Kinder, die in der Schule die Zeitung analysieren, mit Redaktoren die Feuerwehr bei einer Übung beobachten, den Polizeichef interviewen und in die Tasten hauen – das ist «Zeitung in der Schule». Seit einigen Jahren realisieren viele Schweizer Verlage in Zusammenarbeit mit dem Aachener Institut IZOP (Institut zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren) das Leseförderprojekt, das je nach Zeitung «Zisch – Zeitung in der Schule» oder «ZIP – Zeitung in der Primarschule» lautet. Während rund zwölf Wochen beschäftigen sich die Schüler im Rahmen des Projektes mit dem Print- medium. In einer ersten Phase lernen sie im Klassenzimmer den Umgang mit Zeitungen. Sie erhalten dazu täglich ein persönliches Exemplar geliefert. Später untersuchen die Schüler in Einzel- oder Gruppenarbeit Zeitungsbeiträge zu einem selbst gewählten Thema. Einige werten zum Beispiel Todesanzeigen aus, andere sammeln Artikel über Tiere und wiederum andere studieren die Unfallnachrichten. Zuletzt üben sie sich als Jungjournalisten, recherchieren, fotografieren, interviewen und schreiben im Klassenverband Artikel, die anschliessend in der Zeitung kommen.
Zu den Zeitungen, die das Projekt regelmässig umsetzen, gehören die Neue Luzerner Zeitung, die Freiburger Nachrichten, der Landbote, der Tages- Anzeiger und die Basler Zeitung. Die Neue Luzerner Zeitung NLZ führte «Zeitung in der Schule» 2012 bereits zum sechsten Mal durch. 75 Klassen, über 1300 Schüler der 4. bis 6. Primarschule aus der ganzen Zentralschweiz haben sich von Januar bis April mit dem Thema befasst. Und rund 28 Klassen waren als Reporter im Einsatz, haben im Kantonsspital Luzern nachgefragt, was bei einem Stromausfall passiert, den Jäger bei der Treibjagd begleitet oder die Rutschbahnen im Alpamare getestet. Über ihre Erlebnisse berichteten die Schüler auf Sonderseiten, die in der NLZ und ihren Regionalausgaben erschienen sind. Die Artikel wurden zudem in einem Dossier auf der Website gesammelt und Anfang April zum Abschluss in einem Sonderdruck veröffentlicht.
Der Landbote hat das Projekt nach 2006 und 2008 vergangenes Jahr mit 55 Primarschulklassen, rund 1100 Schülern, zum dritten Mal durchgeführt. Die Nachwuchsreporter besuchten die Bahntechnikfirma Stadler, blickten hinter die Kinokulissen und versuchten sich beim Schwingclub Winterthur im Nationalsport. Die entstandenen Reportagen wurden auf zwei Doppelseiten pro Woche publiziert. Jede der sogenannten «Chlii Landbot»-Seiten ist dabei ein Unikat: neben von Hand geschriebenen Zeitungstiteln ergänzen bunte Zeichnungen die Artikel.
Auch für die Freiburger Nachrichten, bei denen «Zeitung in der Schule» alle zwei Jahre stattfindet, standen vergangenen Herbst 728 Primarschüler im Einsatz, schrieben für die Zisch-Seiten und informierten in einem Blog (www.kidz4zisch.ch ) über ihre Arbeit bei der Zeitung. Zum Abschluss des Projekts gab es zusätzlich eine Sonderbeilage, in der die Fotos aller beteiligten Schulklassen veröffentlicht wurden und abgesehen von den Kindern auch die Beteiligten, die das Projekt unterstützt haben, zu Wort kamen.
Beim Tages-Anzeiger ist im Mai wieder der «Kinder- Tagi» gestartet. Nach einer Durchführung 2005 und 2009 gibt es nun jeden Samstag im Regionalbund eine Seite, die zwei Primarschulklassen mit Texten und eigenen Zeichnungen gestalten. Während «Zeitung in der Schule» üblicherweise drei Monate dauert, ist der «Kinder-Tagi» für ein ganzes Jahr geplant und wird wenn möglich sogar weitergeführt. (Näheres zum Projekt des Tages-Anzeigers sowie ein Interview mit den Verantwortlichen gibt es in der nächsten Ausgabe der Werbewoche.)
Gut fürs Image
Als Grund für die Durchführung der Projekte nennen die Zeitungen durchs Band das Ziel, junge Menschen wieder verstärkt ans Lesen einer Tageszeitung heranzuführen, und im Speziellen, sie an den eigenen Titel zu binden – Werben also um künftige Leser. Zudem wollen die Zeitungen bei den Schülern die Lust am Schreiben wecken und ihre Lese- und Medienkompetenz fördern.
Ebenso betonen die Zeitungen das rege Interesse vonseiten der Schüler und Lehrer sowie die positiven Reaktionen aus der Leserschaft. «Die Spezialseiten werden sehr gerne gelesen und finden nicht nur bei Kindern, sondern der gesamten Leserschaft Anklang», sagte zum Beispiel Redaktor Jean-Pierre Gubler, Projektverantwortlicher beim Landboten, gegenüber der Werbewoche. Überzeugt sind sowohl Redaktoren als auch Verlagsleute davon, dass das Schülerprojekt zum positiven Image beiträgt. Gerade Regional- und Lokalzeitungen bietet es eine ideale Gelegenheit, sich bei der Bevölkerung in Erinnerung zu rufen. Durch ihr Engagement sind sie als Zeitung im Gespräch – nicht bloss in der Familie und der Schule.
Aus finanzieller Sicht rechnen sich die Projekte freilich nicht. Der Aufwand ist gross. Neben der Betreuung der Schulklassen durch Redaktoren fallen auch die Leistungen des IZOP an. Einig sind sich die Verlage ebenfalls, dass Abo-Gewinne – zum Beispiel weil Eltern nach Ablauf des Projektes für ihre Kinder ein Zeitungsabonnement lösen –, zwar ein schöner Nebeneffekt sind, aufgrund ihrer geringen Anzahl indes nicht einkalkuliert werden dürfen.
Um «Zeitung in der Schule» realisieren zu können, sind die Verlage auf finanzielle Unterstützung durch Sponsoren angewiesen. Hier ist glücklich, wer wie etwa die NLZ auf langjährige Partnerschaften zählen kann. Nur so ist es dem Blatt überhaupt möglich, das Projekt jährlich durchzuführen. Sponsoren zu finden, gelingt nicht immer, wie das Beispiel der Basler Zeitung BaZ zeigt. 2012 hätte die Zeitung das Schülerprojekt zum vierten Mal anbieten wollen, musste es jedoch mangels Sponsoren absagen, wie Astrid Hofer, Leiterin Abo- und Leserservices bei der BaZ, mitteilte. Die BaZ will nach den Sommerferien einen neuen Versuch starten in der Hoffnung, dass 2013 eine Fortsetzung möglich ist. Dies sei aber zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig offen, ergänzt Hofer.
Projekt in Eigenregie
Nicht alle Zeitungen arbeiten für ihr Engagement mit dem IZOP zusammen. Bei der Berner Zeitung BZ, die 2004 als erste Schweizer Zeitung das «Zeitung in der Schule» mit IZOP realisiert hat, ist Anfang Juni unter dem Namen «BZ in der Schule» ein eigenes Projekt gestartet, das in dieser Form auch beim Thuner Tagblatt («TT in der Schule») und dem Berner Oberländer («BO in der Schule») umgesetzt wird. Im Gegensatz zu den eingangs genannten Beispielen richten sich die Berner Zeitungen mit ihrem Angebot nicht an Primarschüler, sondern an Oberstufenklassen, wie Anita Mischler-Sollberger, Projektverantwortliche bei der BZ, erklärte. Das Projekt soll den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, den Erwachsenen das Leben aus ihrer Sicht näherzubringen. Mit Oberstufenschülern zusammenarbeiten, eröffnet ausserdem bei den Themen neue Möglichkeiten. So beschäftigen sich die Jugendlichen mit der Berufswahl, Jugendkultur oder setzten sich mit Drogen und Alkohol auseinander. Ausführliche Berichte über die Entstehung der Artikel sind in einem Web-Dossier abrufbar (BZinderschule.ch).
Oberstufenschüler mit einzubeziehen überlegt man sich ebenso bei den Freiburger Nachrichten. Um neben dem bestehenden Projekt, das sich an Primarschüler richtet, auch noch andere Alterskategorien anzusprechen, werde derzeit über die Lancierung neuer Projekte diskutiert, so Nathalie Bouschbacher, Leiterin Marketing und Leserservice bei den Freiburger Nachrichten. «Das ist aber noch nicht spruchreif. »
Betriebsbesichtigungen, Journalistenbesuche und Medienwochen
Unabhängig von solchen Schülerprojekten ermöglichen sämtliche der befragten Zeitungen (AZ, BaZ, BZ, Der Landbote, Die Südostschweiz, Freiburger Nachrichten, NLZ, NZZ, Blick, Tages-Anzeiger) Betriebsbesichtigungen, bei denen die Schüler durch die Redaktionen und/oder Druckereien geführt werden. Ansonsten setzen sich beinah alle für Medienwochen und die Integration des Themas Zeitungen in der Schule ein. Dazu stellen sie den Lehrern kostenlos didaktisches Material zur Verfügung: das von Medienspezialisten und Pädagogen entwickelte Lehrmittel «Lesen macht gross», welches die Zeitungen vom Verband Schweizer Medien beziehen. Das Lehrmittel gibt es als Werkstattordner für die Primarstufen sowie als Aufgabensammlung für die Sekundarstufe. Für die Schulprojekte stellen die Zeitungen obendrein Klassensätze ihres Titels zur Verfügung oder senden die Gratisexemplare sogar den Schülern nach Hause – so finden die Zeitungen den Weg nicht nur zu den Schülern, sondern direkt zu deren Eltern. Auf Wunsch besuchen Journalisten die Schulklassen und informieren über ihre Arbeit.
Nachwuchsjournalisten gewinnen
Nicht nur neue Leser, sondern ausserdem Jungtalente für sich gewinnen – dieses Ziel verfolgen die Aargauer Zeitung und die NZZ mit ihren Medienprojekten. Letztere organisiert jährlich zwei Medienprojekte an Zürcher Gymnasien: eine Medienwoche an der Kantonsschule Rämibühl sowie ein Projekt am Gymnasium Hohe Promenade, das sich jeweils über ein Semester erstreckt. Im Rahmen der Workshops recherchieren die Gymnasiasten und verfassen eigene Zeitungsartikel.
An der Medienwoche werden sie dabei von zwei NZZ-Redaktoren begleitet, beim mehrmonatigen Projekt schreiben die Schüler ihre Artikel mithilfe eines Lehrers und in regelmässigem Austausch mit einem Redaktor der Zeitung. Die Ergebnisse werden anschliessend in einer Extraausgabe, einer eigenen «NZZ», publiziert und an der Schule verteilt. Eines der Ziele des Projektes sei es, den Schülern einen Einblick in den Journalistenalltag zu geben und sie für den Beruf zu begeistern, so Urs Bühler, NZZRedaktor und Leiter der Medienprojekte. «Natürlich ist ein willkommener Nebeneffekt auch, dass Jugendlichen auf diesem Weg ein positives Bild der NZZ vermittelt werden kann.»
Die Aargauer Zeitung AZ hat vergangenes Jahr das Medien-Camp für Jugendliche im Alter von 16 bis 22 Jahren lanciert. Während einer Lagerwoche hausen die Teilnehmer im Pfadiheim Aarau und werden von Peter Siegrist, Redaktor AZ Aargauer Zeitung, in den praktischen Journalismus eingeführt. Sie spüren Menschen und ihre Geschichten auf und arbeiten im Newsroom mit, publizieren Artikel im Regionalteil der AZ und führen ausserdem Tagebuch. Diesen Sommer startet die zweite Ausgabe. Isabel Imper
Hinweis: Näheres zum Projekt «Kinder-Tagi» sowie ein Interview mit den Verantwortlichen
finden Sie in der nächsten Ausgabe der Werbewoche, die am 22. Juni erscheint.