Es ist ein Magazin, das sich von den übrigen Zeitschriften am Kiosk abgrenzt: Mit dem edlen Leineneinband und dem handlichen Format – kaum grösser als A5 – reiht sich Reportagen zwischen einer Zeitschrift und einem Buch ein. Ein Heft zum Lesen, nicht zum Durchblättern. Schon die grafische Aufmachung macht deutlich: Hier steht der Text im Zentrum. Keine Fotos oder Bildstrecken machen den Worten Konkurrenz. Nur ab und zu sind die Reportagen mit Illustrationen und aufwändigen Infografiken ergänzt. Gespielt wird dafür mit den Textblöcken. Die Abschnitte sind abwechslungsweise links und rechts eingezogen, hie und da findet sich am unteren Blattrand ein Zitat. Farblich wird mit Ausnahme der wenigen Anzeigen, die zu Beginn und am Ende des Hefts gebündelt erscheinen, auf Zweifarbigkeit gesetzt. Die auf dem Cover dominierende Farbe wird auf den Innenseiten wie der aufgenommen und verleiht dem Heft Struktur, indem die Reportagen mit einer unifarbenen Titelseite optisch voneinander getrennt werden.
Inhaltlich bietet Reportagen auf über 100 Seiten sechs aktuelle sowie eine historische Reportage – Ernest Hemingway und George Orwell lassen grüssen. «Eine Welt geht unter», «Scharia Hotline», «Banker unter Tage» oder «Traumschiff für alle» lauten die Titel, die dem Leser die Welt erfahrbar machen sollen. «Wir wollen Sie entführen auf diesen Berg über dem Nebel», schreibt Chefredaktor Daniel Puntas im Edito der Erstausgabe. Namhafte Autoren berichten über ihre Erlebnisse, Eindrücke und fernen Abenteuer – bekannte Reportageschreiber wie Margrit Sprecher und Erwin Koch, aber auch prominente Schriftsteller wie Alex Capus oder Susanna Schwager. Die Geschichten sollen überraschen, fesseln und berühren, so Puntas‘ Anspruch.
Die Texte sind in der Regel zwischen 10 und 16 Seiten lang. Einzig im Abschluss werden kurze Häppchen serviert. Etwas Poesie, eine Kolumne sowie die Rubrik «Das Duell», in der die Berichte zweier Reporter, die beide denselben Auftrag erhielten, gegenübergestellt werden. Hier wird die Subjektivität der Berichterstattung offensichtlich. Es wird fassbar, wie unterschiedlich zwei Autoren mit ein und demselben Thema umgehen. Zum Beispiel, was zwei Journalisten mit der Zürcher Derivate-Messe und der Frage, ob Banker aus der Finanzkrise lernen, anzufangen wissen.
Reportagen erscheint alle zwei Monate in einer Auflage von 20 000 Exemplaren in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Das Heft ist im Abonnement sowie am Kiosk erhältlich. Auf Reportagen. com sind die Texte zudem einzeln oder als Hörbücher verfügbar.
Isabel Imper
WW: Reportagen widerspricht dem Zeitgeist: lange Texte, keine Fotos, keine iPad-Ausgabe… Wie konnten Sie die Investoren von Ihrem Projekt überzeugen?
Daniel Puntas: Die Investoren waren gerade deshalb überzeugt, weil Reportagen nicht dem Zeitgeist entspricht und nicht dasselbe bietet wie alle anderen. Das Credo vieler Verlage, man müsse schnell und kurz informieren, mag für die Mehrheit stimmen. Trotzdem gibt es genügend Leser, die gerne in eine längere Geschichte eintauchen und bereit sind, diese Qualität zu honorieren. Auch das Haptische wird, so glaube ich, nicht nur von der Generation 40 plus, sondern ebenso von den Jungen geschätzt.
Wieso verzichtet Reportagen auf Fotografie?
Aus zwei Gründen: Erstens würde die Fotografie den Kostenrahmen sprengen. Der zweite und vielleicht wichtigere Grund: Die meisten Medien, die in dieselbe Richtung gehen wie wir, setzen auf eine grosse Bildsprache mit langen Bildstrecken. Täten wir dasselbe, wären wir austauschbar. Wir wollen uns von einem Geo oder einem National Geographic unterscheiden. Das sind Produkte, die Reportagen mit einem viel grösseren Budget betreiben.
Was macht Ihrer Ansicht nach eine gute Reportage aus?
Eine gute Reportage entsteht, wenn sich ein Autor in ein Thema rein kniet und eine Geschichte unbedingt erzählen will. Wenn er von einem Menschen, einem Thema so begeistert ist, dass er sich einen Monat nur noch damit beschäftigt.
Dann springt der Funken automatisch auf den Leser über?
Wenn der Autor wirklich dieses Engagement in den Text legt, dann ja. Natürlich vorausgesetzt, er beherrscht das Handwerk und kann überdurchschnittlich gut schreiben.
Was aber ist das Spezielle an einer Reportage?
Die Reportage entführt den Leser in eine Welt. Ein 10-minütiger TV-Bericht über eine bolivianische Verkäuferin am Titicaca-See kann mir durchaus vermitteln, wie ihr Alltag aussieht. Aber dann kommt etwas Neues, und ich habe die Bolivianerin wieder vergessen. Wenn ich dagegen eine halbe Stunde über ihre Ängste, ihre Sorgen, über ihre Gefühle und ihren Alltag lese, bleibt dies eher in Erinnerung. Eine gute Reportage vergisst man nicht. Weil sie es schafft, dass der Leser empathisch eintaucht und am Leben eines anderen teilnimmt. Etwas, das ansonsten nur Romane schaffen.
Wer ist Ihr Zielpublikum?
Unsere Leser sind in erster Linie «Leser». Leute, die gerne und viel lesen. Wer exakt zu unserer Zielgruppe gehört, kristallisiert sich allerdings erst heraus.
Was wissen Sie bereits?
Der typische Leser ist über 25 oder 30 Jahre alt. Und tendenziell eher männlich. Wir haben ein Verhältnis von etwa 65 Prozent Lesern zu 35 Prozent Leserinnen. Etwas, das wir so nicht erwartet haben. Das Storytelling steht bei uns im Vordergrund, wir lassen Schriftsteller erzählen. Deshalb hätte ich geschätzt, dass Leserinnen in der Überzahl sind. In der Romanabteilung der Buchhandlung sind schliesslich über 80 Prozent der Kunden Frauen.
Wie erklären Sie sich das mangelnde Interesse der Frauen?
Wir werden am Kiosk als journalistisches Produkt wahrgenommen. Unser Cover erzählt zwar: Es geht um Geschichten. Aber: Reporter erklären die Welt. Es geht um Afghanistan, um Finanzkrise, um Rohstoffe. Das spricht vermutlich eher Männer an. Das Non-fictional Storytelling müssen wir noch stärker in den Vordergrund stellen. Zeigen, dass Geschichten erzählt werden.
Sind Sie daran, diesen Fakt bei den Leserinnen bekannt zu machen?
Ja. Wir organisieren vermehrt Lesungen mit Autoren in Buchhandlungen. Dort sind in der Regel mehr Besucherinnen als Besucher anwesend. Zudem werden wir das Storytelling noch stärker über das Cover kommunizieren. Und wir schalten Werbung an zielgerichteten Orten, zum Beispiel in Frauenzeitschriften.
Anzeigen machen bei Reportagen nur einen kleinen Teil aus. Wie viele Leser brauchen Sie, um schwarze Zahlen zu schreiben?
Schwer zu sagen: Die Zahl schwankt, je nachdem, ob wir mehr Magazine am Kiosk und im Buchhandel oder im Abo verkaufen. Wenn jemand Reportagen am Kiosk kauft, erhalten wir von den 20 Franken nur rund die Hälfte. Deshalb wollen wir natürlich vor allem Abonnenten gewinnen.
Wie viele Abonnenten müssten es grosso modo sein?
Aktuell gehen wir von etwa 6000 Abonnenten aus. Das dürfte der Punkt sein, an dem wir die Kosten decken können.
Momentan sind es wie viele?
Knapp 2000.
Wie lange haben Sie Zeit, um Ihr Ziel zu erreichen?
Das wird sich zeigen. Ich gehe davon aus, dass wir die nächsten drei bis vier Jahre kämpfen müssen und vielleicht gezwungen sein werden, auf der Kapitalseite nachzubessern, falls das Startkapital nicht genügt.
Wie lange reicht dieses?
Beim Start letzten Oktober gingen wir davon aus, dass wir mit dem Kapital sicherlich zwei Jahre arbeiten können. Das wird ungefähr so sein. Alles Weitere steht in den Sternen…
Wie wichtig sind Deutschland und Österreich als Märkte?
Im Moment ist ihre Bedeutung noch marginal. Die Schweiz macht rund 75 bis 80 Prozent aus. Sobald wir in der Schweiz eine stabile Basis haben, werden wir Anstrengungen unternehmen, in Deutschland unter die Leute zu kommen. Es wäre schlecht, auf einem so grossen Markt nicht präsent zu sein.
Weshalb ist der Anteil noch so klein?
Ich denke, die Preissensibilität ist in Deutschland eine ganz andere: 20 Franken für eine Ausgabe ist in der Schweiz akzeptiert. 15 Euro ist dagegen für viele Deutsche zu viel. Unsere deutschen Abonnenten sind echte Liebhaber.
Im Heft gibt es jeweils sechs aktuelle und eine historische Reportage. Weshalb eine historische?
Dafür gibt es viele gute Gründe. Erstens sind es qualitativ hochstehende Texte, die nach wie vor gerne gelesen werden. Zweitens stammen die Reportagen von berühmten Schriftstellern. Das soll zeigen: Auch Top-Autoren schreiben Reportagen. Drittens wollen wir mit der historischen Reportage signalisieren, dass unser Magazin in einer Tradition steht. Zeigen, dass es Reportagen schon immer gegeben hat.
Inwiefern haben sich Reportagen verändert?
Früher hat niemand bewusst eine Reportage geschrieben. Es waren Reisejournalisten. Oder noch früher: Eroberer, Wissenschaftler oder Entdecker, die Buch geführt haben. Christoph Kolumbus‘ Tagebuch zum Beispiel ist eine hervorragende Reportage! Die Texte erfüllen sämtliche Kriterien: hingehen, zuschauen, beschreiben und die Beobachtungen mit den eigenen Gedanken verknüpfen. Die journalistische Gattung «Reportage» ist dagegen erst im 20. Jahrhundert entstanden.
Noch zur Online-Strategie: Die Texte sind auf der Website verfügbar. Wird dieses Angebot genutzt?
Nein, praktisch nicht.
Die Reportagen gibt es sogar als Hörbücher. Wie ist es bei diesen?
Auch diese werden kaum genutzt. Obwohl das Angebot für Abonnenten im Preis eingeschlossen ist. Wir hatten das Gefühl – da heute alle «angestöpselt» und permanent online sind –, es sei eine gute Idee, die Texte als Hörbücher zu produzieren. So könnte man die 20- oder 30-minütigen Texte zum Beispiel während einer Zugfahrt hören. Ohne Erfolg. Entweder machen wir es zu wenig gut, oder die Nachfrage ist schlichtweg nicht da.
Wie geht es online weiter?
Unsere Website wird momentan zu 90 Prozent dazu verwendet, ein Abo zu bestellen. Wir haben das Online-Fenster jedoch bewusst etabliert, um uns neue Möglichkeiten offen zu halten. Ich schliesse nicht aus, dass wir irgendwann eine App haben werden. Oder vielleicht wird es in zwei, drei Jahren eine iPad-Version geben, die viel stärker gefragt ist als das physische Produkt. Keine Ahnung.
Und in naher Zukunft: Was ist für die nächsten zwei, drei Ausgaben geplant?
Die nächsten drei Nummern werden ungefähr gleich aussehen. Beim Layout gibt es nach wie vor feine Anpassungen. Konzeptionell bleibt’s aber vorerst gleich. Ob wir im nächsten Jahr einige Gefässe streichen werden, oder ob wir zum Beispiel die Anzahl Reportagen von sechs langen Texten auf acht kürzere erhöhen oder umgekehrt, entscheiden wir auf Grund der Erfahrungen des laufenden Jahres.
Sie haben für die NZZ, fürs Geo oder Cicero selber Reportagen verfasst. Kommen Sie als Chefredaktor noch dazu?
Nein. Ich wüsste nicht, wann. Es ist jedoch mein Wunsch, dass wir irgendwann genügend Leser haben und das Unternehmen so funktioniert, dass ich es mir wieder erlauben kann. Sie können davon ausgehen: Wenn ich selber wieder schreibe, läuft es bei Reportagen so, wie wir es uns vorstellen.
Interview: Isabel Imper