Drei Tage lang fühlte ich in 14 Fachreferaten und zahlreichen Gesprächen den Social- Media-Expertenpuls. Es bleiben Erinnerungen an engagierte Menschen und folgende Erkenntnis zur Weitergabe: Verfallen Sie beim Aufbau Ihrer Social-Media-Strategie und bei der Gestaltung Ihrer Social-Media- Kampagnen niemals dem Zauber grossartig aufgetischter Patentrezepte – denn es gibt sie nicht. Die Blog World & New Media Expo vom 5. bis 7. Juni war für mich ein Kongress der spannenden Widersprüche. Jede Expertise wurde umgehend mit einer Gegenexpertise widerlegt – Vice, Versa. Deshalb: Ziehen Sie Ihr eigenes Ding hoch. Hängen Sie sich rein in die Materie, arbeiten Sie methodisch, erschliessen Sie sich Ihre Quellen und erzeugen Sie Ihre eigenen Spannungsfelder. Spannungsfelder sind der fruchtbarste Boden für strategisch verankerte Social-Media-Ideen und wirkungsvolle New-Media-Kampagnen. Es folgen drei, wie ich denke, praxisnahe Zitatduelle mit spannenden Denkanstössen für Ihre Social-Media-Arbeit.
Vice: «Don’t worry about being consistent – just blog and have fun». Als Jünger holistisch geprägter Kommunikationslehren – von Bruhn (Uni Basel) bis Bleustein (Publicis) – finde ich dieses Statement von Starblogger Chris Bogan bemerkenswert. Was uns Brogan sagen will: Planen ist gut, starten ist besser. Langes Grübeln darüber, welche Posts und Tweets wohl am meisten Likes, Comments und Retweets erzeugen, ist das falsche Rezept. Besser ist ein Prinzipienmix aus Learning by Doing und Trial and Error. Sie lernen dabei schnell und erkennen Ihre Fehler rasch. Denn die Feedbacks Ihrer Empfänger auf Posts, Kommentare, Tweets und Retweets kommen postwendend, und sie sind authentisch.
Versa: «Framing matters!». Das sagt der gleiche Brogan, und er meint damit Folgendes: Erzeugen Sie Ihre Inhalte und achten Sie dabei auf eine einheitliche Struktur und Dramaturgie. Sie werden über Zeit in der Formgestaltung routinierter, im Inhalt kreativer, und der Betrachtende wird in der Aufnahme geübter.
Vice: «Move away from word driven content to picture driven content» – sagt Mat Knell, Head of Social Media bei AOL. Visuelle Darstellungen kommunizieren schneller und emotionaler. Beide, Speed und Emotionalität, sind Grundvoraussetzun- gen, wenn Sie das 3-Sekunden-Aufmerksamkeitsfester der vorbeisurfenden Menschen zu Ihren Gunsten nutzen wollen. Knell und seine drei Co-Referentinnen dokumentieren den Siegeszugs der Bildsprach mit der explosionsartig wachsenden Beliebtheit visuell orientierter Online-Netzwerke: Pinterest ist das am schnellsten wachsende Netzwerk. Instagram wurde von Facebook für eine Milliarde Dollar übernommen, und Tumblr ist der Liebling einer jungen, aufstrebenden und einflussreicher Bloggergeneration.
Versa: «Visual pollution». Dieser Ausspruch kommt von Jay Bear, Autor des sehr empfehlenswerten Social-Media-Buches «Convince and Convert». Bildstürme erobern die Netzwerke, wirbeln Staub auf und trüben den allgemeinen Durchblick. Das erschwert dauerhaftes Zusammenwachsen von Bild- und Markenwelten. Erik Decker ist professioneller Blogger aus Indianapolis und Co-Autor des Buches mit dem Titel »No Bullshit Social Me Media – The All-Business, No-Hype Guide to Social Media Marketing». Decker führt uns als Captain durch den Bildsturm ins ruhige Zentrum, und er hat eine klare Botschaft: «A word is worth more than 1000 pictures». Er setzt dabei auf «The art of creating methaphors » und das «Iceberg Principle» des grossen Ernest Hemingway. Eisberge ragen zu einem Achtel aus dem Wasser. Zu gleichem Anteil ragen Worte aus scheinbarer Bedeutungslosigkeit. Tau- chen Sie ab und gehen Sie der Bedeutung von Wörtern für Menschen, für die Sie schreiben, auf den Grund. In Deckers Worten: Das richtige Wort ist wertvoller als tausend Bilder. Und noch ein Argument pro Wort: Googlebots, das sind jene Programme von Google, die das Internet bei Abfragen durchsuchen. Googlebots können keine Bilder erkennen. Für Suchmaschinen ist ein Bild als visuelles Objekt unsichtbar. Sie finden einzig Bildbeschreibungen.
Vice: «Automate what you can.» Stephanie Sammons ist Texanerin und Verfechterin der sozialen Automatisierung. Und sie ist damit in guter Gesellschaft. Gefühlte 99 Prozent aller Posts von Firmen auf den vier grössten Social Networks Facebook, Linkedin, Twitter und Pinterest werden automatisch publiziert. Sammons begründet ihre «Automate what you can»-Philosophy mit einer «Minimize your time, maximize your impact»-Strategie. Ziel dabei ist eine flächendeckende «Always on – 24/7»-Präsenz, und dies mit möglichst geringem Aufwand. Mit Hilfe von Social Media Management Dashboards werden Posts, Tweets und Updates getimt und automatisch in die Kanäle eingespeist. Wenn Sie beispielsweise den Spielverlauf Ihrer Lieblingsmannschaft auf Facebook oder Twitter kommentieren und dafür keine anerkennenden Worte gepostet bekommen, dann interagieren Sie in der Regel mit einem Automaten.
Versa: «You can’t automate authenticity.» Scott Stratten ist Kanadier, Autor des Buches «Unmarketing», und er nennt die Dinge pointiert beim Namen. So etwa, wenn er sagt: «Social media automation is mannequin networking. » Die Hälfte aller Updates auf Linkedin erfolgt via Twitter. Der Empfänger befindet sich in diesem Moment auf Linkedin und der Absender auf Twitter. Gleiches gilt, wenn der Blogger seinen neusten Eintrag via Twitter promotet. Der Empfänger befindet sich auf Twitter, der Blogger in seiner Blogsphäre. Was solche Absender praktizieren, hat für Stratten nichts mit «social» zu tun. Denn was der Absender seinem Empfänger damit signalisiert: «Ich bin hier, um etwas zu verkünden. Ich bin nicht hier, um mich mit dir auseinander zu setzen, auf dich zu hören oder deine Fragen zu beantworten.» Doch genau das ist nach Stratten die einzig wirklich effektive Form, mit der man sich in den Sozialen Netzwerken engagieren sollte: In dem Moment beim Empfänger sein, wenn er auf die Botschaft reagiert, indem man seine Frage beantwortet, seine Äusserung kommentiert oder seine Meinung aufnimmt. Zum Beispiel Twitter: Die Halbwertzeit eines Tweets liegt bei zehn Minuten. Innerhalb dieses Zeitfensters hat der Absender die einmalige Gelegenheit, mit engagierten Empfängern – Kunden, Käufern, Mitarbeitern, Meinungsführern – Konversation zu betreiben. Danach ist der Empfänger weg und die Chance futsch. Das Rezept von Stratten? «You don’t have to be at every social media site.» Beat Hürlimann