WW: Sie sind seit elf Jahren im Zürcher Plakatwesen tätig. Kennen Sie jede einzelne Plakatstelle?
Bernard Liechti: (lacht) Nicht jede, aber sehr viele, denn ich bin oft in der Stadt unterwegs.
Wenn wir von der Stadt Zürich reden – von welchem Gebiet sprechen wir genau?
Von der grössten und wirtschaftlich stärksten Schweizer Stadt mit rund 390'000 Einwohnern auf 88 Quadratkilometern (ohne Seeanteil) mit zwölf Stadtkreisen.
Wie sind die Plakate über dieses Stadtgebiet verteilt?
Geschätzte 6'000 Stellen stehen auf privatem, rund 2'100 auf öffentlichem Grund. Letztere wurden 2006 ausgeschrieben, der Vertrag endet am 30. Juni 2013. Bei den 2100 fixen Plakatflächen auf öffentlichem Grund handelt es sich um 460 Kulturplakatflächen im Format F4, um 414 F12-, F200- und F24- Plakatflächen für kommerzielle nationale und internationale Kampagnen. Der Rest sind Plakatflächen im Format F4 vorwiegend für nationale und lokale kommerzielle sowie nicht kommerzielle Werbung.
Das sind dieselben Zahlen wie 2006.
Ja, das Volumen und die Verteilung blieb im öffentlichen Grund in etwa gleich. Leichte Verschiebungen gibt es lediglich in der Bauwandplakatierung. Auf privatem Grund ist die Anzahl leicht rückläufig.
2006 erregte die Stadt Zürich Aufsehen, weil sie – für die Schweiz erstmalig – eine Ausschreibung in 16 Losen oder Paketen à je 40 bis 80 Plakatflächen durchführte. Die Flächen wurden ausgelost und folglich nach dem Zufallsprinzip einem der 16 Lose zugeordnet. Gab es dazu ein Vorbild im Ausland?
Nein, wir haben das Verfahren aufgrund der Situation in der Stadt Zürich entwickelt. Wir teilten das Gesamtvolumen in unterschiedliche Lose auf, weil wir wollten, dass sich mehrere und auch kleinere Firmen an der Ausschreibung beteiligen konnten.
Waren effektiv alle Stellen in einem Topf drin –oder gab es eine Art Vorselektion?
Es gab verschiedene Töpfe, doch die kommerziellen Stellen F12, F200 und GF wurden nach dem Zufallsprinzip zugeteilt. Die Kultur- oder Politplakatflächen, die von den Anbietern als Dienstleistung bewirtschaftet werden müssen, wurden auf zwei Lose verteilt. Ein Los beinhaltete sogenannte Sonderstellen F4 im Umfeld von Haltestellen und zwei Lose enthielten neben den kommerziellen F4-Flächen die Polit- und Kulturplakatierung. Ein weiteres Los umfasste die Bauwandplakatierung. Für 15 Lose mussten jährliche Fixabgaben geboten werden. Für Plakate auf Bauwänden galt es, einen Anteil am Umsatz anzubieten.
Machen Lose mit Stellen, die über die ganze Stadt verteilt sind, logistisch und ökologisch Sinn? Anders gefragt: Warum verteilten Sie die Stellen nicht nach Quartieren?
Für einen kleinen Anbieter, der etwas Neues aufbaut, könnte es tatsächlich einfacher sein, wenn er nur in einem Quartier seine Plakate aushängen könnte. Jedoch funktioniert der Markt anders. Werbekunden wollen mit ihren Kampagnen auf dem ganzen Stadtgebiet präsent sein. Den ökologischen Aspekt – der an Bedeutung gewonnen hat – müssen wir künftig genauer ansehen. Bei der letzten Ausschreibung war er weder bei der Ausschreibung noch bei der Vergabe ein Kriterium.
Hatten Sie zuvor bei den Plakatfirmen sondiert, ob sie das Neukonzept goutieren, oder stellten Sie sie vor Tatsachen?
Wir luden vorher alle bekannten Firmen zu einem Workshop ein, an dem wir ihnen die Interessen und die Absichten der Stadt kommunizierten und diskutierten.
Vor der Ausschreibung 2006 hatte Zürich während 14 Jahren einen Konsortialvertrag mit der APG. Sie war verpflichtet, einen Teil der Flächen an Dritte abzutreten, egal in welchem Umfang. Zum Zug kam vor allem Clear Channel Schweiz (CCS). Auch diese Kooperationsform war einzigartig in der Schweiz. Warum gaben Sie dieses Modell damals auf?
Ich kann festhalten, dass die Stadt mit der Konsortiallösung weitgehend gute Erfahrungen gemacht hat. Trotzdem kam die Stadtverwaltung zum Schluss, dass es Vorteile hat, die Firmen mit direkten Verträgen einzubinden.
APG und CCS waren damals wegen der Plakatforschung zerstritten. Hat dies Ihren Systemwechsel beeinflusst?
Das kann ich so nicht bestätigen.
Neu an Ihrer Ausschreibung 2006 war, dass die interessierten Anbieter nur ein Geldangebot offerieren mussten. In anderen Städten müssen sie meist auch mit einem Plakatierungskonzept überzeugen.
Wir verzichteten auf ein Konzeptangebot, weil wir mit den konzeptionellen Gestaltungsvorgaben gut aufgestellt waren und weil sich an der Anzahl Flächen und an deren Verteilung kaum etwas geändert hatte. Dennoch nahmen wir die Ausschreibung zum Anlass, unser Plakatierungskonzept GK92 zu aktualisieren und den veränderten Bedingungen anzupassen.
2006 haben zehn Anbieter mit geboten – am Schluss erhielten die Meistbietenden den Zuschlag: Die APG bekam zwölf und CCS vier Lose. Waren diese zwei nicht im Vorteil, weil sie zuvor schon zugelassene Plakatierer waren?
Die bisherigen Anbietenden hatten 2006 einen gewissen Startvorteil. Um diesen Vorteil für die nächste Ausschreibung auszugleichen, wurde die Laufzeit der geltenden Verträge auf fünf Jahre beschränkt. Um den bisherigen Plakatunternehmen keinen Startvorteil zu verschaffen, wurde bei der Vorbereitung der Ausschreibung von 2006 entschieden, dass das Eigentum an den Plakatwerbeträgern mit dem Ablauf des geltenden Vertrags an die Stadt Zürich fällt.
Auch dieser Punkt war einzigartig. Wird die Stadt somit ab 2013 eine neue Abteilung aufbauen, die künftig das Stadtmobiliar unterhält?
Nein. Es ist geplant, den Unterhalt und die Bewirtschaftung der Träger an die Pächter zu übertragen – wie bei jeder anderen Mietsache, die man zur Nutzung für einen bestimmten Zeitraum überlässt.
Andernorts machte diese Idee nicht Schule. Wie erklären Sie sich das?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin aber überzeugt, dass es für die Stadt Zürich eine Lösung ist, die grosse Vorteile bietet.
Die APG sprach sich seit 2006 immer wieder dagegen aus, während sich CCS positiv dazu äusserte.
Die APG hat seinerzeit die Vertragsbedingungen akzeptiert.
Ein weitere Neuheit an Ihrem damaligen Vorgehen: Zürich verlangte – anders als sonst üblich – keine umsatzabhängige, sondern bloss eine fixe Abgabe. Warum?
Der Hauptvorteil von Fixabgaben besteht einerseits im geringeren Controllingaufwand für die Stadt und andererseits in den budgetierbaren Einnahmen. Schwankungen gibt es einzig im Bereich Megaposter, doch diese sind nicht Teil der Konzessionen.
Weshalb?
Megaposter haben andere Gesetzmässigkeiten, ihre Zahl schwankt von Jahr zu Jahr stark. Ich würde sie sogar als Indikator für die Wirtschaftslage bezeichnen: Ihre Zahl hängt einerseits stark von der Bautätigkeit und andererseits – und dies im verstärktem Masse – von der Konjunkturlage ab. Läuft die Wirtschaft schlecht, wirkt sich dies auf diese Art Werbekategorie direkt aus.
Wie viel Geld hat denn nun die Stadt mit den neuen Konzessionen jährlich eingenommen?
Insgesamt sind es 2,2 Millionen Franken jährlich, inklusive Naturalleistungen, also die Kultur- und Politplakatierung – nicht eingerechnet sind aber die Einnahmen durch Magaposter.
Ab 2008 kamen die Krisenjahre und APG und CCS stöhnten unter den (fixen) Konzessionsabgaben. Das kann ja auch den Stadtbehörden nicht egal sein.
Wie die Situation aus Sicht der Firmen aussah, kann ich nur bedingt beurteilen. Aber eine Abgabe über fünf Jahre abschätzen zu können, ist für die Anbieter Teil des unternehmerischen Risikos. Zudem ist zu bedenken: Läuft die Konjunktur gut, ist dies eher zum Vorteil der Firmen. Über die gesamte Vertragsdauer dürfte sich das ausgleichen.
Ist es richtig, dass die 2,2 Millionen Franken 30 Prozent höher sind als die durchschnittlichen Abgaben im vorherigen Konsortialvertrag?
Ja, die Grössenordnung stimmt in etwa. Ich gehe davon aus, dass die Stadt von der Submission ein gewisses Mindestgebot erwartete. Wir haben keinen Mindestbetrag vorgegeben. Aber es war das Ziel, mindestens gleich viel Abgaben zu erhalten wie in den Jahren zuvor.
Heute gibt es für Plakatstellen Reichweitenzahlen vom Plakatforschungssystem SPR+. Konsultieren Sie diese Zahlen – und fliessen sie in die nächste Ausschreibung ein – etwa zur Bewertung der einzelnen Stellen?
Bisher haben wir diese Zahlen nicht konsultiert. Sie sind für uns nur von bedingter Relevanz. Die Werbewirkung ist nur einer von mehreren Aspekten, die es zu berücksichtigen gilt. Für die Bewilligung von Plakatwerbestellen sind die bau- sowie verkehrsrechtlichen Vorgaben primär.
Weil man in Deutschland heute den Wert einer Plakatpacht wesentlich höher einschätzt als noch vor wenigen Jahren, verlangen die Städte aktuell massiv höhere Abgaben. Wird es in Zürich auch in diese Richtung gehen?
Wir werden die Pacht wohl wieder öffentlich ausschreiben – und dabei den Markt spielen lassen. Dass wir aber höhere Abgaben verlangen können, als der Markt durch die Submission ergibt, halte ich persönlich für nicht realistisch.
Aber auch im Schweizer Vergleich erscheint die Zürcher Pacht recht günstig.
Ich kenne die Zahlen anderer Städte nicht.
Luzern zum Beispiel erhält für seine 250 Plakatstellen auf öffentlichem Grund jährlich mindestens eine Million Franken, also 4'000 Franken pro Stelle. Zürich hingegen erhält für seine 2100 Stellen je gerade mal 1'050 Franken.
Sie vergleichen wohl nicht Gleiches mit Gleichem. Ihre Rechnung entspricht lediglich einem Durchschnittswert über alle Flächen. Es ist zu beachten, dass Zürich einen sehr hohen Anteil an vergünstigten F4-Flächen aufweist und beim Gesamtbetrag die Bewirtschaftung der Kultur- und Politplakate mit eingerechnet sind. Auf den kommerziellen Flächen erwirtschaftet die Stadt Zürich aufgrund der öffentlichen Ausschreibung angemessene Abgaben.
Mit den vergünstigten F4-Flächen unterstützt die Stadt das lokale Gewerbe. Entspricht dies einer gesetzlichen Vorgabe?
Nein. Dies hat jedoch eine lange Tradition. Ein grosser Anteil der F4-Flächen ist deshalb mit einem Höchsttarif belegt.
2006 schloss die Stadt Zürich wie gesagt sowohl mit der APG als auch mit CCS je einen direkten Vertrag ab. Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden in den letzten Jahren?
Die Zusammenarbeit ist gut. Die Verträge werden von beiden Seiten eingehalten.
Und wie hat sich rückblickend der ganze Systemwechsel aus Sicht der Stadt ausgewirkt?
Die direkte Kommunikation mit beiden Partnern ist sicherlich ein Vorteil. Positiv ist auch der geringere Verwaltungsaufwand, was nicht zuletzt auch den Steuerzahlenden zugute kommt.
Und Nachteile?
Es gibt kaum Nachteile. Wir machten und machen mit dem System durchwegs gute Erfahrungen.
Hat 2006 niemand gegen die Konzessionsvergabe rekurriert?
Doch, einer der unterlegenen Bieter machte eine Einsprache, was dazu führte, dass die neuen Verträge nicht wie vorgesehen per 2007, sondern ein Jahr später in Kraft treten konnten.
Werden Sie bei der Ausschreibung 2012 wieder nach demselben Modell verfahren?
Das ist noch offen. In den nächsten zwei bis drei Monaten werden wir die Erfahrungen auswerten, die aktuelle Situation analysieren und das weitere Vorgehen festlegen.
In der Schweiz hat sich das Zürcher System mit der Ausschreibung in Losen und der Berücksichtigung von mehr als einem Konzessionär bisher nicht durchgesetzt. Warum nicht?
Nicht alles, was in Zürich gemacht wird, muss andernorts übernommen werden. (lacht)
Aber andernorts, etwa in Genf, Luzern und Basel, dauerten die Rechtshändel wesentlich länger. Gab es denn nie Anfragen aus anderen Kantonen?
Es gibt einen losen Austausch. Vor allem unter den grossen Deutschschweizer und einigen deutschen Städten. Man tauscht punktuell Erfahrungen aus und schaut, was sich bewährt hat, was nicht und ob es in diesem Bereich Innovationen gibt.
Letztes Jahr kam es an der Spitze der beiden grossen Plakatanbieter zu einem Wechsel: Jürg Rötheli ist neuer CEO von CCS, Daniel Hofer bei der APG. Haben Sie sich schon mit ihnen getroffen?
Ja.
War eine Klimaveränderung zu spüren?
Ich nahm wahr, dass beide weniger auf Quantität und mehr auf Qualität setzen.
Das kommt Ihnen entgegen.
Es kommt darauf an, wie man Qualität definiert (lacht). Die Stadt definiert Qualität im Hinblick auf ein gepflegtes Stadtbild und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Die Aussenwerbeindustrie hingegen definiert sie aufgrund der Kundenwünsche. Das führt ab und zu zu einem Zielkonflikt.
Für die künftige Ausschreibung wird es wesentlich sein, in dieser Frage eine gemeinsame Linie zu finden. Wie gehen Sie vor?
Einerseits werden wir die konzeptionellen Vorgaben überprüfen und in einem zweiten Schritt die Anspruchsgruppen begrüssen.
APG und CCS möchten künftig im Outdoorbereich tonlose digitale Screens aufstellen. CCS zum Beispiel plant ein Pilotprojekt. Wird Zürich dazu Hand bieten?
Diesbezüglich sind wir im Gespräch mit beiden Anbietern, und wir sehen durchaus ein qualitatives Potenzial für dieses neue Medium, vor allem wenn dadurch sogenannte Scroller oder Plakatwechsler ersetzt werden oder andere das Stadtbild belastende Anlagen abgebaut werden könnten. Denn mit digitalen Plakaten könnten im einen oder anderen Fall für das Stadtbild verträglichere Lösungen realisiert werden.
Inwiefern verträglicher?
Die schnelle Wechselbewegung insbesondere von Scrollerwerbung kann im öffentlichen Raum sehr störend sein.
Interview: Markus Knöpfli