Bienen für die Social-Media-Spitzenklasse
Unter den Preisträgern des 3. internationalen Bees Award finden sich erhellende Beispiele für den Einsatz Sozialer Medien.
Was ein Löwe aus Cannes für internationale Meisterwerke bei herkömmlicher Werbung ist, ist eine Biene aus San Francisco für Bestleistungen beim Marketingeinsatz Sozialer Medien: Bereits in dritten Jahr sind Ende Mai die Bees Awards, die erste internationale Social-Media-Marketing-Auszeichnung, vergeben worden, an der sich in diesem Jahr Agenturen und Brands aus 40 Ländern beteiligt haben. Wir stellen die diesjährigen Preisträger mit dem grössten Nachahmerpotenzial vor.
Bester Einsatz von Micro-Blogging-Plattformen:
In Südafrika sterben jeden Tag tausend Menschen an Aids. Zwar gibt es ständig zahllose Aufrufe, um auf die Gefahren von HIV hinzuweisen, doch weil sich deshalb eine gewisse Aufmerksamkeitsmüdigkeit zu Aids eingestellt hat, wollte anlässlich des Welt- Aids-Tags 2011 die NGO Brothers for Life eine besondere Aktion lancieren. «Unser Ziel war es, ein Gespräch mit Menschen zu beginnen, und wir haben festgestellt, dass wir das am besten über Soziale Medien, vor allem Twitter, machen konnten», erklärte dazu Xolisa Dyeshana, der Creative Director der mit der Kampagne betrauten Agentur Joe Public in Johannesburg. Also wurden am 30. November um Mitternacht tausend Twitter-Accouts ins Leben gerufen und von HIV+0001 bis HIV+1000 benannt. Alle wurden benutzt, um während der nächsten 24 Stunden aus der Perspektive eines HIV-Positiven zu berichten und andere zu bewegen, nicht die gleichen Fehler zu machen. Damit die Twitter-Gemeinde der Kampagne einfach folgen konnte, wurde jede Mitteilung mit dem Hashtag #HIVarmy versehen. Um Mitternacht wurde jeder Account eingestellt und der Avatar mit dem Wort «verstorben» ersetzt, um so auf die schiere Zahl derer hinzuweisen, die täglich den Kampf gegen Aids verlieren. Innerhalb der 24 Stunden verbreitete sich der Hashtag #HIVarmy rapide. Nicht nur gab es Re-Tweets, oft wurden auch eigene Empfindungen zum Thema angefügt. Alsbald wurden die Tweets von Prominenten übernommen und am Radio erwähnt. Um 11 Uhr tauchte die Kampagne in den weltweit angesagten Twitter-Themen (trending topics) auf und verblieb dort für den Rest des Tages. «Im Wesentlichen haben wir einen globalen Diskurs lanciert, ohne dafür einen einzigen Cent einzusetzen», freute sich Xolisa.
Die Werbewoche meint: Anders als in englischsprachigen Ländern hat Twitter bei uns erst begonnen, ein grösseres Publikum zu gewinnen. Das preisgekrönte Beisiel aus Südafrika zeigt, wie dieser Kanal für Kampagnen eingesetzt werden kann.
Bester Einsatz von Social-Media-Plattformen:
Anthon Berg ist ein bekannter dänischer Chocolatier. Um seine Marke mit Grosszügigkeit zu verbinden und Menschen zu inspirieren, die positive Wirkung von Schokolade zu würdigen, wurde im Stadtzentrum von Kopenhagen «The Generous Store» (der grosszügige Laden) ins Leben gerufen. In dieser Eintages-Boutique konnte man nicht mit Bargeld oder Kreditkarten, sondern nur mit dem Versprechen auf gute Taten bezahlen. Für die Pralinenpackungen gab es dreissig verschiedene Preisoptionen zur Auswahl. Am beliebtesten war das Versprechen, einem Freund beim Hausputz zu helfen, bei anderen ging es darum, das Frühstück im Bett zu servieren oder eine Woche lang den Fahrstil der Freundin nicht zu kommentieren. War die Wahl einmal getroffen, fand die Fortsetzung auf Facebook statt: Anstatt Registrierkassen wurden iPads benutzt, damit Käufer ihr Versprechen kKund tun konnten. Und auch das Einlösen des Versprechens wurde dort dokumentiert. So konnte die Marke eine Begeisterungswelle und öffentliche Wahrnehmung erreichen, die weit über ihre normale Reichweite hinausging.
Die Werbewoche meint: Das Konzept kann nachgerade eins-zu-eins übernommen und mit ein paar Ergänzungen auch spielend als neu präsentiert werden.
Bestes Krisenmanagement:
Der bekannte amerikanische Schauspieler Alec Baldwin sass am 6. Dezember 2011 in einer startbereiten American-Airlines-Maschine, und da passte es ihm überhaupt nicht in den Kram, dass alle Passagiere aufgefordert wurden, diese für einen zusätzlichen Sicherheitscheck wieder zu verlassen. Denn kurz vor dem Start war eine Drohung gegen das Flugzeug eingegangen. Dass Baldwin sich dabei ziemlich daneben benahm und Flugbegleiter anpöbelte, war für die Fluggesellschaft noch kein Grund, von einer Kommunikationskrise auszugehen. Dass Baldwin auf Twitter 870 000 Follower hat hingegen schon. Denn dort machte er sich alsbald ebenfalls Luft, und nach weniger als einer Stunde war der Vorfall bereits zu einem Trending Thema auf Twitter geworden. Die Airline reagierte schnell und verbreitete über Facebook und Twitter unaufgeregt und sachlich ihre Sicht der Dinge und verwies auf die verschiedenen gesetzlichen Vorschriften, gegen die Baldwin zum Teil verstossen hatte. Der «Alec Baldwin Incident» gilt deshalb bei vielen Kommunikationsprofis als Vorzeigebeispiel für den gelungenen Einsatz von Social Media bei der Krisenkommunikation, der nach den Worten von Jonathan Pierce, Director of Social Media bei American Airlines, so auf den Punkt gebracht werden kann: «Bekämpfe Social-Media- Feuer mit Social-Media-Wasser.»
Die Werbewoche meint: Unternehmen tun gut daran, ihre Social-Media-Verantwortlichen zu bevollmächtigen, im Krisenfall sofort und selbständig aktiv zu werden.
Bester Kundendialog:
Im November 2011 lancierte Volkswagen in Hannover «Quicar», ein Kurzmiete-Programm, für das 200 Wagen zur Verfügung stehen. Im Rahmen der Promotion wurden auch Social Media eingesetzt, damit tatsächliche und künftige Benutzer ihre Erfahrungen und Fragen darüber austauschen können. So weit, so banal – einen Preis gab es für die Verlängerung dieser Social-Media-Kommunikation in den öffentlichen Raum: Ausgewählte Einträge wurden auf Grossbildschirmen in der ganzen Stadt angezeigt (wozu bei den Autoren eine entsprechende Zustimmung eingeholt wurde). Das ist zwar innovativ, garantiert aber keinen durchschlagenden Erfolg: Auf Facebook zählt die Kampagne derzeit 5325 Likers und auf Twitter gar nur 168 Followers.
Die Werbewoche meint: Auch bei uns gibt es genug digitale Aussenwerbungspanels, die darauf warten, mit (zumindest selektiver) Interaktivität belebt zu werden.
Bester Einsatz von Mobile:
Fussballfans in Südafrika waren zunehmend frustriert über die ausländischen Trainer ihrer Fussballteams, die keinen Bezug zum typischen Fussballleben des Landes zeigten. Deshalb lancierte die grösste Biermarke des Landes, Carling Black Label, ein spezielles Turnier und lancierte die «Be the Coach» -Kampagne. Mit ihren Mobiltelefonen konnten die Fans zuerst die Mannschaften aus den beiden grössten Clubs, den Kaizer Chiefs und den Orlando Pirates, zusammenstellen, und während des Spiels konnte das Publikum auf die gleiche Weise über Spielerwechsel bestimmen. Während sieben Wochen trafen so 10,5 Millionen Stimmen ein, die Zahl der Fans auf der Facebook-Seite der Biermarke stieg um 450 Prozent, und auf Twitter betrug der Zuwachs gar 600 Prozent. Und die Besucherzahlen für den Match im Stadion und an den Bildschirmen erreichten neue Rekorde. Für Carling Black Label generierte die Kampagne PR im Wert von 85 Millionen Rand (9,5 Mio. Fr.).
Die Werbewoche meint: In der Schweiz als basisdemokratisches Musterland sollte die Mitbestimmung des Publikums ein Selbstläufer sein – zum Beispiel bei der Selektion der Fussball- Nationalmanschaft?
Christoph J. Walther

