Geht es um Onlinelösungen im lokalen Bereich, ist das Basler Projekt gleich mehrfach atypisch: Die Tageswoche erscheint auch als Printausgabe und beschränkt sich thematisch nicht nur auf das lokale Geschehen am Rheinknie, sondern beleuchtet auch das Zeitgeschehen im In- und Ausland. Und vor allem bleibt die grosszügige Finanzierung durch eine Mäzenin für andere ähnliche Vorhaben ein kaum erreichbarer Wunschtraum.
Ähnlich wie in Basel regt sich auch in der Zentralschweiz der Unmut gegenüber der Monopolsituation der dominanten Zeitung der Zentralschweiz, der Neuen Luzerner Zeitung. Ein erster Anlauf, daran etwas zu ändern, verlief vor einem Jahr im Sande: Die Reaktionen auf die Initiative zur Gründung eines Vereins IG Medienvielfalt seien «sehr durchzogen » ausgefallen, berichtete Initiant Beat Reichenbach, Verleger der Schwingerzeitung Schlussgang. In diesem Sommer hat nun der in Zug ansässige Unternehmer Nick Mijnssen die mit einem Aktienkapital von 200 000 Franken ausgestattete M. M. V. AG (Meinungen. Medien. Vielfalt) gegründet, um eine neue Onlinezeitung für die Zentralschweiz zu lancieren. Er sieht sein Engagement als Anschubfinanzierung und will nicht als Mäzen gesehen werden. Er strebt ein profitables Geschäftsmodell mit einer breit abgestützten Trägerschaft und einer unabhängigen, professionellen Redaktion an. Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten und der Start soll im nächsten Jahr erfolgen – mehr gebe es dazu derzeit nicht zu sagen, beschied er der Werbewoche.
Projekt Berner Onlinemedien
Ohne grosszügigen Wohltäter muss das Projekt Berner Onlinemedien (BOM) auskommen. Nachdem hundert Personen einem ersten Aufruf gefolgt wa- ren und sich verpflichtet hatten, sich mit 500 Franken zu beteiligen, beschloss der Trägerverein Anfang November, die Vorbereitungsarbeiten weiter voranzutreiben und die noch namenlose Zeitung im kommenden Frühling «voraussichtlich» zu lancieren. Unterstützt wird die Onlinezeitung von Journalisten, Politikern sowie Kulturschaffenden. Fünf bis sechs Journalisten sollen sich 300 Stellenprozente teilen und «aktuell und kritisch über die Berner Lokalpolitik» berichten, ohne dabei jedoch «Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben». Noch ist offen, wie das auf jährlich eine halbe Million Franken veranschlagte Budget alimentiert werden soll.
Engagierte Freiwilligenarbeit
Anfang September ist im Kanton Freiburg mit Freiburg Media ein weiteres lokales Onlineprojekt gestartet, das mit dem Ansatz engagierter Freiwilligenarbeit unterwegs und gerade deshalb bemerkenswert ist. Die Reaktionen auf die Testphase fielen positiv auf, sodass Gründer Sandro Jenny eine Version 1.0 ankündigte, die viele Feedbacks der User aufnehmen und umsetzen will. So habe man gemerkt, dass nicht vorab Tagesaktualität gefragt sei, weshalb nun auf das Wichtigste fokussiert und deshalb auf «viel Schnickschnack zugunsten der Übersicht und einer schnelleren und zugänglicheren Website verzichtet» werde. Jenny schätzt das Reichweitenpotenzial für sein Projekt im kleinen deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg auf durchschnittlich ca. 15 000 Unique Users pro Monat. Doch Freiburg Media werde «noch eine ganze Weile werbefrei bleiben». Denn die Entwicklung des Produkts sei wichtiger als Geld zu verdienen, was nur möglich sei, weil alle Beteiligten in ihrer Freizeit ehrenamtlich mitarbeiten. Jenny ist aber realistisch: «Langfristig wird das natürlich nicht funktionieren.» Die Projekte in Basel, Bern, Freiburg und in der Zentralschweiz sind die neueste Welle solcher Vorhaben, die im Netz mit Lokalinformationen auf einen grünen Zweig kommen wollen. Als eigentliches Urgestein der lokalen Onlinedienste kann der Baseler Journalist Peter Knechtli mit onlinereports.ch gelten, der sich längst einen Namen als publizistische Ergänzung zur dominanten Basler Zeitung gemacht hat. Er ging 1997 an den Start und konnte nach fünf Jahren von einem Teilzeitengagement auf einen Vollzeit-Job wechseln. Mitte des letzten Jahrzehnts legten zwei andere Lokal-Pioniere los, die ihre Projekte inzwischen an den Nagel gehängt haben. Werner Jud beschäftigte damals für linth24.ch eine Chefredaktorin samt Stellvertreter und freien Mitarbeitern. 2009 zog er den Stecker und bietet seither eine Komplettlösung für Onlinelokalzeitungen an, mit der Lizenznehmer für linth24.ch, glarus24. ch, fricktal24.ch, reuss24.ch, aare24.ch und vilan24.ch in der Bündner Herrschaft unterwegs sind. Mit dem gleichen Namenskonzept lancierten im Jahr 2006 Stefan Millius und Marcel Baumgartner von der St. Galler Kommunikationsagentur Wortwerk Medien Gmbh die Site appenzell24.ch, der bald stadt24.ch (mit Fokus auf St. Gallen), thurgau24. ch sowie die schweizweite Plattform polizeinews. ch folgten. Inzwischen sind diese Sites mehrfach verkauft und von verschiedenen neuen Betreibern mit unterschiedlichen Absichten übernommen worden. Daneben gibt es Landauf, Landab weitere lokal ausgerichtet Sites, die zum Teil schon recht in die Jahre gekommen, von unterschiedlichen Kreisen, oft aus dem Gewerbe stammend, betrieben werden. Und auch etablierte Verlage haben auf diesem Gebiet erste Gehversuche unternommen, so etwa die Aargauer Zeitung mit ihrem Local-Search-Portal a-z.ch oder 20 Minuten online mit dem im Jahr 2009 lancierten und seither kaum mehr weiterentwickelten Lokalportal.
Es würde erstaunen, wenn die jüngste Auflage lokaler Onlineprojekte in der Schweiz aus eigener Kraft (also ohne Mäzene) nachhaltig am Markt bestehen könnten. Denn ein Blick ins Ausland zeigt, dass sich dafür bisher kein tragfähiges Geschäftsmodell breit durchgesetzt hat. Dies, obwohl es seit Jahren immer wieder neue Anläufe gibt, die hoffen, den im Netz immer noch weitgehend brachliegenden lokalen Werbemarkt profitabel erschliessen zu können. Bemerkenswert ist, dass es selbst in den USA, wo in den letzten Jahren viele kleine Lokalzeitungen eingegangen sind, keine überzeugenden und weitverbreiteten Vorzeigemodelle gibt. Zum Beispiel das Patch-Netzwerk, das der Internet-Konzern AOL im Jahr 2009 übernommen und inzwischen auf 840 hyperlokale Blogs ausgebaut und dafür entsprechend viele Journalisten angestellt hat. Doch die Besucherströme sind (mit monatlich 10 Mio. Unique Users) vergleichsweise kümmerlich und entsprechend mager sind die Werbeeinnahmen – und die Investoren unzufrieden. Denn im Medienmarkt vor der Haustür stehen dem Erfolg zahlreiche Hürden im Weg, auf die auch hiesige Gründer eine Antwort finden müssen:
Inhalte, Community und Technik
Inhalte: Medienkonsumenten sind auch im Netz vor allem an den grossen Themen interessiert. Mitteilungen über die Sanierung der Abwasserleitungen im Nachbarquartier, Berichte über den Seniorenausflug und über die Eröffnung einer Ausstellung minderbemittelter Künstler aus der Umgebung sind da kaum gefragte Muss-Lektüre. Kommt dazu, dass grundlegend neue Verbreitungsmechanismen für News sich besonders gut für den lokalen Bereich eignen: Nicht länger gehen Leser zu den News (zur Zeitung), sondern die News kommen zu den Lesern. Und zwar über die sozialen Netzwerke, wo immer mehr Zeitgenossen die neuesten Fakten und Gerüchte aus ihrem unmittelbaren Lebens- und Interessenkreis ganz informell untereinander austauschen. Wer etwa im örtlichen Fussballclub mitkickt, ist über das Geschehen in der Regionalliga bestens informiert, wenn auch nur ein paar Kollegen regelmässig die neuesten Geschichten kolportieren und auf Berichte verlinken.
Community: Nur Kopf genügt nicht, es braucht Herz: Nur wenn es gelingt, das Publikum zu involvieren, zu einer Gemeinschaft in Netz zu verbinden, rückt der Erfolg im lokalen Netz in Reichweite. Dafür gibt es einen einfachen Test: Lösen Artikel einen lebendigen Gedankenaustausch in den Kommentaren aus, ist die lokale Website in der Gemeinschaft angekommen und als nützliches Vehikel akzeptiert worden. Allerdings braucht es dazu ein grundlegend anderes Berufsverständnis, als es vielen Journalisten und Redaktorinnen eigen ist, die von Medien geprägt sind, die sich immer noch vorwiegend als Einwegverlautbarungskanäle verstehen. So hat die Basler Tageswoche in ihrem Onlineauftritt zeitgemässe Dialog-Features eingebaut und es wird interessant sein zu verfolgen, ob und wie die Macher damit ein erfolgreiches Community-Building betreiben können.
Technik: Doch auch wer mit viel Herz zu Werke geht und ein Publikum auch emotional ansprechen und an eine lokale Website binden kann, muss ein Produkt bieten, das auf dem neuesten Stand ist. Und das ist zunehmend anspruchsvoll: Es braucht nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Videos. Daten müssen als Grafiken oder auf interaktiven Karten aufbereitet werden und News aus allerhand Quellen müssen automatisiert aggregiert werden. Es braucht einen Mitgliederbereich, wo sich Benutzer untereinander vernetzen können. Und selbstverständlich muss auch eine lokale Website nicht nur über mobile Endgeräte einfach zugänglich sein, sondern auch ortsbezogene Dienste anbieten, die gerade für die Werbung besonders interessant sind.
Performance-Modelle der Werbenetzwerke
Werbung: Das herkömmliche Onlineanzeigengeschäft wird auch im Lokalen künftig von User- Profilen geprägt sein, die ein immer engeres geografisches Targeting erlauben. Diese Profile werden vorab von Branchen-Schwergewichten wie Google und Facebook gesammelt, die zudem von einer Reihe von Start-ups bedrängt werden, die sich wiederum untereinander vernetzen (vgl. Werbewoche vom 23.9.2011, S. 22 ff). Will etwa eine Automarke zu Probefahrten einladen, wird sie dafür nicht ihre Vertragsgaragisten mit Inseraten in den lokalen Medien promoten, sondern entsprechende Reichweiten über User-Profile buchen, die dann bei den angeschlossenen Sites situativ ausgespielt werden. Sofern eine lokale Website sich solchen Netzwerken angeschlossen hat, kann sie von solchem Traffic profitieren, steht aber in Konkurrenz zu einer Vielzahl anderer Sites, über die ihr lokales Publikum allenfalls treffsicherer erreicht werden kann. Wer also hofft, lokale Websites dereinst mit Anzeigenerlösen lokaler Betriebe finanzieren zu können, wird sich grundlegend neu orientieren müssen. Noch haben lokale Gewerbebetriebe das Netz und die Onlinewerbung kaum für sich erschlossen, doch die Performance-Modelle der Werbenetzwerke dürften beim sparsamen Bäcker und beim kleinlichen Metzger einleuchten, da ja nur für erfolgreiche Werbung und nicht für Streuverluste bezahlt werden muss. Machen sich Gewerbebetriebe aber erst einmal auf, sich im Netz zu etablieren, werden sie ihre Kundschaft in sozialen Netzen vereinen und dort direkt ansprechen. Gerade im lokalen Bereich sind solche Werbebotschaften auch Informationen mit Newsgehalt.
Deshalb sind der Bäcker und der Metzger genau so wie der Garagier und der Baumeister als Newslieferanten in die Gemeinschaft einer Newssite einzubinden. Es wird klar: Im lokalen Onlinegeschäft wird es weiterhin Initiativen geben, die einerseits getrieben sind von der Unzufriedenheit mit der lokalen Berichterstattung in den bestehenden Medien oder die andererseits von den für das Onlinegeschäft immer noch brachliegenden Werbegelder der lokalen Geschäfte angezogen werden. Ein Durchbruch ist erst zu erwarten, wenn sich Nutzungsgewohnheiten auf breiter Basis grundlegend verändert haben, also etwa Pendlerzeitungen durch Tablets ersetzt worden sind und in den traditionsgeprägten Gewerbebetrieben eine neue, internetaffine Generation das Ruder übernommen hat. So wird in den kommenden Jahren spannend zu beobachten sein, wie sich im In- und Ausland derartige Lösungen formieren und durchsetzen und wie sie voneinander lernen und abweichen werden. Denn die Optionen sind breit: Bei der Trägerschaft und der Finanzierung (viele kleine Gönner oder einige potente Investoren), bei der technischen Infrastruktur (proprietär oder Open Source), der Inhaltsproduktion (professionelle Redaktoren oder freiwillige Kuratoren) und beim Anzeigenverkauf (Profile oder Eigenverkäufe) sowieso.
Christoph J. Walther