In diesem Artikel geht es nicht darum, dass Mediapulse sich bei der Einführung des neuen Mess-Panels kommunikativ ins Abseits manövriert hat (was ja bekanntermassen in diesen Wochen Branchen-Thema Nummer eins ist). Sondern es geht darum, dass mit der rasch voranschreitenden Digitalisierung der TV-Welt vielfältige und umfangreiche Nutzungsdaten entstehen, die herkömmliche Messmethoden für TV-Reichweiten ergänzen, wenn nicht sogar ersetzen können. Diese vier Varianten stehen dabei im Vordergrund:
1. Digital-TV
Bereits rund zwei Millionen Haushalte sind vom analogen auf das digitale Fernsehen umgestiegen und beziehen Angebote der beiden Marktführer UPC Cablecom und Swisscom oder vom Runner-up Sunrise sowie von lokalen Netzbetreibern. Die Nachfrage verläuft ungebremst, eine Sättigungsschwelle ist vorderhand nicht in Sicht und so ist absehbar, dass die Tage des analogen Angebots gezählt sind. Dabei geht es um nichts anderes als um den Abschied vom Rundfunkmodell des 20. Jahrhunderts hin zum Streaming- Modell des 21. Jahrhunderts.
Und längst gibt es Software-Angebote und internationale Standards, mit denen Kabelfernsehbetreiber das Nutzungsverhalten ihrer Kunden auswerten können. Etwa zur Produktgestaltung (Angebotspakete, Bündel, Preise, Funktionen und Features), aus geschäftlichen Gründen (Verhandlungen mit Programmanbietern), für das Kundenbeziehungsmanagement (cross- und up-selling, Kundenbindung), um neue Dienste (personalisierte Angebote, Empfehlungen für Inhalte aufgrund des bisherigen Konsumverhaltens, gezielte Werbung etc.) gestalten zu können, und nicht zuletzt zur Betriebsverbesserung (Kanalaufstellung, Bandbreiteneinsatz etc.).
Und es gibt für diese Daten externe Anspruchsgruppen: Datenverarbeiter (die die Daten verschiedener Netzbetreiber zusammenführen und aufarbeiten), Marktforscher (die aufgrund der aufgearbeiteten Daten mit Zusatzdaten und Modellen und Erkenntnisse formulieren), Sender und Netzwerke (Auswahl der Inhalte, Optimierung der Werbeplatzierung), Inhaltsproduzenten (Gestaltung des Handlungsflusses, Beliebtheit einzelner Schauspieler, Grundlagen für Lizenz- Vereinbarungen) und schliesslich für die Werbung: ganz herkömmlich, um bei der Platzierung einzelner Spots bestimmte Publikumssegmente gezielter anzusprechen, aber auch für Rückschlüsse auf deren Gestaltung.
Anders als bei herkömmlichen Erhebungsmethoden, wo ein kleiner Ausschnitt aus dem Publikum (Panel) auf das gesamte Sehverhalten hochgerechnet wird, stehen hier die Daten aller Kunden zur Verfügung. Zu diskutieren wird sein, inwiefern Digital-TV-Konsumenten derzeit repräsentativ für das Gesamtpublikum stehen. Wie Anfragen der Werbewoche bei den Marktführern zeigen, sind die Fernmeldeunternehmen indes (bislang) nicht darauf aus, mit ihren Daten eine aktive Rolle zu spielen. UPC Cablecom hat gemäss Angaben von Mediensprecher Marc Maurer «zurzeit keine Absicht, Unternehmen, Nutzungsdaten für die Mediaplanung im Werbebereich zur Verfügung zu stellen». Und bei der Swisscom bestätigt Mediensprecher Olaf Schulze, dass mit den Produkten Swisscom TV und dem Mobile-Angebot Swisscom TV air «eine sehr breite Datenbasis zur Nutzung zur Verfügung steht, deren Auswertung ausgebaut werden könnte». Allerdings gebe es «derzeit keine konkreten Pläne und Vorstellungen», um diese Daten für die Medien- oder Werbebranche aufzubereiten.
2. Web-TV
Im Unterschied zu IPTV-Diensten, die bei der Übertragung von technischen Vorteilen zur Qualitätssicherung im Netz des jeweiligen Anbieters profitieren, werden Web-TV-Dienste über das Internet verbreitet. Aufgrund der speziellen rechtlichen Ausgangslage zur Abgeltung der Urheberrechte über Verwertungsgesellschaften haben Angebote wie Zattoo, Wilmaa oder Teleboy sich in der Schweiz früh und ungehindert entwickeln können. Allerdings kann von den Web-TV-Nutzern nur unzulänglich auf die Gesamtbevölkerung zurückgeschlossen werden. Dazu führt Karim Zekri, CEO der Teleboy AG, aus: «Grundsätzlich verhalten sich die Einschaltquoten sehr ähnlich. Grossanlässe und Live- Sendungen, insbesondere Sport, sorgen jeweils wie im klassischen TV für die höchsten Werte. Bei einzelnen Formaten kann es aufgrund der tendenziell jüngeren Nutzergruppe oder anderen Faktoren aber Abweichungen geben. In einer Zielgruppe, welche nur über Teleboy oder einen anderen Internet-TV-Anbieter Fernsehen schaut, sind wir natürlich repräsentativ».
Auch Michael Loss, bei Wilmaa zuständig für Media Relations, erwähnt die vergleichsweise tiefere Nutzung beim frei zugänglichen Angebot und auch er bestätigt: «Premium-Kunden, die den entgeltlichen Service nutzen, lassen sich im Verhalten jedoch gut mit dem klassischen Fernseh- Konsumenten vergleichen.» Und bei Zattoo berichtet Jörg Meyer, Vice President im Bereich Content and Consumer: «Die Nutzung von Zattoo deckt sich im Tagesverlauf sehr stark mit der Tagesverlaufskurve aus der offiziellen Reichweitenmessung – auch wenn es bei den Reichweiten auf Senderebene sicher einige Unterschiede gibt.» Für die Publikumsforschung von Vorteil ist, dass alle Web-TV-Nutzer angemeldet sind und dabei zusätzliche soziodemografische Daten hinterlegt haben, die (anonymisiert) mit ausgewertet und von den Dienstanbietern Werbetreibenden zur genaueren Zielgruppenselektion zur Verfügung gestellt werden.
3. Smart-TV
Eine weitere interessante Möglichkeit zur TV-Reichweiten-Messung eröffnet sich über Smart-TV. Damit werden Internet-fähige Fernsehgeräte bezeichnet, wie sie in letzter Zeit nachgerade zum Standard geworden sind. Gleich wie bei Smartphones können auf Smart-TV-Geräten Apps installiert werden. Bereits gibt es erste Konzepte, die zeigen, wie eine solche App die Nutzung auf dem jeweiligen Gerät protokolliert und an den App-Betreiber meldet. Ein besonderer Clou könnte dabei die Kamera sein, die in neuesten TV-Modellen verbaut wird, um Video-Gespräche zu ermöglichen. Sie könnte zur Gesichtserkennung eingesetzt werden, um die Zahl der Zuschauer vor dem Bildschirm sekundengenau zu erheben. Und mehr: Wie Fotokameras neuerer Bauart zeigen, ist nicht nur die Gesichtserkennung kostengünstig zu realisieren, sondern auch das Erkennen lächelnder Gesichter (womit bei Kameras der Auslöser gesteuert werden kann). Für die Reichweitenmessung per Smart-TV hiesse das, dass auch Emotionen mit erhoben werden können – was für Programmschaffende und Werber gleichermassen ein wahrer Datenschatz wäre. Das Haupthindernis eines solchen Vorgehens liegt also kaum bei der Technik, sondern in der Marktkommunikation, um dem Publikum glaubhaft zu erklären, dass die so gewonnenen Daten auf jeden Fall nur anonymisiert verwendet werden.
4. Social TV
Derartige Datenschutzbedenken hat nicht, wer über Twitter oder Facebook das laufende Fernsehprogramm kommentiert, was als Social TV bezeichnet wird. So ist mit dem Aufkommen der sozialen Netze ein weiterer Datenfundus entstanden, um die TV-Nutzung messen zu können, und zwar nicht quantitativ, sondern auch qualitativ. Vorreiter auf diesem Gebiet ist das amerikanische Unternehmen Bluefin Labs, das als Start-up auf Forschungen am MIT Media Lab (Massachusetts Institute of Technology) aufbauen konnte und das im Februar von Twitter übernommen worden ist. Für mehr als 40 TV Netzwerke und Agenturen sowie für eine Reihe bekannter Marken wertet Bluefin in den USA Datenströme von Twitter und Facebook aus, um Kommentare aktuellen TVSendungen zuzuordnen und sie zu bewerten. So entstehen neue Einsichten in das Publikumsverhalten, die nicht nur die Buchungen für TV-Spots, sondern auch die Produktion von Shows und Spots und deren Laufzeiten beeinflussen. Und Bluefin ist kein kurioses Unikum: Das in den USA bei der TV-Reichweiten- Messung führende Marktforschungsunternehmen Nielsen Media Research hat im letzten Dezember zusammen mit Twitter das «Nielsen Twitter TV Rating» angekündigt, das im Herbst dieses Jahres starten und aufzeigen soll, wie das Publikum auf TV-Inhalte reagiert.
RTB auch für die TV-Werbung?
Es wird klar: Mit der Digitalisierung der TV-Welt entstehen verschiedene neue Datenquellen zur Messung der Nutzung und der Reichweiten. Zwei, die Daten von IPTV und Web-TV, sind heute konkret vorhanden und könnten aufbereitet und ausgewertet werden. Weitere, wie etwa Smart-TV und Social- TV, künden sich an. Damit entstehen Alternativen zu den etablierten Reichweitenmessern, wie in der Schweiz zu Mediapulse und es stellt sich die Frage, wie damit umzugehen ist. Sollen alle Daten, die über den TV-Konsum Auskunft geben können, in einen einzigen Trichter gefüllt werden, damit sie zu einem einheitlichen Resultat verwertet werden können, das wie bis anhin in der Branche als «Einheitswährung» allein gültig ist? Oder soll der Markt spielen können und wer Daten hat, soll diese verkaufen, und wer welche braucht, soll bei einem oder bei mehreren Anbietern einkaufen und zum eigenen Vorteil die Daten aufarbeiten und auswerten können? In dem Fall, bräuchte es Mediapulse, zumal vom Staat gefördert, so nicht länger.
Wie diese Frage beantwortet wird, ist entscheidend für die künftige Ausgestaltung des TV-Werbemarktes. Ausgehend von der Digital- Werbung, da viele Werbeplätze online und in Echtzeit gehandelt werden, ergibt sich die Vorstellung, solche Vorgehensweisen (wie etwa Real-Time-Bidding, RTB) auch bei der Buchung von TV-Spots einzusetzen, was vor allem in den USA von Experten vorhergesagt und bei Online-Videos bereits angewandt wird. Und gleich wie bei der Digital- Werbung spielen dabei Daten eine Schlüsselrolle: Wer bessere Einblicke ins Publikumsverhalten hat, kann seine Mittel effektiver einsetzen. Und gleich wie bei der Digital- Werbung ergibt sich beim Streaming von Inhalten die Möglichkeit, Spots gezielt aufgrund von Profildaten nur den Zuschauern zu zeigen, die aufgrund der ausgewerteten Daten eine überdurchschnittliche Affinität für die jeweilige Botschaft haben. Dadurch verändert sich das Geschäft mit TV-Werbung grundlegend, denn anstatt sie wie bisher bei den Sendern einzukaufen, würde sie nun bei den Netzbetreibern gebucht (die wiederum mit den Programmanbietern entsprechende Lizenz-Vereinbarungen abzuschliessen hätten). Wann und wie die Schweiz diesen Wandel (inklusive Anpassung der rechtlichen Vorgaben) vollziehen wird, ist offen und wird spannend zu beobachten sein.
Christoph J. Walther