Das Zeitalter der PIN-Daten beginnt. Dieser euphorische Satz stand über einer Offerte, die die Mediapulse-Tochterfirma Publica Data (PDAG) Ende April 2011 den Media-Agenturen und TVVermarktern vorlegte – eine Offerte für den Bezug der «personenindividualisierten Nutzungsdaten» (PIN) aus der TV-Forschung, samt GfK-Auswertungs- Tool EvoAd. Den Start des neuen «Zeitalters» legte die PDAG auf den 1. Juli 2011 fest. Corinna Schneider, bei der PDAG eigens als Senior Project Manager für PIN-Daten und EvoAd-Verkauf angestellt, weibelte, was sie konnte. Ihr Auftrag war es, genügend Agenturen und Vermarkter zu finden, die den Vertrag für PIN-Daten und EvoAd-Tool rechtzeitig unterschreiben und den Schritt ins neue Zeitalter wagen wollten. Wie viele es mindestens sein müssten, wollte Mediapulse-CEO Manuel Dähler zwar nicht genau beziffern, er sprach aber von «weniger als zehn».
Weiter im Text – ohne PIN-Daten
Doch als sich die Werbewoche letzte Woche bei Mediapulse, Agenturen, Vermarktern und der Interessengemeinschaft Elektronische Medien (IGEM) nach den ersten Erfahrungen mit PIN-Daten erkundigen wollte, fand sich von einem neuen Zeitalter nicht die geringste Spur. Im Gegenteil: Alle Agenturen arbeiten weiterhin mit den bisherigen, aggregierten TV-Daten und dem alten Publisuisse-Tool Mediaoptimizer. Der Grund: Die Nachfrage nach dem PDAG-Angebot war zu gering, es habe «mehr als ein Interessent gefehlt», sagte Dähler. Andernorts ist zu hören, dass die PDAG höchstens zwei oder drei wirkliche Interessenten gefunden habe. Fest steht: Bisher wurden noch überhaupt keine PIN-Daten ausgeliefert.
Der Flop der PDAG-Offerte kann nicht erstaunen. Denn bei Tests vor einem Jahr hatte sich herausgestellt, dass das von der GfK aufwändig entwickelte Tool EvoAd bloss als Reporting-Instrument taugt, mit dem die Vergangenheitswerte der TVProgramme vertiefter als bisher ausgewertet werden können. Doch für eigene Prognosen, Planungen, Optimierungen und Kontrollen war es nur bedingt geeignet. Zudem verlangt die PDAG für eine Jahreslizenz 19 000 Franken – das Achtfache dessen, was die Agenturen heute für die aktuellen Planungs- Tools TC2000, Mediaoptimizer und Publiplan be- zahlen (rund 2'300 Franken jährlich – inklusive Daten). «Für den Reportingteil alleine sind die Kosten doch sehr hoch», konstatiert denn auch IGEM-Präsident Stephan Küng.
Trotz Rückschlag ein neuer Hoffnungsschimmer
Damit geht die Thematik PIN-Daten nach Jahren der Pannen und Verzögerungen erneut in eine weitere Runde. Denn nun haben die beiden TV-Vermarkter Publisuisse (SRG) und Goldbach Media (Schweizer und ausländische Privatsender) in Abstimmung mit der IGEM und Mediapulse und unter Einbezug der anderen Vermarkter den Lead übernommen, um nun Werbeplanungs-Tools zu evaluieren. «Diese werden uns in der nächsten Zeit präsentiert, und wir werden erste Tests machen», sagt dazu Publisuisse-Direktor Martin Schneider. Abhängig von den verfügbaren Tools und von den ersten Testresultaten werde sich dann zeigen, ob man in Zukunft auf ein «All in»-Tool (von der Prognose bis zum Reporting) setzen wird oder auf ein reines Planungs-Tool, das mit entsprechenden Tools ergänzt werden muss.
Mediapulse, bleib bei deinen Leisten!
Die Arbeitsgruppe, welche die Tools testen wird, soll in enger Koordination mit der IGEM die Tool-Anforderungen und die Marktbedürfnisse evaluieren. Dabei sollen Spezialisten aus den verschiedenen Anwendungsbereichen (z.B. Agenturen für die Planung, Vermarkter für die Prognosen) in die Arbeitsgruppen delegiert werden. Dies bedeutet aber auch eine neue Rollenverteilung zwischen Vermarktern und Mediapulse. Dies sagen sowohl Küng als auch Schneider. Konkret soll sich Mediapulse künftig darauf konzentrieren, ein Panel zu betreiben und TVNutzungsdaten zu erheben, während die TV-Vermarkter die für die Werbewirtschaft geeigneten Tools besorgen und betreiben. «Dahinter steht die Auffassung, dass im TV-Markt das Bereitstellen der Daten vor allem im Interesse der Vermarkter liegt, so wie dies im Print- oder Plakatbereich schon lange der Fall ist», sagt Küng. Und dann fügt er hinzu: «So haben wir nun endlich auch in Bezug auf die TVDaten die richtige Rollenverteilung.»
Alles wartet auf Mediapulse
Im Moment schaut aber die ganze TV-Branche auf Mediapulse. Denn d Martin Schneider ort hat man in den letzten Monaten unter den drei Anbietern Kantar Media, Nielsen und GfK ein neues TV-Messsystem evaluiert, das das bisherige Telecontrolsystem voraussichtlich ab 2013 ablösen soll (siehe Kasten). Der Entscheid für das Nachfolgesystem wird noch im Dezember erwartet. Das neue System wird aber auch Einfluss auf die Wahl der künftigen Auswertungs- und Planungs- Tools haben. «Weil das neue Messsystem ja auch eine neue Generation PIN-Daten liefern wird, macht es Sinn, die Evaluation des Prognose- und Planungs- Tools darauf abzustimmen», meint Schneider. Und weiter: «Der Entscheid für das neue Messsystem ist deshalb der nächste entscheidende Meilenstein auf dem Weg zur TV-Planung mit PIN-Daten. Die PINDaten sind somit automatisch ein Sub-Projekt im Zuge der Ablösung des heutigen TV-Messsystems.» In den nächsten Monaten entscheidet sich also, ob die neue Tool-Landschaft wie geplant per 2013 bereit stehen wird. Wenn nicht, verzögert sich auch die Einführung der PIN-Daten. Mit einer Verschiebung per 2014 ist aber ohnehin zu rechnen. Denn sollte die Planung mit PIN-Daten schon ab 2013 möglich sein, setzt voraus, dass ein entsprechendes Tool schon im Mai oder Juni 2012 zur Verfügung steht, damit die Agenturen und Vermarkter bis zur Buchungseröffnung im Herbst 2012 noch üben können. «Das Timing für eine Einführung auf 2013 ist sicherlich eng. Zudem ist noch unklar, wie genau der Übergang von den ‚alten’ zu den ‚neuen’ Daten vonstattengehen wird», meint Stephan Küng. Markus Knöpfli
Heutiges Panel misst rund 8 Prozent der TV-Nutzung nicht
Ende Mai hat Mediapulse angekündigt, das TV-Panel namens Telecontrol per 1.1.2013 zu erneuern. Der Grund: Das aktuelle TV-Panel, das schweizweit 1'918 Haushalte unter Messung hat, kann zeitversetztes Fernsehen nicht messen, was gemäss Mediapulse- CEO Manuel Dähler gegen 7 Prozent der gesamten TV-Nutzung ausmacht. Auch Web-TV (Live-Streaming etwa via Zattoo oder Wilmaa) wird nicht ausgewiesen, wobei TV derzeit nur etwa zu 1 Prozent über diesen Vektor genutzt wird. Mediapulse will aber mit dem neuen Panel gleich beide Messlücken schliessen. Für die Investition in die Panelerneuerung rechnete Dähler «mit einem einstelligen Millionenbetrag».