WW: Wie war die Resonanz auf den Aufruf in der Werbewoche? Ursula Krebs: Ich war über die zahlreichen und inhaltlich interessanten Rückmeldungen sehr erfreut. An der elektronischen Umfrage haben 57 Personen teilgenommen und komplett abgeschlossen. Bei 34 Fragen ist das eine gute «Ausbeute». Die Teilnehmenden kamen aus verschiedenen Kommunikationsdisziplinen, wobei ich für die Schlussarbeit nur die Werbeagenturen ausgewertet habe.
Sie haben im Aufruf in der Werbewoche auch zur Möglichkeit für ein persönliches Interview eingeladen. Wie gross war hier das Interesse?
Auch über diese Resonanz war ich sehr erfreut. Hier haben sich 22 Personen gemeldet. Dazu kamen noch vereinzelte E-Mails von Personen, die mir ihre Gedanken zum Thema mitteilen wollten. Viele haben mir dazu gratuliert, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Schlussendlich habe ich mit 10 Personen ein Interview durchgeführt.
Wie haben Sie die Motivation der Zielgruppe erlebt, bei dieser Umfrage mitmachen zu können?
Interessant war, dass zusätzlich zu den 57 vollständig ausgefüllten Dossiers weitere 181 Personen die Umfrage immerhin besucht, sie aber nicht abgeschlossen haben. Die Leute hat die Thematik offensichtlich interessiert. Grundlegend kann ich sagen, dass es praktisch nur bestätigende und wohlwollende Reaktionen gab. Ich denke, dass das Thema wichtig ist. Viele «wissen» über die Schwierigkeit, in der Branche beruflich gut zu altern. Doch es gibt keine Beweise, weshalb es mir schien, dass hier Fakten gewünscht sind.
Sie sind mit einer These oder zumindest einem Vorgefühl an die Studie herangegangen. Hat sich Ihre bisherige Wahrnehmung bestätigt oder sind Sie auch durch neu zutage gekommene Wahrheiten und Erkenntnisse überrascht worden?
Eine bemerkenswerte Erkenntnis der Studie ist die hohe Motivation der älteren Arbeitnehmenden, auch nach jahrzehntelanger Tätigkeit. Ich war jedoch überrascht, wie wenig Gedanken sich die Menschen zum Älterwerden im Beruf machen respektive wie sie ihre berufliche Zukunft gestalten möchten. Der Wunsch, bis zur Pensionierung zu arbeiten, ist gross. Doch die Vorstellung, wie ein solcher Wunsch bewältigt werden soll, war erstaunlich diffus für eine Branche, wo eigentlich ein grosses «vermutetes Wissen» vorherrscht über die Schwierigkeit zu altern.
Ist man sich in der Branche der kommenden Entwicklungen zu wenig bewusst?
Hier war ich erstaunt, dass eine Branche, die sich mit Trends auseinandersetzt, sich wenig Gedanken zur eigenen Zukunftsgestaltung und Transferleistungen bezüglich der demografischen Veränderung macht. Die Forschung belegt, dass aufgrund der demografischen Entwicklungen zahlenmässig weniger gut qualifizierte Personen nachkommen. Trotzdem hat man keine Strategie rund um die eigene Zukunftsgestaltung der Agentur. Von den 10 interviewten Personen hat gerade nur 1 einen entsprechenden Hinweis gemacht, dass sich hier in Zukunft eine Veränderung vollziehen könnte, und hat sogar von Überalterung der Werbeagenturen gesprochen, weil der Nachschub junger Kräfte ausfallen könnte.
Was hat sich genderspezifisch feststellen lassen?
Verwundert bin ich über die Tatsache, dass offensichtlich das weibliche Geschlecht irgendwann die Werbeagenturen verlässt, obwohl in den unteren und mittleren Hierarchien – vor allem in der Beratung – eigentlich fast nur Frauen arbeiten. Wo gehen die hin? Das wäre eine interessante neue Forschung …
Hat Sie bei dieser Umfrage auch etwas völlig Unerwartetes überrascht?
Grundsätzlich habe ich nicht wirklich etwas bahnbrechend Neues herausgefunden. Ältere Werber sind vorwiegend im oberen Management tätig, Geschäftsführer oder Inhaber einer Agentur. Diejenigen, welche diese Hierarchiestufe nicht erreichten, sind häufig in peripheren Bereichen wie Verwaltung, Produktion oder Finanzen anzutreffen. Selten sind ältere Arbeitnehmende in den mittleren Hierarchien der «Core-Disziplinen» Beratung und Kreation anzutreffen. Ich habe die Vermutungen, die zahlreich genannt wurden, mit dieser Arbeit bestätigt: «Es wird mit zunehmendem Alter schwierig, auf dem Arbeitsmarkt akzeptiert zu werden …» Die Arbeitsmarkt-Realität steht in krassem Widerspruch zum Wunsch, bis zur Pensionierung in der Branche tätig zu bleiben. Ein möglicher Grund dafür ist der nach wie vor stark vorherrschende Stereotyp, dass ältere Arbeitnehmende nicht mehr mitkommen und deshalb selten angestellt werden. Dies, obwohl die neuere Forschung nachgewiesen hat, dass persönliche und berufliche Biografien für die Aufrechterhaltung der Leistungsbereitschaft älterer Arbeitnehmender relevant sind. Das chronologische Alter, also das Alter in Anzahl Jahren, ist absolut kein Massstab. Dies wird mit der vorliegenden Untersuchung einmal mehr bestätigt. Die Befragten empfinden keine wesentlichen Veränderungen ihrer Leistungsfähigkeit infolge des Älterwerdens.
Was haben Sie über Kunden herausgefunden?
Das Bild des Kunden gegenüber den Werbeagenturen spielt eine Rolle. Eine Interview-Person hat mir mitgeteilt, dass der Kunde für eine Jugend-Kampagne – sie ist Inhaberin einer Werbeagentur und hat den Lead des Mandats – eine andere Agentur mit jungen Mitarbeitenden beauftragte, weil man dieser Person mit 48 Jahren die Jugend-Kampagne nicht mehr zugetraut hat. Eine Umfrage auf Kundenseite wäre aus dieser Sicht ebenfalls eine interessante Fortsetzung für eine nächste Studie.
Interview: Andreas Panzeri