Politik macht Marketing
Medien lieben Politik – vor allem in Wahljahren, denn das bringt ordentlich Werbeeinnahmen. Das ist bei uns zwar derzeit nicht der Fall, dafür in Amerika, wo im November Präsidentschaftswahlen anstehen.
So wird bis dahin vielfältig über das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Obama und Romney berichtet, wobei untergeht, mit welchen Mitteln tatsächlich gefochten wird. Denn auch ein Wahlkampf ist letztlich Marketing und so kommen neuste und ausgeklügelte Methoden zum Einsatz, wie sie etwa der Politjournalist Sasha Issenberg in seinem Buch «The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns» beschreibt.
Wie man kaum den Eskimos wird Kühlschränke verkaufen wollen, macht es für die Demokraten und Republikaner keinen grossen Sinn, in ihrer Kommunikation viel in Bundesstaaten zu investieren, die sie aufgrund von Erfahrungen und Umfragen schon auf Nummer sicher haben. Das Rennen ums Weisse Haus wird in den Bundesstaaten entschieden, wo der Ausgang offen ist, weil Wähler noch unentschlossen sind. Diese Nicht- und Wechselwähler machen weniger als zehn Prozent aus und das eigentliche Rennen geht darum, sie zu finden und zu überzeugen. Die Stichworte dazu heissen «Microtargeting» und «Data Mining». Es wird auf die unterschiedlichsten Datenberge zurückgegriffen, die in den beiden Lagern mit jedem Wahlkampf besser werden. Mit statistischen Methoden (Regressionsanalysen) wird versucht, gemeinsame Merkmale dieser Zielgruppen zu erkennen, wobei hunderte, mitunter tausende von Datenpunkte (jemand trinkt Gin und fährt Subaru) miteinander abgeglichen werden. Das ist keineswegs genaue Wissenschaft, sondern empirisches Trial-and-Error. Doch wenn's klappt, entstehen so weit präzisere Zielgruppen, als dies mit herkömmlichen Merkmalen (wie demokratisch orientierte Männer auf dem Land mit lateinamerikanischer Abstammung oder weisse Senioren ohne höhere Schulbildung) möglich ist. Um herauszufinden, bei wem welche Botschaften am besten verfangen, werden diese zuerst nach Zufallsschema versandt und die Wirkung getestet. Und im nächsten Umgang mit mehr Adressaten kann dann noch gezielter vorgegangen werden. So werden etwa Mailings verschickt und gefragt, ob jemand werde wählen gehen und was man vorher und was nachher überlege. Der Trick dabei: Mit solchen Fragen wird die Wahrscheinlichkeit vergrössert, dass jemand dann tatsächlich wählen geht.
Diese Methoden bleiben für die politische Berichterstattung, die oft auf Äusserlichkeiten fixiert ist, verborgen, werden aber zunehmend Match entscheidend. Zwar basieren sie auf den gleichen Grundlagen wie etwa Behavioural Targeting in der Onlinewerbung. Doch in ihrer konkreten Ausgestaltung bleiben sie auf den Politbetrieb, der auf einzelne Stimmen aus ist, beschränkt und sind so nicht direkt in die Geschäftswelt übertragbar.
Christoph J. Walther
(Teaser-Bild: Cover-Ausschnitt des Buches «The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns»)


