Die Ausgangslage war vielversprechend: Die meisten Prominenten waren beim Einzug nicht nur dem Publikum, sondern auch den anderen Bewohnern weitgehend unbekannt («Ich kenne dein Gesicht, weiss aber nicht woher!»). Trash-Shows mit Prominenten leben davon, dass die Teilnehmer entweder nicht mehr, noch nicht oder überhaupt nicht bekannt sind.
Eine Dame beispielsweise war Kandidatin bei der Pro7-Sendung «Catch a Millionaire» und fühlt sich entsprechend als Showbiz-Star. Jenny Elvers zog ein, um ihre Alkohol-Abstinenz unter Beweis zu stellen. Eine dunkelhaarige Sängerin machte irgendwann bei einer Casting-Show mit. Ein Boxer, der als Leistungsausweis schon mal von Klitschko auf die Nase bekam. Mareike Amado übernimmt im Haus die Mutterrolle und hat ihren Hund mitgenommen. Wahrscheinlich kennt man sie auch von irgendwoher. Die Jüngsten werden durch Stars ihrer Generation vor die Bildschirme gelockt: Ein Kandidat spielt bei «Berlin – Tag und Nacht» mit, ein anderer hat zumindest eine beachtliche Youtube-Fangemeinde (wieso genau bleibt dem Rest der Zuschauer schleierhaft). Und natürlich David Hasselhoff, der mit seinem echten Prominentenstatus wie ein Exot im falschen Film wirkt.
So weit, so gut, die Trash-Suppe scheint angerichtet, die Show ein Selbstläufer. Mitnichten. Format-Neuling Sat.1 macht ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Angefangen beim Logo, das so hässlich ist, dass man gleich wieder abschalten möchte. Die beiden Moderatoren Cindy von Marzahn und Oliver Pocher sind des weiteren derart schlecht, dass man vor Fremdscham nur noch im Sofa versinken will: Pochers unsichere Grenzüberschreitungen werden von seinem Gegenüber auf kindliche Art und Weise korrigiert und entschärft. Der tabulose Pocher, der normalerweise durchaus seine Momente hat, verkommt so zum gestutzten Schulbuben, der bei jedem Spruch hofft, nicht von der schnaubenden Frau Moralapostel auf Teenie-Niveau zurechtgewiesen zu werden. Alles wirkt improvisiert, angestrengt und unsicher.
Die Show selbst ist erstaunlich mühsam produziert: Die Regie verschläft das Timing der Einspieler und nimmt der Sendung so den bitter nötigen Fluss. Den Einspielern selbst fehlt der rote Faden und die Relevanz. Nach ein paar Minuten stoppen sie ohne Vorwarnung oder Pointe – das überraschte Live-Publikum braucht meist einige Momente, um zu merken, wann und wieso applaudiert werden muss. Zu allem Übel werden auch diese Filme von Pocher und Cindy von Marzahn kommentiert – fadere Off-Stimmen hat das deutsche Fernsehen wohl noch nie gehört. Die Bewohner müssen einfallslose und seltsame Aufgaben bewältigen – unterstützt durch die Zuschauer, die bestimmen, ob dem gewählten Kandidaten am nächsten Tag Spaghetti Bolognese oder Cheeseburger ins Gesicht geschleudert wird. Fesselnd! Ab und zu wird live ins Haus geschaltet, um wenig später die Übung abzubrechen – falscher Moment, zu langeweilg.
Format-Primus RTL wird sich ins Fäustchen lachen. Der Versuch der Konkurrenz, auf dem niveaufernen Fremdscham-Terrain Fuss zu fassen, scheint bereits nach vier Tagen gescheitert. Und man wird sich bewusst: Der Erfolg von RTL mit der «Dschungelshow» ist kein Zufall und auch kein Indikator für ein anspruchsloses, bildungsfernes Publikum. Das Verspeisen eines Känguru-Hodens oder ein Kakerlaken-Bad macht noch keinen Strassenfeger. Der Erfolg beruht auf der heimlichen Qualität der Sendung – auch wenn diese im vermeintlich billigen Trash-Gewand daherkommt. Bei RTL scheinen im Hintergrund Spitzenleute die Fäden zu ziehen, bei Sat.1 Praktikanten und Ferienaushilfen.
Kressexpress.de kommentierte die Quoten am Samstag: «Sat.1 siegt mit 'Promi Big Brother' in der Werbe-Zielgruppe». Am Sonntag: «Starke Verluste an Tag zwei, aber: 'Promi Big Brother' bringt den Tagessieg». Am Montag: «Top-Quote für harten Wiener-Zuhälter-'Tatort' – 'Promi Big Brother' auf Tiefststand». Und wie sieht's wohl am Dienstag aus? Zumindest dem extra angereisten Ex-Rettungsschwimmer und Autoflüsterer David Hasselhoff wäre es zu gönnen, wenn sich die Show noch auffangen könnte.
Thomas Häusermann