Blüten und Perlen: Die meistgelesenste Kolumne…
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal dreht sich alles um (un)gewollte Schreibfehler, auch in der Werbung.
…ist natürlich nicht diese hier. Und ja, der Titel ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch orthografisch. Dieser Fehler gehört zu jenen, die es bald schon in den Duden schaffen könnten – und zwar nicht als Fehler, sondern als, nennen wir es, «alternative Schreibweisen». Anders als bei den alternativen Fakten gilt hier: Wenn man es nur oft genug sagt, wird es eben doch noch wahr.
Der zu gut gemeinte Superlativ ist natürlich nicht das einzigste (höhö) Phänomen. Es gäbe da noch den je-je-Jojo (zum Beispiel: je falscher, je besser) oder auch die Verhunz-Genderung, wie im allseits beliebten «Kund:innen». Nichts gegen gendern, aber so ist es halt falsch. Und natürlich der berüchtigte «Deppen-Apostroph» unter duzenden weiteren Corpora delicti. Sind Fehler nun eigentlich kulturelle Verrohung oder schon irgendwie sprachlicher Fortschritt – oder gar Kunst?
Die Gretchenfrage
Der Umgang mit Sprachregeln ist wirklich eine Gretchenfrage, ein regelrechtes Schlachtfeld der Glaubenssätze: Will man das eigene Bildungsbürgertum zur Schau stellen? Stellt man sich mit unter die Nase geriebenem Pingeltum über andere? Sieht man Sprache als Spiegel der Gesellschaft und darum Regelbrüche als Verrat an derselben? Ist es eine Frage von Respekt, und Sorgfalt – und sind Schreibfehler also Respektlosigkeit? Oder ist alles erlaubt, was anderen nicht schadet? Oder nur das, was Spass macht? Oder ist sowieso alles nur konstruiert und man macht sich die eigenen Regeln, und Regeln sind überhaupt überbewertet und sprachliche sowieso?
Die Grenze zwischen demonstriertem Idealismus und Unwissenheit oder Mangel an Sorgfalt ist dabei schwer zu erkennen: Manche zelebrieren ihre Unfähigkeit zur Rechtschreibung geradezu oder machen sogar sowas wie eine Gesellschaftskritik oder gar Kunst daraus – das beste Beispiel sind falsch geschriebene Tags und Graffitis: Je besser umgesetzt, desto eher darf man von Absicht ausgehen.
Ist das Kunst oder kann das jede:r?
In der Werbesprache gilt: Man darf alles, wenn man es gut (und absichtlich so) tut. Daher sind ungewollte Fehler auch hier bestenfalls amüsant, aber scho kli peinlich – gewollte Fehler aber rhetorisch wertvoll und mitunter hohe Kunst. Und das kann, wie bei hoher Kunst, eben dann doch nicht jede:r.
Bei Graffitis liegt der Reiz des Fehlers auch darin, dass nicht immer so klar ist, ob es sich um guten Humor oder Nachlässigkeit handelt. In der Werbung ist alles ein bisschen plumper. Die Angst, dass ein zu subtiler Fehler nicht als absichtlich erkannt wird, ist einfach zu gross. Wenn schon Fehler, dann also bitte offensichtlich. Darum sind plumpe Schreibfehler in der Werbung meistens genau das: einfach Schreibfehler. In dubio pro reo, natürlich.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» branchenverwandte Begriffe und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.




























