine feste Form. Wenn man wachsam ist, ist es relativ einfach, an gute Themen zu kommen. Man muss einfach schauen, was passiert und warum.
Warum sind Sie nach China gegangen, um dort als Journalistin zu arbeiten? Was reizt Sie an diesem Land?
Einerseits die Dynamik, die man in den Städten und Küstenregionen spürt, das ist das Faszinierende an China. Dort ist alles möglich, Chinesen haben eine Just-do-it-Mentalität. Andererseits das Traditionelle auf dem Land. Dort treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander: zum einen diejenigen, die noch traditionell leben, aber auch immer mehr Menschen, die sehen, dass sie hinterherhinken, und nicht mehr zufrieden sind. Daraus entsteht soziale Unruhe. Dieses Spannungsverhältnis ist nicht nur eine extreme Herausforderung für die chinesische Regierung, sondern aus journalistischer Perspektive auch sehr spannend zu dokumentieren. Die Zentralregierung weiss genau, wo das Problem liegt – aber versuch das mal zu implementieren mit 1,3 Milliarden Menschen, mit der Einparteienherrschaft und einer zentralistischen Steuerung, mit einer Staatsform, die zwar die Wirtschaft weitertreibt, aber gleichzeitig für die Menschen nicht mehr modern genug ist. Mit dem Wirtschaftswachstum hat die Regierung eine Schicht geschaffen, die teilhaben will und eine andere Staatsform fordert. Das ist ein Wiederspruch in sich. Es wird sehr spannend sein, zu beobachten, was in den nächsten zehn Jahren passiert.
Sanktionen, Schikane, Zensur – für Sie Alltag? Oder ist das ein westliches Klischee?
Das gibt es schon sehr oft. Es kommt aber ein bisschen darauf an: In den Städten zu recherchieren ist ganz einfach, auf dem Land werden wir meistens gestoppt. Denn die Behörden haben keine Ahnung von den Gesetzen. Und wenn wir dann aufs Land gehen und mit den Leuten sprechen, werden die unruhig. Dann müssen wir auf den Polizeiposten und werden nach unserem Vorhaben befragt, oder wir müssen mit dem Parteisekretär zwei, drei Tee trinken. Manchmal ist es ganz harmlos, und manchmal bringen sie uns zum Flughafen und sagen: «Wir wollen nicht, dass Ihr darüber berichtet.» Das sind dann Geschichten, die aus der Sicht der Lokalbehörde schwierig sind. Beispielsweise sehen sie nicht ein, warum da jetzt eine Ausländerin in ihr Dorf kommt und einen Bericht über verschmutzte Flüsse und Menschen, die an Speiseröhrenkrebs sterben, machen will. Sie sind nicht daran gewöhnt und haben noch nie mit ausländischen Medien zu tun gehabt. Wenn ich dann aber zum Aussenministerium gehe, finden die die Story zwar auch nicht lässig, geben aber ihr OK. Ich muss meinem Wunsch allerdings schon Nachdruck verleihen. In China gibt es keine Meinungs- und Pressefreiheit, das kann man nicht schönreden. Natürlich bekommen wir das zu spüren, und das ist oft schwierig. Chinesische Journalisten, die sich trauen, über solche Sachen zu berichten, landen im Gefängnis. Ich habe etliche Kollegen, die im Gefängnis sitzen. Das geht ganz schnell, und dann bist du einfach weg.
Mussten Sie ein Reportagevorhaben auf Druck von aussen auch schon einmal aufgeben? Oder haben Sie bisher jede Story durchgebracht?
Bisher habe ich jede Story durchgebracht, aber manchmal dauerte es ein Jahr, bis wir mit der Reportage fertig waren.
Wie oft wurden Sie bei der Ausübung Ihrer Arbeit schon verhaftet?
(überlegt, zählt) Festgehalten … wurde ich etwa zehnmal. Ich finde, das geht noch.
Setzen Sie sich manchmal selbst Grenzen, um Ihre Reportagen nicht zu gefährden? Oder warten Sie, bis Sie von Behörden oder der Polizei gestoppt werden?
Ja, ich setze Grenzen. Aber nicht, um mich nicht zu gefährden, sondern um meine chinesischen Mitarbeiter und meine Quellen zu schützen. Nach einem neuen Gesetz dürfen sich ausländische Journalisten eigentlich frei im Land bewegen, sie brauchen nur eine Genehmigung von ihrem Interviewpartner. Natürlich ist das ein Gummiartikel. Denn wenn mich eine Lokalbehörde festhält und ich sage, dass ich eine Genehmigung von meinem Interviewpartner habe, wollen die natürlich wissen, wer das ist. Und ich gebe logischerweise nicht den Bauern an, mit dem ich mich gerade unterhalten habe. Darum arbeiten wir oft so aufwändig und fahren nachts oder am frühen Morgen unter Decken auf dem Rücksitz eines Autos in ein Dorf, führen unsere Interviews und gehen dann wieder, bevor jemand mitbekommt, dass wir dort sind. Später erkundigen wir uns dann immer noch per Telefon, ob mit den Beteiligten alles in Ordnung ist. Aber es gibt manchmal eben auch Situationen, in denen wir ein Vorhaben nicht umsetzen, wenn nämlich ein Interviewpartner hinterher grosse Probleme bekommen könnte. Das lohnt sich einfach nicht. Die Leute meinen immer, wir kommen helfen und alles wird gut. Das stimmt aber nicht. Und das mache ich auch immer ganz klar und vermeide, Informanten in gefährliche Situationen hineinlaufen zu lassen.
Sie würden niemals Ihr Team oder Informanten gefährden. Was würden Sie selbst für eine Story nie tun?
Schwierig zu sagen, ich gehe sehr weit für eine gute Story. Ganz heikle Sachen würde ich aber nur ohne meine chinesischen Mitarbeiter durchführen, denn die kommen im Ernstfall sehr schnell und für lange Zeit ins Gefängnis. Mir dagegen kann nicht viel passieren. Im schlimmsten Fall bekomme ich einen Stempel in den Pass, muss mein Journalistenvisum abgeben und darf nie mehr ins Land. Damit wäre für die chinesische Regierung das Problem gelöst. Ich glaube nicht, dass sie mich ins Gefängnis stecken würden. Das wäre der Regierung viel zu anstrengend. Denn dann müssten sie sich ja monate- oder jahrelang mit der Schweiz herumschlagen.
Ihre Arbeitsbedingungen unterscheiden sich offenbar stark von denen Ihrer chinesischen Berufskollegen. Warum räumt China ausländischen Reportern Privilegien ein, die chinesische Journalisten nicht haben?
Die chinesische Regierung versteht Journalismus völlig anders als wir. Das Aussenministerium lädt ausländische Journalisten ins Land ein, weil China möchte, dass über das Land berichtet wird. Sie holen uns und staunen dann, dass wir nicht nur positive Geschichten machen, sondern auch kritische. Sie sagen: «Jetzt sind die doch wegen Olympia gekommen, warum gehen sie jetzt zu den Bauern?» Die chinesische Regierung ist überrascht, dass überhaupt solche Reportagen entstehen. Sie kann die Berichterstattung ausländischer Journalisten im Ausland aber nicht verhindern, und es berührt sie auch nicht sonderlich, dass ein paar Schweizer kritische Reportagen sehen. Chinesische Journalisten dagegen werden drangsaliert. Die chinesische Regierung kontrolliert, welche Nachrichten innerhalb von
China zu sehen sind, weil sie nicht will, dass die Bevölkerung etwas über die Probleme in China erfährt. Denn das stört die so genannte «harmonische Gesellschaft». Und der kleine Funke, der entstehen könnte, könnte zum Flächenbrand werden. Darum drohen auch der Zivilbevölkerung zum Teil unverhältnismässig harte Strafen. In China werden pro Jahr 200 000 Kinder entführt, ausgelöst durch die Ein-Kind-Politik. Die Kinder werden an Eltern verkauft, die gerne noch ein zweites Kind möchten, aber nicht bekommen dürfen. Die Eltern der entführten Kinder sind mit Bildern ihrer Kinder im Land herumgereist, um sie wiederzufinden. Ihnen drohen nun fünf Jahre Gefängnis wegen «illegaler Versammlung» – das gleiche Strafmass, mit dem die Kidnapper rechnen müssen. Durch die Aktion der verzweifelten Eltern begreifen andere Leute, dass in China nicht alles in Ordnung ist. Davor hat die Regierung die grösste Angst.
PricewaterhouseCoopers prognostizierte kürzlich, dass China 2050 die grösste Wirtschaftsmacht der Welt sein wird. Teilen Sie diese Meinung? Und wie soll das gehen mit einem solchen Verständnis von Journalismus? Zu einer funktionierenden und anerkannten Weltmacht gehört schliesslich auch ein starkes Mediensystem.
Ganz sicher wird China zur grössten Wirtschaftsmacht werden, das glaube ich auch. Es ist jedoch die Frage, wie man «Macht» definiert. China kann zur Weltmacht werden, indem es einfach Afrika und Europa kauft, auch militärisch ganz sicher, denn es ist einfach nur Geld nötig, um die USA zu überholen. Aber zu einer Weltmacht gehören auch internationale Diplomatie, eine Kultur und ein Mediensystem. Und ob China das alles bis 2050 vorweisen kann, unter dieser Regierung – da bin ich mir nicht sicher. Die HSBC-Bank hat gesagt, dass China 2050 auch kulturell führend sein wird. (atmet tief ein) … heute können Oasis und die Rolling Stones immer noch nicht in China auftreten, weil ihre Texte angeblich die Ziele der Regierung untergraben. Da muss China noch recht Gas geben, wenn es das bis 2050 schaffen will. Es geht nicht nur um Demokratie, China braucht ein unabhängiges Rechtssystem, die Leute müssen sich über Missstände beschweren können. Und für ein unabhängiges Rechtssystem braucht es eben auch freie Medien und Journalisten, die die Funktion eines Regulators erfüllen. Dann würde sich etwas zu verändern beginnen. Aber wie lange das dauert, kann niemand sagen.
Dabei könnte China mit offener Kommunikation der Gefahr entgegenwirken, dass es unter der Oberfläche ständig brodelt – und der Kessel irgendwann unkontrolliert explodiert.
Genau. Und der Druck wird auch immer stärker. Ich erinnere mich noch genau an den Jahrestag der Kommunistischen Partei. In Peking fand eine riesige Parade statt, aber niemand durfte auf die Strasse oder nur auf den Balkon, um zuzuschauen. Überall hingen Plakate, auf denen stand, dass man damit rechnen müsse, erschossen zu werden, wenn man auf den Balkon geht. Überall lagen Sniper auf der Lauer. Da haben sich sehr viele Leute gefragt, was das soll: «Schliesslich ist es ja ‹Peoples Republic of China›, die Geburtstag hat – und wir sind doch Menschen. Warum müssen wir uns jetzt in unseren Zimmern verschanzen? Was stimmt da nicht?»
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie so etwas erleben? Sie arbeiten schliesslich nicht nur als Journalistin in China, sie leben dort ja auch, haben Familie, eine kleine Tochter. Haben Sie nicht manchmal ein mulmiges Gefühl?
Wenn ich als Journalistin schaue, stehe ich der Sache schon sehr kritisch gegenüber. Aber als Mensch fühle ich mich sehr wohl. Gerade mit meiner Tochter ist es super, Chinesen lieben Kinder. Mit Kindern ist es in China viel einfacher als in der Schweiz. Wenn ich mit meiner Tochter in den Park gehe, habe ich sofort alle chinesischen Mamis um mich herum, die sich alle freuen und mit der Kleinen spielen. Im Restaurant kommen sofort die herzigen Kellnerinnen und helfen Lara beim Essen, das ist wirklich sehr easy. In Zürich haben viele Restaurants noch nicht einmal
einen Kinderstuhl.
Interview: Anne-Friederike Heinrich
In Kürze
Barbara Lüthi (37) studierte in Zürich und Sydney Wirtschaft und Sprachen und startete ihre Karriere als Videojournalistin und Redaktorin für schweizerische Fernsehsender, unter anderem für das Polit- und Wirtschaftsmagazin Rundschau. 2005 erhielt sie den CNN Journalist Award für eine Reportage über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken sowie den TV-Award der Kindernothilfe Deutschland für eine Reportage über Kinderhandel an der griechisch-albanischen Grenze. 2008 wurde ihr abermals der CNN Journalist Award verliehen, diesmal für die Reportage «Landenteignung in China». Ausserdem wurde sie zum CNN Journalist of the Year ernannt. Seit 2006 lebt Lüthi mit ihrem Mann Tomas Etzler, der als China-Korrespondent fürs tschechische Fernsehen arbeitet, und ihrer zweijährigen Tochter Lara Uma in Peking.