Inspiration von aussen
Auf der Suche nach neuen digitalen Geschäftsmodellen experimentieren Medienunternehmen mit verschiedenen Ansätzen. Tamedia hat sich bei einem Hack Day frische Ideen geholt.

Technologiekonzerne wie Facebook und Google kennen sie schon lange. Aber auch Zeitungen wie The New York Times, The Guardian und Zeit online haben sie bereits durchgeführt. Die Rede ist von sogenannten Hack Days oder Hackathons, Anlässen, an denen Programmierer, Designer und Webspezialisten für Unternehmen an neuen Anwendungen tüfteln. Bei manchen Hackathons jonglieren interne Mitarbeiter mit den Firmendaten, bei anderen werden kreative Köpfe von ausserhalb angezapft. Zeit online etwa stellte im November ihre Content API mit mehreren Hunderttausend Artikeln in einer Beta-Version ins Netz (Developer.zeit.de) und lud Interessierte zum Erkunden ihres 66-jährigen Archivs ein. Im ersten Monat entstanden bereits 23 Anwendungen. Etwa ein Tool, mit dem sich herausfinden lässt, wie oft ein bestimmtes Wort seit 1946 in der Wochenzeitung Verwendung fand (Webevangelisten.de/zeitapi). Oder eine Weltkarte, auf der die Zeit-Artikel visualisiert sind (Newstral.com/de/maps).
Von der Idee der Hack Days liess sich auch Tamedia inspirieren und veranstaltete letztes Wochenende unter dem Namen Open Development Projects einen zweitägigen Wettbewerb, an dem sich Studierende, Freelancer, Webdesigner, Entwickler und Programmierer an verschiedene Tamedia-Produkte herantasteten. Bei zwei Projekten war die Aufgabenstellung klar: Für die SonntagsZeitung sollte ein interaktiver 3‑D-Globus erarbeitet werden, auf dem alle Reisereportagen verankert sind. Das Modeportal Fashionfriends wollte die Plattform mit Gamification attraktiver gestalten. 20 Minuten online, der Terminkalender Doodle oder Search.ch stellten ihre Daten hingegen zum freien Entwickeln zur Verfügung. Daten aus dem elektronischen Telefonbuch und der interaktiven Karte von Search.ch, Wemf- Messdaten wie Visits, Pageviews von Web, Mobile und Tablet von 20 Minuten online.
Auf 50 Teilnehmer war Tamedia vorbereitet. 17 Teilnehmer fanden schliesslich am 9. und 10. März den Weg zu den Open Development Projects. Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur, ein Team der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), einige Jungunternehmer und Freelancer sowie die Berner Webagentur Cubetech, die gleich zu viert angereist war. Sie kamen, um Kontakt zu Tamedia und deren Digitalspezialisten zu knöpfen, um hinter die Kulissen des Medienkonzerns zu blicken und um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.
Ideen abkupfern
Dass sich weniger Teilnehmer als erwartet am Hack Day beteiligten, dürfte damit zusammenhängen, dass viele aus der Webcommunity dem Projekt skeptisch gegenüberstanden. Von Ideenklau war im Vorfeld auf Twitter und Blogs die Rede. Besonders sauer stiess der Community Tamedias Forderung auf, die Teilnehmer müssten bei einer allfälligen Projektrealisierung die Nutzungsrechte an ihren Beiträgen unentgeltlich abtreten. So war es ursprünglich in den Richtlinien festgehalten. Nach der Kritik aus der Community hat Tamedia die Bestimmungen zwar angepasst, Zweifel gab es allerdings auch anderer Art. Das Projekt sei eine billige Masche, um an Ideen heranzukommen, war ebenfalls zu vernehmen. Dass Tamedia in der Vergangenheit erfolgreiche Webplattformen wie Doodle und Search.ch nicht selbst entwickelt, sondern vielmehr eingekauft hat, bestätigte die Skeptiker zusätzlich. Das Medienhaus hätte besser Freelancer oder Unternehmen beauftragt. Diesen Vorwurf weist Tamedia entschieden zurück: «Wir vergeben viele Aufträge an Agenturen und Freelancer. Bei den Open Development Projects geht es darum, Leuten ausserhalb der Szene eine Chance zu geben. Wir wollten jene erreichen, die ansonsten nicht zum Zuge kommen», so Christoph Brand, Leiter Digital bei Tamedia gegenüber der Werbewoche.
Jene, die gekommen waren, legten sich jedenfalls mächtig ins Zeug. Verstreut in diversen Räumen im Tamedia-Haus hatten sich die Teilnehmer mit ihren Laptops eingerichtet, begannen mit der Ideenfindung und der Umsetzung. Das HTW-Team entwickelte für die SonntagsZeitung den Reisereporter 2.0. Ein Berichterstatter, der ausgestattet mit einem GPS-Sender seine Route aufzeichnet und zu verschiedenen Orten Informationen bereitstellt. Für Doodle wurde ein Ausflugsmanager konzipiert, eine Art modernes Rundtelefon für Informationen zu bevorstehenden Anlässen (Ausflug.smilebox.ch). Bei 20 Minuten wurde darüber diskutiert, wie die Lesedauer der Artikel gemessen oder die Popularität eines Beitrags auf Social-Media-Kanälen erhoben werden könnte.
Für Verpflegung war gesorgt, abends traf man sich zu Pizza und Bier. Und für einige Teilnehmer war selbst nach dem Feierabendbier noch nicht Schluss. Bis spät in die Nacht wurde an der Werdstrasse weiter «gecodet». Von derart viel intrinsischer Motivation waren Mike Herter, Projekt-Assistent Onlineentwicklung, und Sven Ruoss, Projektleiter Unternehmensentwicklung, verblüfft. Der Austausch sei äusserst fruchtbar gewesen, meinten beide. Aber auch IT-Leiter Aurel Stevens, der das Brainstorming bei 20 Minuten begleitete, fand die Diskussion mit den «Querdenkern» sehr interessant. Es sei spannend, wenn Externe Fragen stellten und gewisse Dinge infrage stellten, meinte er.
Zwei Projekte ausgezeichnet
Am Montagabend wurden die Projekte schliesslich der vierköpfigen Jury um Christoph Brand, Peter Schüpbach (CEO Fashionfriends), Roland Wittmann (Leiter Unternehmensentwicklung Tamedia) und Simon Bärtschi (Stv. Chefredaktor Sonntags- Zeitung) vorgestellt. Zwei Gruppen wurden zum Sieger erklärt: Erstens die Berner Webagentur Cubetech, die für Search.ch ein Redesign angedacht und bereits einen Prototyp programmiert hatte. Zweitens das ZHAW-Team, das die Vorgabe «Gamification » für Fashionfriends mit der Idee eines Fashionboards realisierte, auf dem Nutzer ihre eigenen Styles kreieren und mit anderen teilen können. Als Dank erhielten alle Teilnehmer eine Geschenktasche, in der unter anderem Abonnements der SonntagsZeitung und Gutscheine von Fashionfriends steckten. Oben drauf gab es eine Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen sowie eine kleine Spesenpauschale. Den beiden Gewinner- Teams überreichte Brand zudem Flugtickets nach Berlin und versprach, ihnen dort die eine oder andere Tür zu öffnen.
Ob die Siegerprojekte umgesetzt werden, steht dagegen noch nicht fest. «Im Falle einer Realisierung werden wir mit den Urhebern eine kommerzielle Diskussion führen», erklärt Brand. Cubetech wird ihr Konzept im April der Geschäftsführung von Search.ch präsentieren können. «Damit ist allerdings keine Garantie verbunden», stellt der Digitalchef klar. Auch beim Fashionfriends-Team laufen derzeit Abklärungen, ob und falls ja, in welcher Form das Projekt umgesetzt werden soll. Abgeschlossen sind die Open Development Projects in dem Sinne noch nicht. Die Siegerteams sehen dem Verlauf gespannt entgegen. Vom weiteren Vorgehen wird nicht zuletzt die Attraktivität künftiger Hack Days abhängen.
Isabel Imper



Christoph Brand, Leiter Digital bei Tamedia, äussert sich im Interview detaillierter zu den Open Development Projects und zu Tamedias Digitalgeschäft: «Tamedia muss die Innovation über die Unternehmensgrenzen ausdehnen».














