Es ist wieder so weit: Die Wintersportorte rühren kräftig die Werbetrommeln für ihre Angebote. Im TV-Spot von Schweiz Tourismus verspricht «Wetterschmöcker» Martin Horat einen schneereichen Winter. Davon ist allerdings noch nicht viel zu spüren. Von Bildern wie demjenigen oben können viele Regionen nur träumen. Die Schweiz erlebt den trockensten November seit Messbeginn vor 130 Jahren. Die Klimaerwärmung ist allerdings nur eine Herausforderung, mit der die hiesige Tourismusbranche zu kämpfen hat. Neben der Globalisierung, im Zuge derer die Angebote immer austauschbarer werden, leidet der viertstärkste Exportzweig der Schweizer Wirtschaft aktuell vor allem unter dem starken Franken und der allgemein miesen Konsumstimmung. Entsprechend rechnet das BAKBASEL für die angelaufene Wintersaison mit einem Rückgang der Logiernächte um insgesamt 2,6 Prozent. Dabei werde die ausländische Nachfrage um rund 4,2 Prozent einbrechen, der Bin¬nenmarkt um 0,4 Prozent. Um diese Entwicklung etwas aufzufangen, reagiert Schweiz Tourismus mit einer Aufstockung der Marketingaktivitäten für die aktuelle Saison (s. Interview).
Betrachtet man die Schweizer Tourismuslandschaft einmal etwas genauer, fällt vor allem die enorme Dichte an touristisch genutzten Marken auf. Jede Region, jede Destination und jede Gemeinde verfügt über ein eigenes Logo, einen eigenen Slogan und einen eigenen Webauftritt. Etwas, das gemäss Urs Wagenseil, Leiter «Tourismus» am Institut für Tourismus der Hochschule Luzern, nicht viel Sinn macht. Eine Kräftebündelung sei notwendig, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die sogenannte Destinationsbildung ist denn auch seit Längerem im Gang. Ein notwendiger, aber auch sehr emotionaler Prozess, wie Wagenseil betont. «Man muss davon Abstand nehmen, dass eine geografische Bezeichnung auch eine Marke ist», sagt der Experte. Die eigene Ortsbezeichnung nicht mehr verwenden zu können auf einem Prospekt oder im Internet, ist für viele eine Art Identitätsverlust. Dies sei einfacher zu verstehen, wenn man sich die Entstehung des Tourismus in Erinnerung rufe: «Der Radius des Gastes war vor 100 bis 150 Jahren sehr kleinräumig. Entsprechend hat jedes Dorf, jede Talschaft ein eigenes Tourismusprodukt aufgebaut. Deshalb haben wir heute auch mehre Hundert geografische Bezeichnungen, die wie touristische Marken genutzt werden.» Diese Strategie habe bis etwa Anfang der 90er Jahre auch funktioniert. Dann sei der Tourismus durch die Globalisierung stark unter Druck geraten.
Konkurrenzsituation neu analysieren
Entsprechend wichtig, so Wagenseil weiter, sei es, die Konkurrenzsituation neu zu betrachten. Vielfach wird der bestehende Gästekuchen in einer Talschaft unter den verschiedenen Ortschaften aufgeteilt. Wer mehr Anteil will, erreicht dies nur auf Kosten eines anderen. Dies sei eine schlechte Stra¬tegie, ist Wagenseil überzeugt. «Die Idee des Zusam¬menschlusses sollte sein, dass in erster Linie der Kuchen vergrössert wird. Dann erscheint unter den Konkurrenten nicht mehr das Nachbardorf, sondern mindestens die nächste Talschaft, der nächste Kanton oder sogar das nächste Land.» Für die ein¬zelnen Destinationen zeigt sich damit ein klarer Nutzen: Das Marketingbudget wird erhöht bei einer anteilsmässigen Senkung der Kosten für die involvierten Partner. «Durch die Destinationsbildung erreicht eine Organisation oft auch die erforderliche Grösse, die für eine Spezialisierung der Mitarbeiter und damit eine nachhaltig gewinnbringende Professionalisierung erforderlich ist», erklärt Daniela Bär. Zudem erleichtert die Kräftebündelung auch die Arbeit von Schweiz Tourismus, also die weltweite Vermarktung der Schweiz als Ferien-, Reise-und Kongressland. «Durch einen Zusammenschluss tou¬ristischer Leistungsträger lässt sich eine einheitli¬che Marke etablieren, mit klar erkennbarem Profil und eindeutig zuordenbaren Werten.» Die Angebots-und Dienstleistungsketten für die jeweiligen Gästesegmente könnten dadurch aufeinander abgestimmt und im Marketingmix individuell ausgestaltet werden. Dies nicht zuletzt, so Bär weiter, wegen der gesteigerten Unabhängigkeit von historisch gewachsenen politischen Grenzen.
Die erfolgreiche Vermarktung einer Destination, ist sie einmal gebildet, beginnt längst vor dem Marketing. Urs Wagenseil: «Sie beginnt bei der Definition des Entwicklungsziels. Was will die Destination auf einem mittel-bis langfristigen Zeithorizont.» Danach müsse gemeinsam mit den Stakeholdern der Destination eine Tourismusstrategie inklusive strategischer Geschäftsfelder festgelegt werden. Und: «Das operative Marketing im Destinationsbereich ist extrem komplex. Entsprechend braucht es kompetente Leute. Erfolg bringt das Destinationsmarketing aber nur, wenn ich auch adäquate Ressourcen zur Verfügung stellen kann.» Weiter sei ein gutes Controlling-System unabdingbar. Es reiche nicht, lediglich die Logiernächteentwicklung auszuwerten.
Unterstützung in der Vermarktung erhalten die Destinationen auch von Schweiz Tourismus. Im Rahmen des Projektes «Enjoy Switzerland» werden die Verantwortlichen in Bezug auf Angebotsentwicklung und Erlebnisinszenierung gecoacht. Zudem haben die Regionen und Destinationen innerhalb der Kampagnen-und Märkte-Partnerschaften die Möglichkeit, zu attraktiven Konditionen an gemeinsamen Marketingaktivitäten im In- und Ausland teilzunehmen. Daniela Bär: «Das breite internationale Netzwerk von Schweiz Tourismus ermöglicht eine Vielfalt von Kooperationsmöglichkeiten in den Bereichen Promotion, E Marketing, Medienarbeit und der Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern.»
Bescheidene Wahrnehmung in der Politik
Strukturveränderungen in Richtung grössere, schlagkräftigere Einheiten, eine Kompetenzsteigerung in Führung, Strategie, Marketing und Finanzen sowie eine massiv optimierte Positionierung und die Erarbeitung einer klaren Markenpolitik sieht Wagenseil als grösste Herausforderungen im Destinationsmarketing. Destinationen, die diese Hürden erfolgreich gemeistert haben, sind für den Tourismus-Experten der Gesamtkanton Luzern, Engadin St. Moritz, Gstaad Saanenland und Mont¬reux Vevey. «Ein sehr guter Case könnte auch der Kanton Uri werden. Dieser hat auch sehr viele kleine Verkehrsvereine, die im Rahmen einer neuen Strategie reorganisiert werden», so Urs Wagenseil. Daneben gäbe es aber noch sehr viele Regionen und Orte, die diesen Restrukturierungs-und Konsolidie-rungsprozess noch nicht vollzogen hätten. Aber nicht nur strukturell besteht noch Verbesserungspotenzial im Tourismusland Schweiz. Daniela Bär sieht dieses unter anderem im Angebotsbereich: Die Sommersaison müsse weiterentwickelt werden. Zu¬dem müsse die Qualität im mittleren Hotellerie-Bereich konsistent gesteigert werden. Eine Schwä¬che des Gesamtproduktes Schweiz ist gemäss Urs Wagenseil die bescheidene Wahrnehmung der Be-deutung des Tourismus in der Wirtschaft, der Bevölkerung und auf politischer Ebene. «Die Tourismusbranche ist keine homogene Masse, deshalb gibt es auch keine Lobby wie in anderen Wirtschaftszweigen.» Immerhin sprach das Parlament Schweiz Tourismus für die Periode 2012 bis 2015 10 Prozent mehr Budget zu als noch vor vier Jahren. Und es greift der Vermarktungsgesellschaft mit einem einmaligen Zuschuss von 12 Millionen Franken unter die Arme. Simone Fankhauser
«Wir haben ein Franken-, kein Produktproblem»
WW: Der starke Franken und die unsichere Weltwirtschaft sind nach wie vor eine Herausforderung. Das BAKBASEL rechnet für die kommende Wintersaison mit einem Rückgang der Auslands-nachfrage um 4,2 Prozent, im Inland mit einem Minus von 0,4 Prozent. Wie begegnet Schweiz Tourismus (ST) dieser Problematik?
Daniela Bär: Wir intensivieren die Aktivitäten und investieren deutlich mehr Mittel ins Wintermarketing. Mit den Mitteln aus dem aktuellen Impulsprogramm sind für den Markt Schweiz Massnahmen geplant, welche die Buchungszahlen direkt beeinflussen sollen. Zum Beispiel eine spezielle Winterbroschüre mit hohem Mood-Anteil und attraktiven Angeboten unserer Winter-Partner. Diese Publikation vertreiben wir Anfang 2012 über publikums-starke Titel. Ein starker Franken verlangt nach starken Angeboten. Und davon gibt es in der Schweiz eine ganze Menge: Auf MySwitzerland.com/preiswerteschweiz haben wir Ideen und Angebote für Preisbewusste gesammelt.
ST hat ein eigenes Kompetenzzentrum für Social-Media-Marketing geschaffen. Welche Vorteile bietet dieser Kanal für die Vermarktung der Schweiz?
Das meistverbreitete und glaubwürdigste Marketinginstrument des Tourismus ist und bleibt die persönliche Weiterempfehlung. Social Media eignen sich hervorragend, um persönliche Erlebnisse weiterzutragen, weit über die Möglichkeiten der Mundpropagandamethode hinaus. Gute persönliche Erfahrungen erhalten dadurch Flügel. Dies zu stimulieren, ist die hohe Kunst des Social-Media-Marketings. Das ST-Kompetenzzentrum für Social Media ist ab 2012 im Einsatz, denn der digitale Kommunikationsfluss mittels sozialer Netzwerke ist in unserem Marketingmix nicht mehr wegzudenken. Mit interaktiven Apps zum Beispiel, personalisiert und emotional ausgerichtet, schafft man eine tiefe Kundenbindung.
Welches sind die wichtigsten Kommunikationskanäle von ST?
Die stärksten Kanäle, über die sich unsere Gäste über die touristische Schweiz informieren, finden sich on-wie auch offline: der Webauftritt MySwitzerland.com, die ST-Broschüren zu den Haupt-und Produktkampagnen, die weltweite Medienarbeit sowie der Auftritt an Messen. Diese Kanäle wirken, und zwar alle auf ihre Weise – je nach Herkunftsmarkt, je nach Gästesegment.
Gab es in der jüngeren Vergangenheit Verschiebungen innerhalb des Marketingmix?
Ja, wir sind weggekommen von den «dicken» Print-Broschüren und investieren dafür mehr in die Entwicklung von digitalen Formaten, wie beispielsweise iPad-Broschüren.
ST muss das Ferienland Schweiz im In- und Ausland vermarkten. Stimmt das Produkt Schweiz?
Ja, das touristische Produkt Schweiz stimmt insgesamt. Wir haben primär ein Franken-, kein Produkt¬problem. Das heisst aber nicht, dass wir uns damit begnügen und stehenbleiben dürfen. Das Arbeiten an der Qualität ist ein nie vollendeter Prozess – das gilt insbesondere für die Schweiz: Da sie sich nur über den Erlebniswert und nicht über den Preis positionieren kann, sind wir bei der Leistung gefordert, dem Gast immer das Maximum zu bieten. Dieses Streben muss uns stets begleiten.
Wo sehen Sie für die Zukunft die grössten Heraus¬forderungen in der Vermarktung dieses Produktes?
Die grösste Herausforderung liegt in der weiterhin erfolgreichen Positionierung des Schweizer Som¬mers. Denn hier ist die Konkurrenz der Feriendestinationen am Mittelmeer deutlich stärker als im Winter. Als zweite Herausforderung sehen wir die konsistente Steigerung der Qualität im mittleren Hotellerie-Bereich. Hier besteht noch immer Poten¬zial für Verbesserung – und diese ist keine Chance, sondern eine Notwendigkeit.
Interview: Simone Fankhauser