Blüten und Perlen: Werbung auf «Schwiizerdüütsch»
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal dreht sich alles um Schweizerdeutsch in der Werbung.
Kürzlich in einem Spot aufgeschnappt: «Und? G’hört sichs guet aa?» Ja, lesen Sie es ruhig nochmals. Und ja, irgendwas stimmt hier natürlich nicht.
Das Phänomen ist nicht neu, aber genau das ist erstaunlich: Warum wird immer noch Werbung auf Schweizerdeutsch gemacht, aber nicht richtig? Also jemand macht sich zwar die Mühe und nimmt das Geld in die Hand, eine schweizerdeutsche Version zu produzieren, um sich aber dann doch nicht die Mühe zu geben, es richtig zu machen?
Mixed Signals
Oft sind es teuer produzierte Spots mit internationalem Charakter, bei denen die Schauspielenden eine Kauderwelsch-Lippenbewegung dazu machen, weil der Ton ja sowieso in allen erdenklichen Sprachvarianten drübergelegt wird. Das Skript liegt dann auf Deutsch vor – d also Hochdeutsch – und für den «Markt Schweiz» wurde geraten, eine Mundart-Version zu machen, weil dann die Botschaft authentisch und mit grösster Wahrscheinlichkeit direkt am Hirn vorbei ins Herz der Schweizerinnen und Schweizer trifft.
Was aber offenbar nicht als nötig empfunden wird, ist eine saubere Übersetzung ins Schweizerdeutsche, weil es ist ja schon Deutsch. Duh. Heraus kommt ein befremdlicher, wirklich nicht authentischer (ok, das liegt nicht nur am holprigen nicht-Schweizerdeutsch), liebloser Annäherungsversuch.
Falls das von den Produzierenden bisher niemand gewusst oder gemerkt hat: Jetzt wisst ihr es. Das Internet macht sich darüber übrigens schon seit Jahren lustig, das auch so als Info. Darum: So weiter zu machen wirkt dann halt einfach nicht so richtig kundennah. Oder ist das eben doch sekundär – aber warum dann überhaupt auf Schweizerdeutsch antreten? Mixed Signals.
Sämtliche Zehennägel
Eine AI wird das beim Einsprechen nicht stören – im Gegenteil: Sie wird sogar noch mit falschen Schweizerdeutsch-Daten trainiert. Ausserdem hat eine AI keine Zehennägel, denn diese würden sich einem lebenden Menschen doch aufrollen müssen, wenn er gezwungen wird, das so einzusprechen? «Soll ich das wirklich SO sagen?», wird die Person mit Schweissperlen auf der Stirn und zitternder Stimme fragen und kennt die Antwort wohl schon: «Bitte halten Sie sich genau ans Skript, das wurde von Übersee abgenommen.» So oder so ähnlich muss das wohl laufen. Und überhaupt, auf die Befindlichkeiten von ein paar Schweizerinnen und Schweizern einzugehen ist unverhältnismässig, schliesslich wollen wir ja direkt am Hirn vorbei und in deren Herz.
Befremdlich oder vertraut?
Das Votum richtet sich aber ganz und gar nicht gegen Schweizerdeutsch in der Werbung, sondern gegen Lieblosigkeit. Viele, die das wahrscheinlich besser machen würden, scheuen sich allerdings vor dem Einsatz von Schweizerdeutsch (nicht zu verwechseln mit Helvetismen). Da ist zunächst die Frage, welches Schweizerdeutsch zum Einsatz kommen soll. Klischees, Assoziationen und Erwartungen spielen eine Rolle, aber auch die Verständlichkeit – oder soll es ein sogenannt neutraler Dialekt sein, bei dem die Botschaft möglichst unbefleckt bleibt? Bei schriftlichen Umsetzungen kommt hinzu, dass Mundart oft schlecht erkannt oder nicht flüssig gelesen werden kann – und somit eher befremdlich als vertraut wirkt. Das Gegenteil also von dem, was damit ja erreicht werden möchte. Darum sieht man es schriftlich oft nur als Effekt und in Kürzestanwendungen. Dieser Effekt kann trotzdem richtig gut sein! Go for it – äh, probiärs emaal!
Schweizerdeutsch als Pflicht
Pflicht ist Schweizerdeutsch im Ton, wenn «normale Meschen» sprechen und es nunmal ihre Muttersprache ist – also in Interviews, Umfragen oder Testimonial-Situationen – sonst müssen sich die Personen verstellen und wirken so nicht mehr richtig gut. Sehr überzeugend genutzt wurde das zum Beispiel von einem deutschen Discounter in einem Werbespot mit Schweizer Bäuerinnen und Bauern. Dass der Discounter deutsch ist? Spielt überhaupt keine Rolle.
Es gibt also wie so oft Gründe drfüür und drwidder – einfach immer mit Liebe.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» branchenverwandte Begriffe und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.

















