Wenn eine Media-Agentur ihre Inserate direkt bei den Verlagen bucht und diese Aufgabe nicht bequem von der Publicitas erledigen lässt, fällt ihr ein Mehraufwand an – nicht nur beim Buchen, sondern auch beim Controlling und Abrechnen. 2005 begann Tamedia deshalb damit, Grossagenturen und Grosskunden, die bei Tamedia-Titeln direkt buchten, für diesen Mehraufwand zu honorieren, indem der Verlag ihnen eine Direktbuchungsentschädigung (DBE) gewährte. Dies geschieht bis heute, indem Tamedia den Kunden jährlich einen bestimmten Prozentsatz des gebuchten die DBE-Volumens rückerstattet.
Ziel: Die Publicitas umgehen
Tamedia führte die DBE natürlich nicht aus Uneigennützigkeit ein, sondern im Nachgang zum Entscheid der NZZ-Gruppe, ab 2005 ihre Titel in Publicitas- Regie zu geben. Tamedia befürchtete, in der Folge als Eigenregie-Titel von der Publicitas benachteiligt zu werden. Die neue DBE sollte deshalb die Agenturen motivieren, die Publicitas zu umgehen und direkt mit Tamedia in Kontakt zu treten. Mit zwei Vorteilen für Tamedia: Der Verlag kam so zu mehr direkten Kundenkontakten. Und mit jedem direkt disponierten Inserat spart er sich die Inseratekommission, die er der Publicitas gemäss Kommissionierungsvertrag zahlen müsste. Es handelt sich dabei um jährliche Millionenbeträge, die umgekehrt der Publicitas entgingen und entgehen. Dies war aber nur der Anfang. Andere Eigenregie-Verlage führten bald ebenfalls eine DBE ein. Viele weitere Verlage lösten sich zudem aus der P-Regie – wobei ihnen die neue DBE-Idee diesen Schritt erleichterte. Problematisch ist bis heute, dass die Verlage mit der DBE bloss einen Kanal- Kampf lancierten: Direktes Buchen gegen das Buchen via Publicitas. Marktanteile können so kaum gewonnen werden.
Verlage haben höchst unterschiedliche Ansätze
So sehen die konkreten DBE-Angebote aus: Tamedia und Tamedia Publications Romandes (bisher Edipresse Suisse) gewähren je separat 1,5 Prozent auf das gebuchte Volumen – bei einem jährlichen Mindestumsatz von einer Million Franken pro Sprachregion. Wird das Volumen des Vorjahres in einer Sprachregion überschritten, erhält der Kunde dort auf das Mehrvolumen 2 Prozent. Während die DBE in der Romandie für alle Westschweizer Tamedia-Titel gilt, sind in der Deutschschweiz Buchungen im Tagblatt der Stadt Zürich ausgenommen, hält Konzern- Sprecher Christoph Zimmer fest. Buchungen beim Landboten und beim Winterthurer Stadtanzeiger sind hingegen ebenfalls miteinbezogen. Auch Ringier kennt seit einigen Jahren eine DBE, diese wurde aber per 2010 deutlich erhöht. Ursprünglich betrug sie 1 Prozent, galt in 15 Titeln und setzte ein Mindestvolumen von einer halben Million Franken voraus. Seit einem Jahr erhalten nun Kunden ab einem Volumen von 2 Millionen Franken 1,5 Prozent. Und wer seinen Vorjahresumsatz übertrifft, erhält auf den Mehrumsatz gar 4 Prozent. Die AZ Medien wiederum bietet 1,5 Prozent auf alle ihre Zeitungen und Special-Interest-Zeitschriften, bei einem Mindestumsatz von 500 000 Franken pro Jahr. Dasselbe Angebot kennt Axel Springer Schweiz auf alle ihre Titel. Ebenfalls 1,5 Prozent offeriert die Basler Zeitung Medien auf die drei Titel Basler Zeitung, Baslerstab und Vogel Gryff, sie verlangt aber kein Mindestvolumen. Darauf verzichtet auch der Walliser Bote. Er gewährt die DBE von 1,5 Prozent jedoch nur, wenn er als Einzeltitel gebucht wird. Wird er im Rahmen eines Zeitungskombis berücksichtigt, fällt dies nicht unter die DBE.
In Sachen DBE ist nach wie vor Vieles in Bewegung. Derzeit wird etwa bei Kimedia für neun Titel der Konsumenteninfo AG (darunter der K-Tipp) eine DBE von 1,5 Prozent erwogen. «Der Entscheid fällt nächstens», teilte Geschäftsleitungsmitglied Peter Salvisberg mit. Bereits zu den DBE-Anbietern gesellt hat sich die Fachmedien Mobil AG, die letztes Jahr die Automobil Revue von Tamedia gekauft hat. «Es gibt eine DBE mit einer bedeutenden Media-Agentur», schreibt Marketingassistentin Claudia Gerber. «Über Inhalte und Konditionen ist aber Stillschweigen vereinbart.» Auch zur DBE der Südostschweiz Medien sind keine genauen Informationen erhältlich. Thomas Kundert, Leiter der Anzeigenfirma Südostschweiz Publicitas, bestätigt aber, dass der Verlag seit zwei Jahren den Media- Agenturen mit bestimmten Mindestvolumen eine DBE anbietet. Pikant: Die Südostschweiz Medien ist kein 100-prozentiger Eigenregie-Verlag. Kundert: «Die Publicitas ist mit 50 Prozent an der Südostschweiz Publicitas und somit indirekt an der DBE beteiligt.»
Geheimniskrämerei um die DBE
Es gibt aber auch Eigenregie-Verlage, die keine DBE gewähren – dazu gehören Agefi, die WochenZeitung WoZ, Schaffhauser Nachrichten, die Coop-Zeitung und die Zeitlupe. Andere geben dazu seit Jahren keine Auskunft, so die Weltwoche, die Freiburger Nachrichten, das Migros-Magazin, die W. Gassmann (Bieler Tagblatt, Journal du Jura) und der Zürcher Oberländer (ZO). Zu letzterem war aber zu erfahren, dass Buchungen für den ZO innerhalb des Kombis Zürcher Regionalzeitungen ebenfalls unter die Deutschschweizer DBE von Tamedia fällt. Markus Knöpfli
NZZ MIT «HANDLINGS-ENTSCHÄDIGUNG»
2007 führte auch die NZZ – seit 2005 in Publicitas-Regie – eine Art DBE ein. Doch weil damit die Publicitas nicht umgangen, sondern im Gegenteil, Buchungen über sie honoriert werden sollten, nannte man den Nachlass «Handlings-Entschädigung» (HE). Die HE war eine Reaktion darauf, dass ab 2007 alle grossen Wirtschaftstitel sowie SonntagsZeitung und SonntagsBlick eine DBE gewährten. Damit war die NZZ auf dem Platz Zürich im Segment Wirtschaftspresse und im Sonntagsmarkt der einzige Titel ohne DBE – und im Nachteil.
Die HE beträgt seither 1 Prozent und wird an Kunden und Agenturen ausbezahlt, deren jährlicher BK-/JUP-berechtigter Umsatz durch kommerzielle Anzeigen und Beilagen bei NZZ-Titeln mindestens 500 000 Franken beträgt. Die HE gilt für Buchungen in NZZ, NZZ am Sonntag, Magazin Z, NZZCampus, Bücher am Sonntag, NZZ Folio und NZZ Chronik, nicht aber bei NZZ Online. Andere Verlage in Publicitas-Regie griffen bisher nicht zu diesem Mittel. (mk)
WENIG FREUDE BEI PUBLICITAS UND WERBEAUFTRAGGEBERN
«Es ist keine Frage, die Publicitas hat bis heute keine Freude an der DBE», sagt Othmar Fischlin, Marketingverantwortlicher der Publicitas. Und er weist darauf hin, dass die DBE-Idee in einer Phase aufkam, als die Zeitungsverlage auf das Online-Geschäft starrten und das Gattungsmarketing für Print – traditionell eine Aufgabe der Publicitas – tendenziell minder achteten. Das habe Folgen gehabt. «In den letzten fünf Jahren haben allein die Zeitungsverlage rund 400 Millionen Franken Werbeumsatz verloren, ein Verlust, den sie trotz Umgehung der Publicitas nicht annähernd über andere Kanäle einspielen konnten», gibt Fischlin zu bedenken. In einem defensiven Marktumfeld würden aber das Gattungsmarketing und weiterer Dienstleistungen rund um die Printwerbung, wie sie Publicitas der Werbeindustrie anbietet, «eindeutig wieder aufgewertet», so Fischlin. «Publicitas verfügt heute über eine betriebswirtschaftlich gute Zusammenarbeitsbasis mit den meisten Verlagshäusern.» Nicht begeistert von der DBE war auch der Verband Schweizerischer Werbeauftraggeber SWA. Dieser stellte sich auf den Standpunkt, die DBE sei ein Rabatt und gehöre dem Auftraggeber, nicht der Agentur. Zudem verlangte der SWA von den Agenturen, die irgendwo DBE-berechtigt wurden, volle Transparenz. Auch arbeitete er zuhanden seiner Mitglieder neue Musterverträge für die Gespräche mit den Agenturen aus. Bis heute wird aber die Frage, wer die DBE einstreichen darf, individuell zwischen Auftraggeber und Agentur geregelt. (mk)